Im Schaufenster der Boutique Intermix, wo sonst Kundinnen zwischen Blazern von Stella McCartney und Röcken von Proenza Schouler stöbern und alles unter 1.000 Dollar als günstig gilt, hängt ein Schild. "Geschlossen" steht auf ihm. In einem Hauseingang daneben hat sich Laub gesammelt. Es ist Winterpause in den Hamptons, den legendären Nobelferienorten an der Ostküste der USA. Doch in den Büros der Immobilienmakler brennt auch spätabends noch Licht, klingeln die Telefone. Die Anrufer sind Finanziers, die ihre anstehenden Boni in ein Zweitdomizil investieren wollen. "Der Luxusmarkt hier hängt an den Bankern und Hedgefondsmanagern", sagt Makler John Brady, ein sommersprossiger Mittdreißiger im blauen Pullover.

In den Hamptons kann man sehen, wie es der Wall Street geht. Ziemlich gut, muss man sagen: Erst ein paar Tage zuvor habe ein Käufer 37,5 Millionen Dollar für ein Anwesen mit Atlantikzugang hingeblättert, berichtet Brady. Es ist schon der siebte Abschluss über mehr als 30 Millionen Dollar, den die Immobilienbranche hier in diesem Jahr feiert. Allein zwischen Juli und September wechselten in den Kleinstädten Southampton, East Hampton und Bridgehampton – die zusammen die Hamptons bilden – Häuser im Wert von insgesamt 760 Millionen Dollar den Besitzer. So viel gibt die Stadt New York für die Versorgung von Obdachlosen in einem Jahr aus. Bei den Maklern in den Hamptons wurden jedoch Erinnerungen wach an den Rekord in der Gegend: eine Milliarde Dollar zwischen Juli und September 2007. In der Hochsaison vor der großen Krise.

Das Geld sitzt wieder locker in den New Yorker Finanzkreisen, seit auch die Boni wieder fließen. Vergangenes Jahr zahlten Banken und Fonds im Schnitt 164.530 Dollar Prämie pro Mitarbeiter. Das war der höchste Betrag seit 2007 und der dritthöchste in der Geschichte der Wall Street überhaupt. Auch dieses Jahr warteten Banker und Broker gespannt auf das alljährliche vorweihnachtliche Ritual: die Prognose von Johnson Associates. Die New Yorker Personalberatung hat sich auf die Wall-Street-Vergütung spezialisiert. Laut der aktuellen Vorhersage des Hauses dürfen sich vor allem die Investmentbanker auf ein Plus von bis zu 15 Prozent freuen. Die Boni würden für 2014 noch großzügiger ausfallen, wenn es da nicht die Milliarden-Strafzahlungen gegeben hätte, die das US-Justizministerium kürzlich gegen die Banken verhängte – unter anderem ging es um fragwürdige Geschäfte, die die Finanzkrise ausgelöst haben.

An der Größe des Grundstücks lässt sich der Erfolg ablesen

Doch abgesehen von ein wenig Vergangenheitsbewältigung wirkt die Krise sechs Jahre nach dem Untergang von Lehman Brothers an der Wall Street wie ferne Vergangenheit. Im November meldeten Amerikas Banker den höchsten Quartalszuwachs seit 2009. Die Gewinne waren in drei Monaten um sieben Prozent auf 40 Milliarden Dollar gestiegen, den vierthöchsten Quartalsgewinn der Wall-Street-Geschichte.

Nirgendwo wird das Comeback von Amerikas Finanziers so sichtbar wie in den Hamptons. Die Küstenorte sind schon seit über hundert Jahren die Zuflucht der New Yorker, die von dem rauen Charme der Dörfer mit den einfachen grau geschindelten Häusern, den weiß getünchten Kirchen aus der Kolonialzeit, den Pinienwäldern, Dünen und weiten Sandstränden angetan sind. Dichter wie Walt Whitman und Künstler wie Jackson Pollock kamen, die Eisenbahn brachte Wochenendausflügler. Doch im Börsenboom der Achtziger begann die Wall Street die Hamptons für sich zu reklamieren. Für die selbst ernannten "Masters of the Universe", denen Tom Wolfe in seinem Buch Fegefeuer der Eitelkeiten ein Denkmal setzte, wurde ein Anwesen in den Hamptons zum ultimativen Statussymbol. Bis heute gilt: Wer am Pool mit seinen Gästen den Afternoon-Martini schlürfen und über die Dünen auf den Atlantik blicken kann, der hat es geschafft. Man trifft sich dann beim Bridgehampton-Poloturnier oder spielt eine Runde im Shinnecock Hills Golf Club und hat einen Stammplatz bei Nick & Toni’s, dem Lieblingsitaliener der hiesigen High Society. "Aber im Kern dreht sich alles immer um Immobilien", sagt Makler Brady. An der Größe des Anwesens und der Nähe zum Strand lässt sich genau ablesen, wie es um die Geschicke eines Bankers oder Hedgefondsmanagers steht.