"Wir haben gestritten"

Der vertrauteste Moment: Sandra und Frauke aus Billstedt

Ich bin vor zwei Wochen selbst Mama geworden. Der schönste Moment war eindeutig die Geburt mit meiner Pflegemutter Frauke an meiner Seite. Seit diesem Tag ist sie meine Heldin. Frauke hat mir Mut gemacht. Wir sind gemeinsam die Treppen auf und ab gegangen, damit die Wehen kommen. Sie hat mich massiert, mir beruhigende Worte zugesprochen. Sie hat neben mir geschlafen, ich habe mich beschützt gefühlt. Während der Geburt habe ich sie getreten, bis sie blaue Flecken hatte. Frauke ist neben mir geblieben. Dieses Erlebnis hat uns unheimlich zusammengeschweißt, seitdem sehe ich meine Mutter mit anderen Augen. Vieles, was ich von Frauke vermittelt bekommen habe, möchte ich meiner eigenen Tochter später weitergeben. Wir hatten nicht immer das beste Verhältnis; ich bin zu Pflegeeltern gekommen, weil meine eigene Mutter mit mir überfordert war. Frauke und ihr Mann Anatol haben mir unheimlich viel gegeben und vermittelt, und trotzdem war es eine Art Hassliebe. Es gab Momente, in denen ich meine Eltern unendlich enttäuscht habe."

Sandra, 26, Pflegetochter von Frauke Maly

Früher war Sandra kaum zu beruhigen. Aufgrund ihrer Erfahrungen in der Kindheit war sie oft sehr aufgebracht. Wir haben manchmal ganz schlimm gestritten. Ich kann mich erinnern, dass sie einmal im Flur auf mich zukam, Nase an Nase. Das musste ich aushalten. Sandra hat viel dazugelernt, sie ist ruhiger geworden. In der letzten Phase der Geburt ihrer Tochter war es für die Hebamme und mich sehr schwer, ihre Beine festzuhalten. Das war harte Arbeit. Zugleich ist es ein ganz tiefes Gefühl, das unheimlich verbindet. Es war eine schwierige Geburt, ich habe mich bemüht, dass Sandra zwischendurch in Ruhephasen kommt, sich entkrampft. Seit sie selber Mutter geworden ist, merkt sie, dass sie bei uns doch ein paar ganz wertvolle Dinge erfahren hat. Mein Mann Anatol und ich haben insgesamt vier Pflegekinder aufgenommen. Ich wusste immer, dass ich das nicht mache, damit die mir irgendwann die Füße küssen. Jedes Kind war eine Bereicherung, auf seine Art und Weise. Bei allen Schwierigkeiten. Heute sehe ich bei Sandra, dass sie in der Lage ist, das zu reflektieren. Auch wenn es manchmal länger dauert."

Frauke Maly, 66, Pflegemutter von Sandra