Schon wieder kam es bei einem renommierten Blatt zum Eklat. Und schon wieder erwischte es den Chefredakteur. Nach dem stern und dem Spiegel feuerte vorige Woche die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) ihren Redaktionsleiter. Ein historischer Vorgang, erst zum dritten Mal in der 234-jährigen Geschichte des Blatts wurde ein Chef zum Abschied gezwungen.

Was ist passiert? Offiziell heißt es, man sei sich uneins über die neue Organisationsstruktur gewesen. Wie alle seine Vorgänger sitzt auch Markus Spillmann in der Unternehmensleitung der NZZ. Als publizistischer Leiter ist er eine Art Chefideologe für alle Regionalzeitungen, Onlineportale, Monatsbeilagen, TV- und Radiostationen, die zur NZZ-Mediengruppe gehören. Dies wollte der NZZ-Verwaltungsrat nun ändern, Spillmann sollte einen neuen Vorgesetzten bekommen. Sein Name: Mathias Müller von Blumencron, ehemaliger Spiegel- Chef und heute Digitalchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Doch die Zürcher buhlten vergebens um Müller von Blumencron, vor zwei Wochen sagte er dem Verlag ab.

So weit, so unspektakulär. Weshalb also der Aufruhr in der Schweizer Medienbranche? Weil hinter dem unternehmerischen Umbau des Traditionsblatts, das wie alle Medienhäuser verzweifelt nach neuen Geschäftsfeldern sucht, auch eine politische Agenda steckt.

Noch bevor die NZZ den Abgang von Markus Spillmann offiziell verkündete, kursierte ein Gerücht: Als neuer Vordenker an der Falkenstraße sei Markus Somm vorgesehen, Chefredakteur und Verleger der Basler Zeitung (BaZ). Jenes Blatts also, das 2013 von einem der mächtigsten Männer der Schweiz übernommen wurde: dem Unternehmer und Politiker Christoph Blocher. In Ausländer- und Europafragen argumentiert die BaZ stramm auf Linie von dessen Partei, der Schweizerischen Volkspartei (SVP). Brüssel ist in den dort erscheinenden Texten ein gefährliches Monster, die Schweiz am erfolgreichsten, wenn sie den Alleingang sucht, und Asylbewerber sind das drängendste Problem des Landes. Mit einem NZZ-Chefredakteur Somm hätten die nationalkonservativen Populisten die Medienbastion des Schweizer Freisinns gestürmt.

Als sich im Verlauf der Woche das Gerücht zur Gewissheit verdichtete, rebellierten die sonst so bedächtigen NZZler. Ressortleiter drohten mit Rücktritt, bei einem Weihnachtsapéro wurden die Kaderreihen geschlossen, und der Chefredakteur der NZZ am Sonntag, ein in der Wolle gefärbter Liberaler, zitierte in seinem Kommentar Hamlet: "Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode." Finger weg von unserer NZZ!

Am Montagmorgen dann kam die Nachricht: Markus Somm verzichtet. Ob ihn der Widerstand erschütterte oder der Verwaltungsrat ihn um Rückzug bat, bleibt unklar. Der Putsch ist gescheitert, die Redaktion hat den Machtkampf gewonnen. Aber einen neuen Chef braucht die "Alte Tante", wie die Zürcher ihr Blatt liebevoll nennen, nach wie vor. Einen mit guten Ideen, wie man das Traditionshaus in die digitale Zukunft retten kann. Denn vor dieser Aufgabe steht auch die NZZ relativ ratlos.