Es gab einen Moment am vergangenen Montag, da sah es aus, als habe der Terror des "Islamischen Staates" (IS) Australien erreicht. Ein 50-jähriger Mann hatte in einem Café in Sydney Dutzende Geiseln genommen. Dann zwang er eine von ihnen, eine junge Frau, eine Botschaft zu übermitteln: Der Attentäter forderte, so berichtete sie zitternd, dass ihm eine Flagge des IS gebracht werde; und er verlange ein Telefonat mit dem australischen Premierminister. Außerdem lasse er ausrichten, dass an drei weiteren Orten in Sydney Bomben bereitstünden. Bei Nichterfüllen seiner Forderungen würden sie explodieren. "Dies ist ein Angriff des 'Islamischen Staates' auf Australien", ließ der Geiselnehmer sein Opfer mitteilen.

Wenige Stunden später stürmte die Polizei das Café, der Attentäter, ein iranischer Asylant namens Man Haron Monis, wurde dabei erschossen, auch zwei Geiseln kamen ums Leben. Aber Bomben hatte es zumindest keine gegeben, Mittäter wohl ebenso wenig. Die Erleichterung war entsprechend groß: keine konzertierte Terroraktion einer IS-Zelle, kein zweiter Anschlag nach dem Muster von Mumbai, wo Dschihadisten im Jahr 2008 drei Tage lang eine Millionenstadt in Angst und Schrecken versetzt hatten.

Doch bedeutet dieses verhältnismäßig glimpfliche Ende wirklich, dass der Terror des IS nicht in Australien angekommen ist? Der "Islamische Staat" hat schließlich alle Gesinnungsgenossen auf der Welt schon vor Monaten aufgefordert, Ungläubige zu töten – Australien wurde dabei explizit genannt. Die Freiwilligen sollten in Eigenregie zur Tat schreiten und niemanden konsultieren. Hat Monis nicht genau das umgesetzt?

Betrachtet man nur die Tat, lautet die Antwort: Ja. Bezieht man das, was wir bisher über Monis wissen, mit ein, fällt sie weniger klar aus.

Monis war auf Bewährung frei, wurde der Beihilfe an einem Mord verdächtigt, wurde Medienberichten zufolge in etlichen Fällen der sexuellen Belästigung beschuldigt. Das ist seine kriminelle Vorgeschichte. Die religiös-extremistische Biografie ist obskurer. So hatte er einerseits beleidigende Briefe an Familien australischer Soldaten, die in Afghanistan getötet wurden, geschrieben. Andererseits bezeichnete er sich als Antiterror- und Friedensaktivist.

Zum Islamgelehrten hatte er sich offenbar selbst ernannt. Der IS ermordet Schiiten, aber Monis trat erst in diesem Monat vom schiitischen zum sunnitischen Islam über. Aktenkundig ist überdies, dass er eine Zeit lang als Wunderheiler auftrat – etwas, das Dschihadisten zutiefst ablehnen. Womöglich war Monis nicht nur gefährlich, sondern auch verwirrt. Ließe das seine Tat in einem anderen Licht erscheinen?

Man könnte einwenden, dass jeder Akt dieser Art mindestens einem verwirrten, wenn nicht einem kranken Hirn entspringen muss. Trotzdem ist es womöglich bedeutsam, dass sich Anschläge mit dschihadistischer Begründung häufen, bei denen die Grenze zwischen Terrorismus und Amoklauf oder sogar jene zwischen Original und Nachahmung zu verschwimmen scheint. So war es zum Beispiel bei den Bomben zweier Brüder auf den Boston-Marathon 2013, deren persönliche Krise womöglich wichtiger war als die Dschihad-Propaganda, die sie konsumierten. Im Oktober 2014, als ein junger Kanadier mit dschihadistischer Begründung einen Soldaten erschoss, entspann sich eine ähnliche Debatte. Sind diese Taten IS-Terrorismus? Oder belegen sie eher seine Anziehungskraft?

Für den IS ist es einerlei, für uns sollte es das nicht sein. Man könnte es so sagen: Es ist Terrorismus, wenn wir es so sehen. Erkennen wir aber (vornehmlich oder wenigstens teilweise) etwas anderes darin – eine nihilistische Gewalttat, einen kriminellen Akt, eine tragische Tat eines Verwirrten, einen Mord, ein Verbrechen –, dann hat das Auswirkungen auf unser Bild vom IS. Dann bleibt der IS eine Organisation mit soundso vielen zählbaren Kadern und soundso vielen benennbaren Ressourcen. Mal gelingt es dieser Organisation, einen Attentäter zu rekrutieren – meistens aber nicht.

Wenn wir uns das klarmachen, dann wird der IS nicht, auch in unseren Köpfen nicht, zu jener geheimnisvollen Macht, als die er sich selber inszeniert und der wir scheinbar nichts entgegenzusetzen haben.

Der Anschlag von Sydney war tragisch und brutal. Dem "Islamischen Staat" ist es anscheinend gelungen, einen weiteren Anfälligen aus der Ferne zu einer Gewalttat zu inspirieren. Ein "Angriff des 'Islamischen Staates' auf Australien" war es trotzdem nicht.