DIE ZEIT: Als Tom Buhrow 2013 Intendant des WDR wurde, sagte er: "Ich bring die Liebe mit." Sie sind seit Mai dieses Jahres neue Direktorin des Hörfunks. Was bringen Sie mit?

Valerie Weber: Die Freude. Ich bringe die Freude mit.

ZEIT: Im Ernst?

Weber: Freude, das klingt vielleicht seltsam. Aber was ich meine, ist die Freude am Radio-Machen, die Freude an Inhalten. Das klingt etwas ungewöhnlich, weil mit mir auch die Verkündung gekommen ist, dass beim WDR 500 Planstellen wegfallen, davon über 80 Stellen im Hörfunk. Mit mir ist außerdem die Ankündigung gekommen, dass beim gesamten Sender massiv eingespart werden muss.

ZEIT: Sie waren vorher bei Antenne Bayern, einem Privatsender. Auf der obersten Führungsebene hat es einen solchen Wechsel vom privaten ins öffentlich-rechtliche System vor Ihnen nie gegeben. Was reizt Sie am WDR?

Weber: Dass es hier die besondere Herausforderung gibt, in wirtschaftlich harten Zeiten etwas zu bewirken.

ZEIT: Sie reizt die Herausforderung des Sparens?

Weber: Es ist definitiv eine große Herausforderung, strategisch richtig zu sparen und das Programm dennoch kreativ weiterzuentwickeln. Wer an der falschen Stelle spart, kann einen Radiosender ruinieren. Die Frage ist: Kann man Strukturen schaffen, in denen man mit weniger Geld und Budget Mitarbeiter motiviert bekommt, für ihren Sender alles zu geben? Es darf in diesen Zeiten keine Angst bei uns einziehen, kein Kummer, keine Sorge, denn das ist das Ende jedes kreativen Medienbetriebes.

ZEIT: Noch bevor Sie beim WDR angefangen haben, unterschrieben 160 Redakteure einen Brief an den Intendanten, in dem vor Ihnen und einer Verflachung des Radioprogramms gewarnt wurde. Offenbar haben Sie die Angst mitgebracht.

Weber: Es war für manche WDR-Kollegen ein absoluter Schock, als sie von der Personalie Valerie Weber erfuhren. Aber das ist die Angst vor dem Unbekannten, davor, dass jemand die Kriterien der freien Wirtschaft auf den WDR übertragen könnte. Ich kann diese Bedenken nachvollziehen. Es gibt überall immer die Sorge, dass der Neue oder die Neue das Unternehmen nicht richtig versteht.

ZEIT: Sie kommen vom Privatfunk, von außen, und von Beginn an spielt ein Teil der WDR-Mannschaft gegen Sie. Wie wollen Sie unter diesen Umständen den Laden reformieren?

Weber: Die große Wut ist vorüber. Die Leute haben die Kröte geschluckt. Die Kröte bin ich, so sehe ich mich. Wir alle hier kämpfen für dieselbe Sache, den journalistischen Inhalt. Uns verbindet viel mehr als das, was uns trennt.

ZEIT: Woran wird man als Radiohörer merken, dass Sie da sind?

Weber: Wir müssen neue Sendeformate entwickeln, nicht nur das Bestehende behalten. Ich höre in Gesprächen mit Redakteuren oft den Wunsch, etwas zu "behalten", aber gerade jetzt ist die Zeit, manches loszulassen und neue Wege zu beschreiten. Und wir werden keine Zeit haben, nur unsere Wunden zu lecken. Wir müssen unsere Inhalte künftig auf allen möglichen Plattformen vermitteln, über Social Media, Facebook, YouTube, auch mit neuen Portalen im Internet.

ZEIT: Das sind aber Fragen der Verbreitung, keine Fragen des Inhalts. Wohin wollen Sie mit dem Programm?

Weber: Es gibt nicht das eine neue Konzept. Aber ich kann sagen, wie ich die Flotte des WDR sehe. Die Boote fahren bislang getrennt voneinander, inhaltlich möglichst stark voneinander unterschieden – dort die Kultur und Information, hier die Unterhaltung. Ich glaube, da müssen wir uns mehr als Flotte verstehen, die sich auf stürmischer See auch flankiert. Musikalisch wie inhaltlich, thematisch.

ZEIT: Was haben Sie konkret vor?

Weber: Unsere Stärke als öffentlich-rechtliches Programm ist: die Nachrichten einordnen und vertiefen. Wir sind nah dran an den Problemen der Welt und vergessen manchmal, dass in Bielefeld auch noch ein WDR-Studio ist.

ZEIT: Wollen Sie Ihr Netz der Auslandskorrespondenten ausdünnen?

Weber: Nein, nein. Was ich meine: Es muss nicht immer alles nur von nationaler und internationaler Bedeutung sein. Unser Fokus muss auf den Menschen in Nordrhein-Westfalen liegen. Wir müssen ganz tief in die Region gehen. Hier werden doch auch die Rundfunkbeiträge gezahlt.

ZEIT: Glauben Sie, dass im Radio zu viel gesprochen wird?

Weber: Nein. Der WDR leistet sich drei Wellen für ein speziell interessiertes Publikum und drei Tagesbegleit-Wellen. Das alles steht nicht zur Diskussion. Wir wollen auch in Zukunft den Menschen Bildung geben – schauen Sie nur einmal, was unsere Spezialisten in der Wissenschaftsredaktion anbieten. Das zeichnet den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus. Der WDR ist nicht immer bequem – und das darf sich auch nicht ändern.

ZEIT: Nicht nur das Fernsehen, sondern auch der Hörfunk des WDR hat eine investigative Abteilung. Warum?

Weber: Wenn es bald darum geht, Redaktionen zusammenzulegen, dann ist das bei den Investigativen sinnvoll. Fernsehen und Hörfunk können sich bei den Recherchen brillant ergänzen. Dann bringen wir unsere PS auch auf die Straße.

ZEIT: Bei Antenne Bayern haben Sie – obwohl in Bayern fast sechs Millionen weniger Menschen leben als in Nordrhein-Westfalen – mehr Hörer erreicht als der stärkste WDR-Sender in seinem Verbreitungsgebiet. Kann der WDR etwas von Antenne Bayern lernen?

Weber: Ja. Ein Sender kann auch mal das Sprachrohr seiner Hörerinnen und Hörer sein. Das findet beim WDR vielleicht zu selten statt. Die vielen Experten im Programm sind wichtig, um Sachverhalte einordnen zu können. Das führt aber manchmal dazu, dass man vergisst, Hörern bei Ihren Problemen zuzuhören.

ZEIT: Bei welchen Problemen?

Weber: Ein Beispiel: Die Kitas streiken. Wohin dann mit dem Kind? Eine scheinbar individuelle Hörerproblematik wird dann stellvertretend für ein gesellschaftliches Thema diskutiert. Man geht nicht direkt zu einem Bildungsexperten, sondern hört erst einmal den Eltern und den Erziehern genau zu.