Es verwundert nicht, dass sich die Deutschen gerade bedroht fühlen. Seit mehr als fünfzig Jahren durchdringt die amerikanische Kultur nun schon den europäischen Kontinent, und jetzt rollt die nächste Welle der Amerikanisierung auf die Deutschen zu – diesmal in Gang gebracht von den mächtigen Kräften der digitalen Technik.

Liest man hier im Silicon Valley die Zeitungen, dann scheint es, als hätte der deutsche Widerstand gegen Entwicklungen wie Google Street View oder den Online-Taxiservice Uber nicht viel mit einem Kampf der Kulturen zu tun. Vielmehr scheint sich alles ums Geschäft oder um die nationale Souveränität zu drehen: Uber setze die deutsche Taxibranche unter Druck; Google bedrohe nicht nur die Privatsphäre der deutschen Bürger, sondern auch die Macht des deutschen Staates.

Aber letzten Endes geht es bei der globalen Expansion der kalifornischen Informationsindustrie sehr wohl um den Charakter des gesellschaftlichen Lebens schlechthin, ob in Deutschland oder in den Vereinigten Staaten. Die Suchmaschinen, die per App angebotenen Transportdienstleistungen, die Sozialen Netzwerke, schließlich die Smartphones, auf denen dies alles betrieben wird, verkörpern in ihrer Summe eine spezifische Vorstellung davon, was die Menschen wollen sollten und wie Gesellschaften zu funktionieren haben. Diese Vorstellung verträgt sich nicht mit den bürgerlichen Idealen, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs das Leben in Deutschland und Westeuropa prägen.

Warum sind den Gründern von Uber die europäischen Taxis ziemlich egal? Und weshalb konnte sich Google eine Suchmaschine ausdenken, die das Tun und Lassen aller Menschen jederzeit für alle anderen Menschen sichtbar macht? Um das zu verstehen, darf man nicht nur das Streben nach Gewinn in Rechnung stellen, sondern muss auch die hyperindividualistische Kultur des Silicon Valley begreifen.

Ein harmonischer Geisteszustand statt zerschlissener Politik, lautete das Ziel

Vor zwanzig Jahren veröffentlichte die amerikanische Politologin AnnaLee Saxenian ein Buch mit dem Titel Regional Advantage ("Regionaler Vorteil"). Sie wies darauf hin, dass zwar auch in anderen Regionen der Vereinigten Staaten erfolgreiche Technologiebranchen entstanden waren, aber nirgendwo sonst in so produktiver und stabiler Weise wie im Silicon Valley. Der Schlüssel zum Erfolg, so die Autorin, seien die besonderen sozialen Netzwerke, die hier existierten. In anderen Regionen neige man dazu, hierarchisch organisierte Unternehmen mit bürokratischer Struktur aufzubauen und Mauern zwischen Hochschulen, Unternehmen und Verbrauchern zu errichten. Im Silicon Valley hingegen wechselten Computerexperten leichtfüßig den Arbeitgeber, hier gründeten Stanford-Professoren nebenbei Unternehmen – und weder Arbeitnehmer noch Arbeitgeber gingen langfristige Verpflichtungen miteinander ein.

Die Netzwerke erstreckten sich über Unternehmen und Branchen hinweg. Arbeitnehmer erfuhren so frühzeitig von neuen Gelegenheiten. Qualifiziertesten Arbeitskräften verschaffte diese Vernetzung größere Arbeitsplatzsicherheit, als ein einzelnes Unternehmen ihnen jemals hätte garantieren können. Solange man nur darauf achtete, die eigenen Fähigkeiten auf der Höhe der Zeit zu halten und sein soziales Netzwerk zu pflegen, besaß man beste Chancen, kontinuierlich Arbeit zu haben und vielleicht sogar reich zu werden. Diese Netzwerkstruktur, die im Silicon Valley noch immer gedeiht, ist eine wichtige Ursache des Individualismus im Tal.

Die zweite Quelle des hyperindividualistischen Ethos des Silicon Valley ist die amerikanische Gegenkultur der 1960er Jahre. Zu jener Zeit, als im Silicon Valley die Computerindustrie entstand, entwickelten die Hippies von San Francisco ihre Vision einer individualisierten Gesellschaft. In den späten sechziger Jahren setzten sie eine der größten Wellen von Kommunengründungen in Gang, die es in der amerikanischen Geschichte jemals gegeben hat. Zwischen 1965 und 1972 bauten Tausende junger Menschen in den Vereinigten Staaten zwischen 2.000 und 6.000 solcher Lebensgemeinschaften auf. Die meisten der "neuen Kommunarden" waren weiß und entstammten der mittleren oder oberen Mittelschicht. Und viele ihrer Gemeinschaften siedelten sich in den Bergen Nordkaliforniens an – eine stattliche Anzahl auch im Silicon Valley.

Der Schlüssel zur neuen und besseren Gesellschaft bestand für diese neuen Kommunarden darin, alle Hierarchien, alle Bürokratien und sogar die überkommene staatliche Ordnung zu überwinden. Bürokratie zersetze die Persönlichkeit und spalte die Gesellschaft, meinten sie. Sie zwinge die Menschen dazu, bei der Arbeit jemand anders zu sein als im Privatleben. Sie isoliere das Individuum psychisch und räumlich von seinen Mitmenschen. Und sie bringe Menschen dazu, ihre inneren Impulse zu fürchten und zu unterdrücken. Was passieren musste, wenn diese bürokratischen Leute im Staat die Macht ausübten, bewies aus der Perspektive vieler Amerikaner der Vietnamkrieg. Doch die neuen Kommunarden gingen noch viel weiter: Sie waren davon überzeugt, dass die Institutionen der Politik jeden korrumpieren würden, der in ihre Fänge geriete.

Technologie erschien den neuen Kommunarden als Möglichkeit, eine bessere Art von Gemeinschaft zu errichten. Aus ihrer Sicht sollten sich Menschen gemeinschaftlich darum bemühen, als Einzelne seelisch wachsen zu können. In dem Maße, wie dies gelänge, würde eine neue Art von Gemeinwesen entstehen: persönlich, auf den einzelnen Menschen ausgerichtet, antibürokratisch. Statt Regeln festzulegen oder zu befolgen, wollten die neuen Kommunarden kleinteilige Technologien – von elektrischen Gitarren bis hin zu LSD – nutzen, um sich in einen kollektiven Geisteszustand zu versetzen. Dieser harmonische Geisteszustand würde, wie sie meinten, an die Stelle der verschlissenen Politik der Konflikte und Kompromisse treten, während zugleich die Technologie mit ihren neuen Möglichkeiten den Staat überflüssig mache.

Im wirklichen Leben entwickelten sich die Dinge anders. Innerhalb von nur einem oder zwei Jahren brachen fast alle neu gegründeten Kommunen wieder auseinander. Der Geist jener Ära wirkt jedoch bis heute weiter – etwa in Veranstaltungen wie dem jährlichen "Burning Man"-Festival in der Wüste von Nevada oder der Kreativmesse Maker Faire. Auch die bunten Fahrräder, mit denen Google-Mitarbeiter heute von einem Gebäude zum nächsten radeln, sind ein Erbe dieser Zeit. Hier im Silicon Valley geht es immer noch darum, eine neue Art von Gesellschaft zu erschaffen.