Viel wurde am Samstag, bei der allerletzten Folge der TV-Show Wetten, dass..?, gesprochen vom Bademantel- und Schlafanzuggefühl, welches mit dieser Sendung untrennbar verbunden war. Soll heißen: Das deutsche Kind wurde am Samstag extra lange und spät gebadet, damit es, noch dampfend und in ein Frotteegewand gehüllt, direkt auf die TV-Couch gehoben werden konnte, auf der es dann für drei Stunden dem Fernseher und den berühmtesten Menschen der Welt gegenübersaß. Und Wetten, dass..? sah. Da lernte es Entscheidendes über sein Volk und dessen Stellung in der Welt. Nämlich: Die wichtigsten Menschen in dieser größten deutschen Show kamen immer aus den USA, sie trafen verspätet ein, und sie waren zu wichtig, als dass sie bis zum Schluss bei den Deutschen hätten sitzen bleiben können, eine dringende Mission zwang sie dazu, lange vor dem Finale aufzubrechen aus der Mitte der drolligen Eingeborenen. Und man hatte den Eindruck, die amerikanischen Prominenten verließen die Sendung mit einem Ausdruck der Verwirrung und Erleichterung. Während die zurückgelassenen deutschen B- und C-Prominenten nun Luft holten, als müssten sie sich von so viel Autorität erholen – ungefähr so, wie beim Betriebsfest das Fußvolk aufatmet, wenn der Chef endlich geht.

Ein demütigendes Szenario: Die Global Player ließen sich dazu herab, den Deutschen, die in ihrer Gegenwart alle zu frisch frottierten Unschuldslämmern wurden, Audienz zu gewähren. Das war das Drama des frisch gebadeten deutschen Kindes: Es begriff, dass es nie das Charisma der Amerikaner erlangen würde; aber es lernte auch, dass man es mit deutscher Entschlossenheit, jenem verbohrten, ins Extrem getriebenen Spezialistentum, so weit bringen konnte, irgendwann zu Füßen eines berühmten Amerikaners sitzen zu dürfen. Kurzum: Wetten, dass..? war die Show für den modernen deutschen Obrigkeitsstaat, und die Obrigkeit wurde durch den jeweiligen amerikanischen Weltstar verkörpert.

Peinlich war’s für alle Beteiligten, aber die Deutschen lernten rasch, es zu genießen. Und die Amerikaner? Der lakonische Star Ben Stiller musste sich bei der letzten Sendung vorkommen, als sei er auf einem Altar gelandet, auf dem seine Opferung vorbereitet wird: Alle Deutschen zupften liebend und prüfend an ihm herum.

Jetzt ist es vorbei mit Wetten, dass..?, jenem Fest der Prominentenvergötterung, und es fügt sich seltsam, dass zur gleichen Zeit auch der Komiker Kurt Krömer seinen Abschied vom Fernsehen verkündet. Krömer verkörperte das andere Extrem des Prominentenfernsehens. Er präsentierte sich in seiner Krömer Late Night Show wie einer, der als Kind selbst im Bademantel Wetten, dass..? gesehen und von dieser Erfahrung einen irreparablen Schaden, eine Frotteeallergie, zurückbehalten hat. Also rächte er sich an der Samstagabendunterhaltung, indem er ihre immanente Leere höhnisch ausspielte: Er holte sich Prominente in seine Sendung, um sie mit Desinteresse zu beschämen. Er trieb sie in eine Enge, in der sie allein waren und Prominenz ihnen nichts mehr nützte.

Krömer war der vom Fernsehen verzogene und angewiderte Proll, der an der Haut seiner Gäste zupfte wie an einem Stoff, dessen Güte er infrage stellte: "Wat iss’n da drunter?" So wies er den Deutschen den Ausgang aus ihrem selbst verschuldeten Frotteeschlafanzug, er sagte ihnen: Erstickt nicht an eurem ewigen Respekt. Und hört auf, immerzu zu baden. Jedoch, mehr als diese Geste – ich mache das kaputt, was euch verblöden lässt! – hatte Krömer am Ende nicht zu bieten. Die Gabe, aus den Trümmern der Samstagabendshow etwas wirklich Neues zu formen, bewies er nicht.

So gehört die Zukunft der deutschen TV-Unterhaltung offenbar zwei bärtigen Herren namens Winterscheidt und Heufer-Umlauf. Diese Meister des Unfugs treiben im Fernsehen immerzu ihr eigenes Wetten, dass...? , in ihrem Wesen fallen der Wettpate und der Wettkandidat unlösbar zusammen. Ihre Sendung Joko gegen Klaas ist ein Kräftemessen ohne Ziel. Man sieht zwei Duellanten mit tauber Munition, einander stur um die Welt jagend, von einer Mutprobe zur nächsten. Was wir bei Wetten, dass...? geahnt hatten, wird von diesen beiden nun bestätigt: Für den Deutschen führt der Weg zum Ruhm über die harte, sinnlose Arbeit. Anders gesagt: über die Lust, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.