Endlich alt genug, um zu Hause auszuziehen. Studentenpartys mit viel Fusel, eine Wohngemeinschaft mit Gleichaltrigen, die nicht lange fragen, was man abends so treibt und wie lange: So ist es für viele, doch nicht für Max Steiner. Der 22-Jährige lebt mit Menschen zusammen, die 40 Jahre älter sind als er. Mit Christl Reil zum Beispiel. Die Weißhaarige mit dem Fingerspitzengefühl für Vanillekipferl und dem herben Schmäh rempelt Max sachte in die Rippen. "Du hast schon wieder deine Wäsche in der Waschmaschine vergessen", schimpft sie und grinst: "Aber ich hab’s dir eh ausgeräumt." Max und Christl, der Jungspund und die 66-jährige Herzpatientin, sind Teil eines einzigartigen Wohnprojekts: In einem umgebauten Biedermeierhaus leben Obdachlose, die nun keine mehr sind, mit jungen Studierenden zusammen.

Die "Vinzirast mittendrin" ist ein Gebäude aus dem Biedermeier in der Währinger Straße im Zentrum Wiens. Sigmund Freud soll hier ein und aus gegangen sein, um im Erdgeschosscafé zu rasten, bevor er zur nahen Universität spazierte. Seit Mai 2013 befinden sich in jedem Stockwerk mehrere Wohngemeinschaften für je zwei bis drei Bewohner.

Niemand verlangte von ihnen, dass sie sich in den WGs mischen – sie hatten die Wahl, Studentenwohnungen und Ex-Obdachlosen-Gemeinschaften zu bilden und nur in den Gemeinschaftsräumen aufeinanderzutreffen. Sie entschieden sich anders. Beim ersten Kennenlernen wurden sie aufgefordert, sich spontan Mitbewohner auszusuchen. Christl Reil, die aufgeweckte Wienerin, tat sich zunächst mit einer schwäbischen Studentin zusammen, Max Steiner mit einem bisher wohnungslosen Mittvierziger, "von dem ich gelernt habe, wie man richtig putzt".

Als das Haus im Mai 2013 aufsperrte, waren viele begeistert, aber einige auch skeptisch: ob die Sozialromantik dem Alltag standhalten würde? Auch die Initiatoren wussten nicht, ob es gut gehen würde. Heute, eineinhalb Jahre später, zeigt sich: Es funktioniert. In manchen Aspekten sogar besser, als es sich die Initiatoren erträumt hatten. Das liegt auch am klugen Design.

Jede Etage ist auf drei Wegen erreichbar – zwei Stiegen, ein Aufzug. Die Gemeinschaftsküche auf jedem Stockwerk ist ebenfalls mit drei Eingängen versehen. Dahinter steckt Kalkül: "Wenn der, mit dem ich streite, sich vor den einzigen Ausgang stellt, entsteht Stress", sagt Alexander Hagner, dessen Architekturbüro gaubenraub den Bau geplant hat. Gibt es Fluchtwege, entspannt das die Kommunikation. Alle zahlen gleich viel Miete, egal ob studierende Direktorstochter oder früherer Notschlafstellen-Dauergast. So verhindere man, "dass es irgendwann heißt: Ich zahle mehr, dafür putzt du das Klo", sagt Hagner.

Wien sei eine verschlafene Stadt, heißt es oft, ihre Bewohner arrangierten sich gern mit den herrschenden Verhältnissen. Doch war es eine Protestbewegung, aus der die Idee für das Wohnprojekt geboren wurde: "Uni brennt", ein breiter Studentenprotest im Jahr 2009, kämpfte für freien Hochschulzugang und Bildungsreformen. Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, okkupierten Studierende die Hörsäle der Universitäten. Es war ein kalter Winter, die Besetzung sprach sich herum – und bald gesellten sich zu den jungen Leuten in Schlafsäcken auch einige Obdachlose, die froh waren, einen warmen Platz gefunden zu haben.

Nicht immer lief das ohne Reibungen ab, erinnert sich Uni-brennt-Aktivistin Karin Stanger. Stockbesoffene Wohnungslose schlugen Radau, als Aktivisten Grundsatzdiskussionen führen wollten. Aber irgendwann begann man, sich zusammenzuraufen: Obdachlose wurden Teil des Putztrupps und der Mannschaft in der "Volxküche", einer alternativen Mensa. Ein unterstandsloser Pianist sorgte für Klavierbegleitung, und wenn es Konflikte gab, war die Arbeitsgruppe Krisenintervention zur Stelle.

Dann kam das Ende der Hörsaalbesetzungen. Die Studierenden kehrten in ihre beheizten Heime zurück, auf den Straßen herrschte weiterhin klirrende Kälte. "Für uns war klar: Wir können die Leute nicht im Winter da draußen lassen", erzählt Stanger. Ein Aktivist stieg nachts in ein leer stehendes Gebäude ein. Er erzählte den anderen von der Immobilie in der Währinger Straße: Man liebäugelte mit einer Hausbesetzung, gemeinsam mit den Obdachlosen. Bevor es dazu kam, verfasste einer der Studenten ein E-Mail an den Bauunternehmer Hans-Peter Haselsteiner: ob er etwas tun könne?