Eigentlich ist Frank Kunitz Arzt. Seit einiger Zeit aber, seit er nicht mehr hinterherkommt mit dem Untersuchen, fühlt er sich wie ein Akkordarbeiter. Kunitz arbeitet im Tuberkulosezentrum in Berlin-Lichtenberg, er röntgt Lungen. Männerlungen, Frauenlungen, Kinderlungen. Manchmal hundert am Tag. "Es ist wie am Fließband hier", sagt er. Seine Assistentin, eine Dame mit weißem Kittel und Berliner Akzent, seufzt. Sie schlägt mit der flachen Hand auf das Röntgengerät. "Auf dem Ding hier könnense ein Spiegelei braten", sagt sie. "Die Röhre glüht."

Frank Kunitz ist einer von vier Ärzten, die sich in Berlin um die Tuberkuloseprävention kümmern: Normalerweise führt er Vorsorgeuntersuchungen in Schulklassen durch, Hausbesuche bei Patienten und Aufklärungsgespräche mit Menschen, die Kontakt zu Tuberkulosekranken hatten. Kunitz soll dafür sorgen, dass die Krankheit, die in Deutschland lange Zeit gebannt schien, nicht wieder ausbricht. Seit einigen Monaten aber tut er fast nur noch eines: Flüchtlinge röntgen.

Wer in Deutschland Asyl beantragt, muss in einer Massenunterkunft wohnen – so schreibt es das Asylverfahrensgesetz vor. Wer in einer Massenunterkunft wohnt, muss vorher auf ansteckende Krankheiten untersucht werden – das sagt das Seuchenschutzgesetz. Dort steht, Asylbewerber müssten "unverzüglich" eine ärztliche Bescheinigung vorlegen, aus der hervorgeht, dass sie nicht mit einer ansteckenden Tuberkulose infiziert sind. Jugendliche und Erwachsene werden geröntgt, Kinder und Schwangere mit einem Hauttest überprüft. Unverzüglich heißt: innerhalb weniger Tage. Das schaffen Kunitz und seine Kollegen schon lange nicht mehr.

Weil die Zahl der Asylbewerber steigt, die Zahl der Ärzte in den Gesundheitsämtern aber weitgehend stagniert, werden die Wartezeiten für die Erstuntersuchungen immer länger – und damit wächst die Gefahr, dass sich ansteckende Krankheiten wie Tuberkulose in den Massenunterkünften ausbreiten. Im Tuberkulosezentrum in Berlin-Lichtenberg, sagt Frank Kunitz, stamme der Personalschlüssel aus dem Jahr 2009. Die Zahl der Flüchtlinge aber, die in Berlin Asyl beantragen, hat sich seitdem mehr als vervierfacht. Statt der gesetzlich vorgeschriebenen zwei bis drei Tage warten die Flüchtlinge mittlerweile bis zu sechs Monate auf ihre Untersuchung. "Wenn wir Pech haben, läuft einer von denen unbemerkt mit einer offenen Tuberkulose rum", sagt Kunitz. "Und die Flüchtlinge werden immer mehr."

Es sind so viele, dass die Stühle im Warteraum schon lange nicht mehr reichen. An die vierzig Menschen drängen sich dort, auf einem schmalen Gang mit grellem Neonlicht. Die Älteren sitzen auf Stühlen, die Jüngeren hocken auf dem Boden oder lehnen an der Wand. Kleine Kinder rennen über den Gang, die Erwachsenen murmeln auf Arabisch, Serbisch, Russisch. In einem Regal liegen aufgefächerte Info-Zettel. "Was ist Tuberkulose?" steht darauf, in lateinischer, kyrillischer und arabischer Schrift. Neben dem Röntgenraum hängt eine Weltkarte. Manche Leute, sagt Frank Kunitz, zeigten mit dem Finger auf das Land, aus dem sie geflohen sind. Auf Afghanistan, die Ukraine, Eritrea, die Balkanstaaten. Und immer wieder: auf Syrien.

Einige dieser Staaten sind sogenannte Hochinzidenzländer – Länder, in denen die Zahl der Menschen, die sich mit ansteckenden Krankheiten infizieren, deutlich höher liegt als im Durchschnitt. In Ex-Sowjetstaaten wie Tschetschenien kommen etwa 200 Tuberkulosekranke auf 100.000 Menschen, in Deutschland sind es fünf.

Doch auch hierzulande steigt die Zahl der Tuberkulosefälle wieder, nachdem sie jahrelang Jahr um Jahr deutlich gesunken war. In der vergangenen Woche veröffentlichte das Robert-Koch-Institut seinen aktuellen Tuberkulosebericht: 4.318 Tuberkulose-Neuerkrankungen wurden 2013 gemeldet. Knapp die Hälfte dieser Kranken ist im Ausland geboren, viele sind Flüchtlinge.