Bisher würden die Rechten nicht von den Demonstrationen profitieren, sagt Verfassungsschützer Gordian Meyer-Plath. "Und es gibt bei uns auch keine Anhaltspunkte dafür, dass die froh sind, dass die Rechten dabei sind. Es scheint keine Masche zu sein, dass Pegida sich von rechts abgrenzen will."

Wirklich?

Der ZEIT gelang es, Zugang zu geschlossenen Facebook-Gruppen zu bekommen, in denen sich auch Pegida-Mitorganisator Däbritz austauscht. Am 3. Oktober schrieb er dort: "Ob nun ›Identitäre Bewegung‹, ›German Defense League (GDL)‹ oder ›HoGeSa‹, man ist näher beieinander als man denkt, die ›Grenzen‹ sind fließend."

Die GDL ist ein Zusammenschluss von Islamhassern, die sich nach dem Vorbild einer rechten Hooligan-Gruppe aus Großbritannien gegründet hat. Wie die europaweit verbreitete Bewegung der "Identitären", eine rechtsintellektuelle Gruppe, wird auch die GDL vom Verfassungsschutz beobachtet.

Die Pegida-Organisatoren, die gegen das Meinungskartell der Etablierten wettern, scheinen es selbst mit der Meinungsvielfalt nicht allzu ernst zu nehmen. Das Organisationsteam um den vorbestraften Gründer Lutz Bachmann sei ein "diktatorisch regierendes Regime", behauptet jemand, der Bachmann seit vielen Jahren kennt. Wer zu den Dresdner Demonstranten sprechen dürfe, müsse vorab erklären, was er sagen wolle, der Führungszirkel lasse niemanden aufs Podest, der nicht auf Bachmanns Linie sei, heißt es aus verschiedenen Quellen.

Am Montag hat Lutz Bachmann auch geredet. "Wir sind keine Leute mit Abstiegsangst!", hat er ins Mikrofon gebrüllt. "Die anderen haben Angst! Dass ihr eure Macht entdeckt!" – "Nicht schlecht", befindet AfD-Tourist Gauland hinterher. "Rhetorisch gut gemacht." Offiziell ist man sich in der AfD allerdings noch nicht darüber einig, wie man sich zu Pegida stellen soll. Hans-Olaf Henkel rät zu Distanz, doch Gauland und AfD-Chef Lucke scheinen entschlossen, Pegida zu umarmen.

Die Pegida-Organisatoren in Dresden glauben, über kurz oder lang könne man die übergroße Mehrzahl der Deutschen erreichen. Angeblich erwägt das Bündnis, bei den Dresdner Oberbürgermeisterwahlen Mitte 2015 einen eigenen Kandidaten aufzustellen. Einer der nächsten Schritte hin zur bundesweiten Etablierung von Pegida soll Leipzig als Revolutionsstadt von 1989 sein, im Januar soll der erste Marsch stattfinden.

Und längst ist der Übergang von Pegida zur AfD fließend. Beim Aufbau des Leipziger Ablegers Legida (Leipzig gegen die Islamisierung des Abendlandes) hilft Hans-Thomas Tillschneider, AfD-Landesvorstandsmitglied und Islamwissenschaftler aus Leipzig. Tillschneider erlangte einige Bekanntheit, weil er in der Vergangenheit gegen einen geplanten Moscheeneubau in Leipzig mobilmachte. Regelmäßig marschiert er inzwischen bei den Dresdner Pegida-Demos mit, am Rande der Kundgebungen habe er sich auch immer wieder mit "anderen AfD-Leuten" getroffen, sagt er.

Zu den Organisatoren von Legida gehört nach ZEIT-Informationen auch Felix Koschkar, ein 27-jähriger Mechatroniker, der als Vertreter der identitären Bewegung auch Bindeglied zur extremen Rechten ist. Dieses Jahr wollte er für die AfD in den Landtag in Dresden einziehen und gründete den Rechtsaußen-Flügel der Partei, die Patriotische Plattform, mit.

Tillschneider wird auf der Legida-Seite als "Mitstreiter" vorgestellt. Der Akademische Rat am Lehrstuhl für Islamwissenschaft an der Universität Bayreuth hat vor Kurzem den Arbeitskreises Islam in der AfD gegründet. Tillschneider soll bei einer Veranstaltung des AfD-Nachwuchses damit geprahlt haben, er sei mit den Tätern eines "Schweinekopf-Anschlags" auf den Bauplatz einer Moschee befreundet, berichten Teilnehmer. Tillschneider bestreitet das.

85.000 Facebook-Freunde haben die zehn größten Pegida-Bündnisse von München bis Bochum

Wenn man ihn fragt, ob es nicht geradezu bizarr sei, in Leipzig oder Dresden gegen "Islamisierung" zu demonstrieren, wo es hier doch so gut wie keine Muslime gebe – dann muss sogar er kurz lachen. Bei Pegida, sagt Tillschneider, gehe es generell um das Gefühl der Bürger, "von der Entwicklung in Politik und Medien abgehängt zu sein. Pegida ist nicht gegen Muslime. Wir sind keine tumben Islamfeinde." Er wolle lediglich die Macht der deutschen Islamverbände brechen und habe auch im Kreis der Legida-Macher betont, dass man "eine klare rote Linie" ziehen und Rechtsextremisten ausschließen müsse. Man kann Tillschneider dann dennoch lange von einem Welteroberungsprogramm sprechen hören, das in der DNA des Islams enthalten sei. Pegida sei ein "Rammbock" gegen die Untätigkeit der Politik in dieser Frage.

Wie schwer sich die etablierte Politik mit Pegida und der AfD tut, konnte man zuletzt bei den Parteitagen von CDU und CSU beobachten. Solange es rechts keine Konkurrenz gab, war vor allem die CSU die Partei, die den rechten Rand integrierte. Nun aber, da die AfD erfolgreich im Protestlager wildert, ist alles anders. Wenn die CSU offensiv mit Ausländer- oder Europaskepsis wirbt, wirkt das plötzlich wie eine Bestätigung der Konkurrenz. So erlebte es die CDU in den neunziger Jahren, als sie eine vermeintlich harte Kante beim Thema Asyl verfolgte und schließlich die Republikaner im Landtag von Baden-Württemberg saßen. Ähnlich erging es der CSU zuletzt im Europawahlkampf und nun mit ihrer Idee, Ausländern zu Hause das Deutschsprechen vorzuschreiben. Anstatt die Herrlichkeit der Volkspartei CSU zu feiern, war das Thema Integration über Nacht zum Brennpunkt des Parteitags am vergangenen Wochenende geworden. "Wir sind die Taktgeber und Schrittmacher", tönte Seehofer beim Parteitag und beschwor das Publikum: "Der Mythos lebt."

Doch den Takt geben zunehmend andere vor, Leute wie Bachmann, Däbritz, Tillschneider und Herr Sirch.

Die Verbindung von Pragmatismus und Populismus gehörte über Jahrzehnte hinweg zum Erfolgsgeheimnis der bayerischen Volkspartei wie "Laptop und Lederhose". Diesmal allerdings hat sich die CSU mit ihrer Konzilianz gegenüber rechts der Lächerlichkeit preisgegeben. Also erklärte Seehofer alles zu einem "großen Missverständnis". Und suchte Hilfe bei einem Wort, das schon so oft geholfen hat in der Politik. Das Wort, auf das es Seehofer jetzt ankommt, das Wort, das den Graben wieder herstellen soll zwischen der Wutzone da draußen und der Volkspartei CSU herinnen, zwischen den guten und den bösen Populisten, es heißt: "Rattenfänger". Es ist das Wort, mit dem Seehofer die Trennungslinie nach rechts außen markieren will.

Aber das ist nicht so einfach. "Wer betrügt, fliegt" lautete vor genau einem Jahr die Parole, mit der die CSU die "Sorgen der Leute" gegenüber der Armutszuwanderung aus Rumänien und Bulgarien benutzte, um zwischen den beiden dominanten Koalitionspartnern CDU und SPD endlich wieder einmal markant in Erscheinung zu treten. Man würde die CSU-Führung deshalb nicht als "Rattenfänger" denunzieren. Aber die Konstruktion populistischer Ranschmeiße ist eben doch verdammt ähnlich.

Vor fünf Jahren erwachte in Dresden ein weltoffenes Bürgertum und stand auf gegen Rechtsradikale, die das Dresdner Gedenken an den 13. Februar 1945 zum Opfer-Ritual wider den "Bomben-Holocaust" verformen wollten. Jetzt prägt Pegida das Bild.

"Die Rechtsextremen", sagt Gauland am Montagabend, "werden hier bestimmt nicht salonfähig gemacht. Wir wissen ja noch gar nicht, ob die dabei sind."