Das Dach des Hauses ist eingestürzt, Efeu rankt über Feldsteinmauern und zerbrochene Ziegel. Feigenbäume wachsen, wo einst Menschen lebten, bis sie fortgingen, um anderswo eine Zukunft zu suchen. Im Innern des Nachbarhauses platzt blauer Putz wie trockener Schorf von den Wänden. Rauch ungezählter Jahre hat die Ofennische mit einer schmierigen Rußschicht überzogen. Vor vielleicht 70 Jahren wurde hier das letzte Brot gebacken, kam die Familie Santo ein letztes Mal am Esstisch zusammen. Kurz darauf packten sie ihre Sachen, beluden den Maulesel und zogen ins Tal. Aus der Tiefe ihrer Zisterne, eines schwarzen Lochs bei der Eingangstür, scheint die Vergangenheit widerzuhallen.

Draußen fährt kalter Dezemberwind in die Kronen von Kiefern und Steineichen. Xavier Espelta führt durch die Gassen von Masia de Castelló, zu Ruinen und zu Häusern, denen es wieder etwas besser geht. Mit einer Gruppe von Freunden hat er vor 16 Jahren begonnen, das verlassene Dorf wiederaufzubauen, das in den Kalksteinbergen liegt, die Espeltas Heimatort Vandellòs von der zehn Kilometer entfernten katalanischen Mittelmeerküste trennen. Er war damals Anfang zwanzig, wie seine Freunde, und fühlte sich auf seltsame Weise angezogen von den verfallenen Häusern, die mitten in einer überwucherten Terrassenlandschaft auf etwa 400 Meter Höhe hockten. Bei langen Bergläufen machte er Halt und erkundete die Gemäuer. Die Großeltern in Vandellòs hatten ihm viel von Castelló erzählt, von der einfachen Lebensweise damals und der innigen Dorfgemeinschaft. Es schien, als hätten sie eine Vergangenheit zurückgelassen, die weit älter war, als ein Leben zurückreichen konnte.

Espelta und seine Freunde gründeten einen gemeinnützigen Verein für den Wiederaufbau von Masia de Castelló. Viele Erben überschrieben den Vereinsleuten die verlassenen Familiengemäuer, andere überließen sie ihnen zeitweise. Bald begannen sie, die Vegetation zurückzudrängen und die ersten Häuser zu restaurieren. Nicht, um einmal selbst darin zu wohnen. Sie träumten von einer Art Kulturdorf, das die Menschen zusammenbringen sollte – miteinander und mit ihrer eigenen Vorgeschichte.

Xavi Espelta stößt die Tür zum Vereinshaus von Castelló auf. Zwei alte Damen in Kittelschürze frittieren rosquillas – kleine Fettkringel, die sie in einen großen Topf mit heißem Öl tauchen und in Zucker wenden. Espelta setzt sich auf einen schnellen café solo zu ihnen. Er ist Präsident des Vereins von Masia de Castelló, ein großer Mann mit wilden Locken, Feuerwehrmann. Heute hat er wenig Zeit für Pausen, ständig klingelt sein Handy, er muss regeln, was noch zu regeln ist. In ein paar Stunden werden mehr als 200 Laiendarsteller in den Häusern und Ruinen von Masia de Castelló das Pessebre dels Estels aufführen, wie jedes Jahr an drei Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr. Ein lebendiges Krippenspiel unter dem klaren Sternenhimmel des katalanischen Winters. Keine Nacherzählung der Weihnachtsgeschichte, wie sie sonst in Katalonien und anderswo in Europa üblich ist, sondern ein Krippenspiel in eigener Sache – eine Inszenierung der gemeinsamen Erinnerung. "Wir zeigen auch eine biblische Szene mit Maria und Josef", sagt Espelta, "aber die Leute hier sind immer weniger religiös; uns interessieren vor allem die Menschen." Die Laiendarsteller kommen aus Vandellòs und den umliegenden Dörfern, um vorzuführen, was in ihren Familien an bäuerlichem Erbe überlebt hat.

Als vor 16 Jahren alles mit einer Handvoll Freiwilliger und wenigen Zuschauern zwischen überwucherten Ruinen begann, mussten die Leute noch mit einem Landrover über Geröllpisten bis zum Dreschplatz gefahren werden. Doch vor ein paar Jahren hat die Kommunalverwaltung eine Straße gebaut, steil und gewunden, und einen Wiesenparkplatz angelegt. Seither kommen von Jahr zu Jahr mehr Besucher, vor allem Einheimische, aber auch ein paar Touristen von der Costa Dorada und aus dem knapp 40 Kilometer nordöstlich gelegenen Tarragona.

Um kurz vor vier wirkt Masia de Castelló noch fast wie ein Geisterdorf. Die tief stehende Nachmittagssonne wirft geometrische Schatten auf rissige Hauswände. Wäsche weht im Wind, aber es sind kaum Menschen zu sehen. Nur hin und wieder schiebt jemand eine Schubkarre voll gespaltenem Brennholz um eine Ecke. Aus einem Stall glotzen Schafe, als seien sie vergessen worden.

Die Auferstehung beginnt, als die hohen Kalksteinberge die Sonne verschlucken und sich für kurze Zeit ein gleichmäßig warmes Licht über die Welt legt. Jungen in katalanischer Tracht laufen plötzlich durch die Gassen, sie tragen Bauchbinden und rote barretinas, Wollmützen, die über dem Kopf wie schlaffe Windsäcke zur Seite fallen. Die Mädchen tragen lange Röcke und wollene Schultertücher. Auf dem Parkplatz heben Männer und Frauen Kisten mit Requisiten aus Kofferräumen, tragen sie ins Dorf, stellen Stühle und Schränkchen in leere Häuser, decken Esstische ein, hängen Regale an kahle Steinwände und sortieren Einmachgläser ein. Sie ziehen Trockenfisch und Blutwürste auf Schnüre und entzünden Kaminfeuer. Schornsteine beginnen zu rauchen, wo keine Dächer mehr sind.

Zwei alte Frauen in langen Röcken, Wollpullovern und Kittelschürzen schleppen einen schweren Kessel mit Wasser zu einer Feuerstelle und setzen sich auf winzige Stühle daneben. Sie beginnen Palmblätter zu flechten. "Früher mussten wir diese Arbeit erledigen, heute machen wir sie aus Spaß", sagt die 85-jährige Dolores Vernet Barceló in unsicherem Spanisch. "Wir sprechen eigentlich Katalanisch, wissen Sie? Katalonien bedeutet alles für mich, ich fühle mich nicht als Spanierin." Sie wickelt sich in einen schwarzen Schal – der Wind weht heftig in diesem Jahr – und wird den ganzen Abend am Feuer sitzen und vorführen, wie man mit kräftiger Nadel Feuerwedel, Körbe oder Tragetaschen für Maulesel flicht. "Ich war von Anfang an dabei, weil ich zeigen möchte, wie wir früher gearbeitet haben." Sie legt ein Bündel Palmblätter zum Aufweichen ins Wasser. "Das Pessebre gehört für mich inzwischen zu Weihnachten wie das Hühnchen aus dem Ofen, das ich am ersten Feiertag zubereite."

Es ist dunkel geworden, als die ersten Besucher das Dorf betreten. Gerade hat der Elektriker noch die letzten Glühbirnen eingeschraubt und die provisorische Stromleitung überprüft, die von einem nahen Wasserpumpwerk hergeleitet wird. Jetzt füllen sich die Gassen fast wie bei einem Jahrmarkt. Besucher in dicken Winterjacken schauen durch ausgefressene Mauern in halb offene Ruinen und drängen sich in die restaurierten Häuser. In einem Haus ohne Dach rührt eine Frau mit Kopftuch gelbe Seife über einem Feuer, die angestrahlte Hausmauer hinter ihr ist nicht viel höher als ein Gartenzaun. Eine andere desinfiziert Bettwäsche in einem Bottich mit heißem Wasser und der Asche verbrannter Mandelschalen. Anderswo nähen und sticken sie, schmieden, backen, kochen oder sitzen in der Taverne beim Kartenspiel zusammen, unter dem Tisch eine wärmende Glutschale. Auf dem großen Dreschplatz laufen Pferde im Kreis über Getreidegarben, treibt jemand eine Herde Gänse vor sich her, lehnt ein Schäfer neben seinem Hund auf einem Stock.

Am höchsten Punkt von Castelló, gleich unterhalb der Felsnase, auf der einst ein maurisches Fort gethront haben soll, steht der 84-jährige Santiago Saladié Gil, ein gekrümmter alter Mann in schwarzer Kleidung. Er ist einer der wenigen, die noch in Castelló geboren wurden. Mit seinem Vater und den Geschwistern hat er in den umliegenden Wäldern als Köhler gearbeitet und die Holzkohle mit dem Maultierkarren bis ans Meer nach Tarragona transportiert, um sie dort zu verkaufen. "Die Fischer haben auf ihren Booten damit gekocht", erzählt er. Bis vor ein paar Jahren hat er den Besuchern des Pessebre noch gezeigt, wie er die Kohle gebrannt hat, indem er dicke Holzscheite aufgeschichtet und sie unter der Erde tagelang hat glimmen lassen. Nun hat sein Enkel die Aufgabe übernommen.