Es gibt Tage, an denen es sich besonders lohnen muss, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu sein. Zum Beispiel dann, wenn man die Nachricht verkünden darf, den meistgefürchteten Terroristen aller Zeiten beseitigt zu haben. Am 1. Mai 2011 teilte Barack Obama der Welt mit, "dass die USA einen Einsatz ausgeführt haben, bei dem Osama bin Laden, der Al-Kaida-Chef, getötet wurde". Ein Team der Navy Seals, einer Militärspezialeinheit, habe zum Abschluss der monatelang vorbereiteten Operation Neptune’s Spear Bin Laden in seinem Haus in Abbottabad, Pakistan, mit einem Kopfschuss zur Strecke gebracht. Danach sei Bin Laden im Arabischen Meer bestattet worden, gemäß muslimischen Riten und binnen 24 Stunden nach seinem Tod. So die offizielle Version der Geschichte.

Nur hat sie einen Haken: Es fehlen öffentliche Beweise. Barack Obama entschied, Bilder von Bin Ladens Leichnam geheim zu halten. Zu grausam seien sie, zu groß die Gefahr, sie könnten antiamerikanische Proteste in der arabischen Welt auslösen. Moment mal. Wollte der US-Präsident da etwas verschleiern?

Rund um Bin Ladens Ableben blühen heute gleich mehrere Verschwörungstheorien. Die gründlichste zweifelt schon seine Geburt an. Sei es nicht viel plausibler, dass es sich bei dem angeblichen Superterroristen um eine Kunstfigur handele, geschaffen in einer Koproduktion von Regierung und Filmindustrie? Ebenso verbreitet ist die Annahme, Osama bin Laden habe nicht getötet werden können – weil er seit Jahren tiefgekühlt in einem Geheimfach aufbewahrt worden sei. 2001 sei er in den afghanischen Tora-Bora-Bergen ums Leben gekommen, was verheimlicht worden sei, um den war on terror zu rechtfertigen.

Und schließlich gibt es die These, Bin Laden lebe noch. Der Terrorchef sei entweder viel zu clever, als dass er sich vom Feind hätte erschießen lassen. Oder er sei nur deshalb heil davongekommen, weil er seit je mit der CIA unter einer Decke stecke. (Diese Theorie ist besonders beliebt bei jenen, die hinter den Drahtziehern von 9/11 die US-Regierung selbst vermuten.)

Wäre es nicht das Dümmste, was Washington sich hätte einfallen lassen können, ausgerechnet den Mann zu töten, der die wahrscheinlich größte Fundgrube für Informationen über Al-Kaida darstellt? Warum sollte man eine Topquelle wie Osama bin Laden erschießen, ohne ihn vorher zu foltern und zu verhören? Der Welt zu verkaufen, er sei tot, während er in Wahrheit in irgendeinem CIA-Knast gequält wird, sei schon verdammt schlau.

Für manch anderen ist Osama bin Laden hingegen deshalb noch lebendig, weil die USA den Falschen erwischt haben. Leider sei der Irrtum erst bei Überprüfung der DNA-Proben bemerkt worden. Unmöglich, einen solchen Fehler im Nachhinein zuzugeben. In Dschihadistenkreisen ist diese Annahme allerdings nicht verbreitet, niemand bezweifelt dort die Identität des Leichnams.

Elitesoldaten zufolge gab es nie den Plan, Bin Laden gefangen zu nehmen. Die Mission lautete killen, nicht kidnappen. 2012 veröffentlichte Matt Bissonnette unter dem Pseudonym Mark Owen den Augenzeugenbericht No Easy Day. In weiten Teilen stimmt er mit der offiziellen Version überein. Einziger Unterschied: Bin Laden sei erschossen worden, als er hilflos und unbewaffnet aus der Tür seines Schlafzimmers blickte – und nicht, als er vom Killertrupp im Schlafzimmer daran gehindert worden sei, sich eine Waffe zu greifen.

Selbst wenn Bin Laden noch lebte, verkrochen in einer afghanischen Höhle, versteckt in einer Villa in Pakistan oder mit einer neuen Identität in der Nachbarschaft des gesichtsoperierten Elvis in den USA: Die Terrorgruppe Al-Kaida hat an Bedeutung verloren, sie ist zurückgedrängt worden von den nicht minder entschlossenen Kämpfern des IS. Spätestens sie besiegelten das Ende des einst gefährlichsten Terroristen der Welt.