Er hat es wieder getan. Wie ein Tornado stürmte Manuel Neuer im Spiel der Bayern gegen Augsburg am vergangenen Samstag aus dem Tor; die Augen weit aufgerissen, stürzte er sich ins Duell mit dem Augsburger Tobias Werner. Als ginge es um Leben und Tod, grätschte der Torwart den Ball in Richtung Seitenlinie. Der erschrockene Werner lief erneut los, und Neuer bäumte sich auf wie ein Riese, mit ausgestreckten Armen stellte er sich vor Werner und manövrierte den Ball schließlich ins Aus. Den Kontrahenten erledigte er gleich mit – die Anmutung eines Bodychecks, wie man ihn vom Eishockey kennt, hatte das. Als sei das nicht genug, forderte Neuer einen Freistoß, den er auch noch bekam. Werner blieb ein leises Schütteln mit dem Kopf. War das wirklich Neuer? Dieser freundliche, bescheidene Mann, in dessen Wangen sich Grübchen formen, wenn er lacht? Das fragte sich auch Argentiniens Nationalspieler Gonzalo Higuaín, den Neuer im WM-Finale in Rio im Stil eines Ultimate Fighters ausknockte. "Beste Libero-Manier", lobten Medien Neuer am Tag nach dem Spiel in Augsburg.

So kann man das sehen. Die Zuschauer sahen es anders. Sie pfiffen bei jeder weiteren Aktion Neuers.

Manchmal würde man sich gerne als kleiner Geist im Kopf des Torwarts verstecken. Dann würde man spüren, wie sich zum Beispiel dieser liebevolle Mensch in einen Außerirdischen zu verwandeln scheint, und könnte den Gegner warnen. Hätte man dann Neuer verstanden, würde man heimlich in die Gedankenwelt des BVB-Keepers Roman Weidenfeller eintauchen, der im Abstiegskampf für den Erfolg "geopfert" und gegen seinen jüngeren Kollegen ausgetauscht wurde.

Weidenfeller kann auch ausrasten. Öffentlich tat er das zuletzt gegenüber Teamkollege Marco Reus im April. Wie ein Hubschrauber kurz vor dem Start fuchtelte er mit seinen Armen und lief auf den Mittelfeldspieler zu, dessen mangelhafte Rückwärtsbewegung den Torwart in Not gebracht hatte. Momentan scheint sich Weidenfeller für die Rolle des stillen, nach innen glühenden Wahnsinnigen entschieden zu haben.

Und wenn der Ausflug in die Seele der beiden WM-Torhüter gelungen ist, dann ist man vorbereitet für das größte Abenteuer: Die Gefühlswelt von Tim Wiese, dem ehemaligen Nationaltorhüter, der sich mittlerweile für ein Leben als Wrestling-Star entschieden hat. Am Wochenende twitterte er ein Selfie. Es soll auf einer Herrentoilette entstanden sein. Erkennen kann man hauptsächlich braun gebrannte Haut und Muskelberge. Wiese verwandelt sich nun auch außerhalb des Platzes in einen Riesen.

Und das Fazit der kleinen Exkursion? Der Job des Torwarts scheint so stressig zu sein, dass man momentweise auf dem Platz zwangsläufig ein "Irrer" sein muss, um nicht zu scheitern. Man muss nur aufpassen, dass man das Irresein gut dosiert – so wie Neuer, weil man sonst so endet wie Tim Wiese.