Vor der Rückkehr des Sebastian Edathy aus seinem afrikanischen Exil nach Berlin haben viele seiner Parteifreunde gezittert. Der frühere SPD-Abgeordnete, gegen den wegen seiner Einkäufe bei einem kanadischen Kinderporno-Händler ermittelt wird, hat immer wieder erkennen lassen, dass er sich als verfolgte Unschuld sieht – und als jemand, den die Parteispitze mit Füßen getreten habe, als er längst schon am Boden lag.

Viele Sozialdemokraten befürchten daher für diesen Donnerstag einen Rachefeldzug. Edathy will an diesem Tag sowohl vor der Hauptstadtpresse als auch vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss auftreten. Die Parteifreunde rechnen damit, wie es einer von ihnen ausdrückt, dass Edathy "so viele wie möglich mit in den Abgrund zu reißen versucht, vor dem er sich jetzt stehen sieht".

Die Nervosität in der SPD ist gewaltig. Sie mag auch der Grund dafür sein, dass der Auftritt Edathys vor dem Untersuchungsausschuss in die Woche vor Weihnachten gelegt wurde. "Die haben bestimmt gehofft, da wird die Aufmerksamkeit nicht mehr so groß sein", sagt die Grünen-Abgeordnete Irene Mihalic.

Womit aber keiner gerechnet hat: dass sich Edathys Vendetta ausgerechnet gegen den einen Genossen richten würde, der ihm freundschaftlich zu helfen versucht hat. Gegen Michael Hartmann, den früheren innenpolitischen Sprecher der SPD-Fraktion. Hartmann war im Juli zurückgetreten, nachdem bekannt geworden war, dass er sich die Droge Crystal Meth besorgt hatte. Edathy behauptet, Hartmann habe ihn im November 2013 vor Kinderporno-Ermittlungen des BKA gewarnt und, mehr noch, Hartmann habe diese Erkenntnisse von dem damaligen BKA-Chef und SPD-Mitglied Jörg Ziercke erhalten. Es geht also um mögliche Strafvereitelung, die Staatsanwaltschaft prüft bereits ein Ermittlungsverfahren gegen Hartmann. Beide, Hartmann wie Ziercke, haben Edathys Darstellung umgehend dementiert.

Für die SPD ist das Ganze ein Desaster, egal wie es ausgeht. In Kürze schon könnten sich Sebastian Edathy und Michael Hartmann unter dem Vorsitz der stellvertretenden SPD-Fraktionsvorsitzenden Eva Högl im Untersuchungsausschuss gegenüberstehen. Hier Edathy, ein Mann, der einmal als Vorsitzender des Innenausschusses unter anderem für eine Verschärfung kinderpornografischer Gesetze eintrat und dann Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses wurde – jenes Ausschusses, der den größten deutschen Geheimdienst-Skandal der Nachkriegszeit aufzudecken hatte. Auf der anderen Seite Michael Hartmann, ein Innenpolitiker, der in den Sicherheitsbehörden ein und aus ging, der "parteiübergreifend geschätzt wurde" (Bundesinnenminister Thomas de Maizière) und sich vehement gegen die Legalisierung weicher Drogen wie Cannabis einsetzte, um später selbst Crystal Meth zu erwerben.

Kein Wunder, dass die SPD-Ausschussvorsitzende Eva Högl im Vorfeld erklärte: "Wir gehen davon aus, dass Herr Edathy ein umfassendes Auskunftsverweigerungsrecht besitzt." Natürlich habe man ein "Interesse an Aufklärung", aber als Vorsitzende werde sie auch "sehr genau" darauf achten, dass dieses Recht Edathys gewahrt werde. Högl sagte, es gelte zu klären, ob es "überhaupt" eine Fragestellung gebe, die ihn zu einer Antwort zwingen würde. Die Opposition schäumte: "Man muss Herrn Edathy die Aussageverweigerung nun wirklich nicht dermaßen nahelegen!", so ein Ausschussmitglied.

Was die SPD-Spitzenpolitikerin antreibt, lässt sich ahnen. Über Hartmann kann Edathy auch den Rest der Parteigranden treffen: Parteichef Sigmar Gabriel, der ihn noch im Februar öffentlich fallen ließ; aber auch Fraktionschef Thomas Oppermann und dessen Amtsvorgänger, den jetzigen Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Für sie alle galt Edathy lange als innenpolitischer Hoffnungsträger. Es heißt, gerade weil er als möglicher Staatssekretär in der großen Koalition gehandelt wurde, habe der damalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich, CSU, während der Koalitionsverhandlungen die SPD über die drohenden Ermittlungen des BKA unterrichtet – wofür Friedrich später zurücktreten musste.

"Alle, die sich in dieser Affäre schuldig gemacht haben", schimpft der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach, "stammen aus der SPD – aber die Einzigen, die bisher bestraft wurden, waren wir, die Union. Was uns aber viel mehr ärgert, ist, dass man das sichere Gefühl hat, wir kriegen hier nur einen Teil der Wahrheit zu sehen."

Michael Hartmann könnte einen größeren Teil davon kennen, den persönlicheren Teil der Wahrheit. Der 51-Jährige, der sich nach seinem Crystal-Meth-Konsum in therapeutischer Behandlung befindet, ist über Edathys Anschuldigungen äußerst erbittert. Wie Hartmann die Dinge sieht, war er der Einzige, der dem Parteifreund damals noch zur Seite gestanden habe, während der von der Parteihierarchie längst fallen gelassen worden sei. Umso unverständlicher, dass Edathy ausgerechnet Hartmann belastet. Entweder seine Behauptung trifft zu, dann liefert er Hartmann für einen Freundschaftsdienst ans Messer – was mehr als bizarr wäre. Oder sie trifft nicht zu, dann handelt es sich um eine Verleumdung. Michael Hartmann hat sich bereits einen Anwalt genommen.

Hartmanns offizielles Dementi enthält allerdings auch schon eine kleine Drohung. Aus Respekt vor dem Untersuchungsausschuss werde er bis zu seiner Aussage öffentlich schweigen – auch, "weil ich andernfalls Einzelheiten zu dem damaligen Zustand von Edathy offenbaren müsste".

Der sei, so erinnert sich Hartmann, damals bereits in heller Panik gewesen. Dabei habe Edathy im November 2013 nichts weiter gekannt als Presseberichte über die Ermittlungen gegen den kanadischen Pornohändler-Ring, bei dem er nichts bestellt habe, was nicht auch über Amazon zu erwerben gewesen wäre. So hatte es Edathy ebenfalls lange Zeit dargestellt, als der Vorwurf im Raum stand, er habe Beweismaterial vernichtet.

An dieser Verharmlosung bestehen Zweifel. Denn schon Ende November 2013 erteilte Edathy seinem Anwalt Christian Noll eine Vollmacht, mit der dieser bei den Staatsanwaltschaften in Berlin, Verden an der Aller und Hannover vorstellig wurde: "Gegen meinen Mandanten soll wegen des Verdachts des Besitzes kinderpornografischer Schriften ermittelt werden." Nach Auskunft des Hannoveraner Staatsanwalts Jörg Fröhlich hat er sogar konkret "nach einem Verfahren, welches über das Bundeskriminalamt an die Generalstaatsanwaltschaft Celle" abgegeben worden sei, gefragt. Und im Februar 2014 berichtete sein ehemaliger Freund und Mentor Heiner Bartling, der frühere niedersächsische Innenminister, Edathy habe ihm von einem Informanten erzählt, der ihm gesagt habe: "Da läuft etwas gegen dich, was zu einem Ermittlungsverfahren führen kann." Hartmann war übrigens gegen einen Untersuchungsausschuss.