Nicht viel los auf der Podbielskiallee im Villenviertel, Berliner Westen, als aus einer Seitenstraße Fotografen stürmen. Auf einen Pulk aus Polizisten zulaufen. Sich gegenseitig abdrängen, um die beste Sicht zu suchen auf die junge Frau, die da am Zaun der iranischen Botschaft steht. Eine Faust in die Luft gereckt. Einen Strick um den Hals. Ihr Oberkörper: nackt.

Die junge Frau, die da entblößt Ende Oktober am Zaun steht, heißt Zana Ramadani. Zana Ramadani steht in dieser schneidend kalten Luft, weil eine andere junge Frau namens Rejhaneh Dschabbari zwei Tage zuvor hingerichtet wurde. Eine junge Studentin, in Teheran, die ihren Mann tödlich mit einem Messer verletzte, als er versucht haben soll, sie zu vergewaltigen. Zana Ramadani aus Deutschland schmiert sich den Namen von Rejhaneh Dschabbari aus dem Iran in schwarzen Buchstaben auf den Bauch, um zu protestieren. Alleine. Vor den Augen der Medien.

Für diese Momente ist Zana Ramadani Mitglied von Femen geworden.

In diesen Momenten zweifelt Zana Ramadani gerade sehr daran, ob Femen das Richtige für sie ist.

Es ist zwei Jahre her, da wohnte Zana Ramadani noch in Siegen, einer konservativen Gegend Nordrhein-Westfalens. Sie hatte ein ruhiges Leben, ein gesichertes Leben. Sie hatte einen Job, arbeitete als Rechtsanwaltsfachangestellte, war verheiratet, hatte mit ihrem Mann ein Haus und einen Hund. Sie war Mitglied der CDU, Vorsitzende einer Ortsgruppe der Jungen Union sogar. Das alles gab sie auf, weil sie zu Femen wollte. Also zog sie nach Hamburg.

Hamburg und Femen, diese Namen sind spätestens seit Anfang Dezember im öffentlichen Bewusstsein eng miteinander verwoben, seit die Femen-Aktivistin Josephine Witt von einem Kölner Gericht verurteilt wurde, 1200 Euro für einen Nackt-Sprung auf den Altar des Kölner Doms zu zahlen. Josephine Witt kommt auch aus Hamburg – die Stadt ist das wichtigste Zentrum von Femen in Deutschland. Inzwischen ist Zana Ramadani eine der wichtigsten Femen-Frauen in diesem Zentrum. Getrieben von der Idee, Politik mit anderen Mitteln zu machen, zog sie 2012 in die Großstadt und begann, ihren Busen als politische Waffe zu sehen. Sie begann den "Naked War", den nackten Krieg. So nennen sie das bei Femen.

Was bringt eine politische junge Frau zu so einem biografischen Bruch? Was verfolgt sie für Ziele? Glaubt sie wirklich, mit ihrem Busen bessere Politik zu machen als in Bezirksgremien im Siegerland?

Zana Ramadani klammert sich an den Zaun, ruft, brüllt, zerrt sich von den Polizisten weg, die ihre Beine greifen. Sie weiß, sie wird ihnen nicht entkommen. Sie will ihnen auch nicht entkommen. Denn das ist das Schauspiel, das Femen groß gemacht hat: Wehrlose, wütende, hübsche junge Frauen protestieren nackt gegen das Unrecht der Welt und werden von denen, die für Ordnung sorgen müssen, früher oder später daran gehindert. Auch dieser Tag wird für Zana Ramadani auf der Polizeidienststelle enden.

2008 haben junge Ukrainerinnen diese Form des Protests zum Prinzip erhoben und überall auf der Welt Nachahmerinnen gefunden. Ramadani war eine der Mitbegründerinnen von Femen in Deutschland. Für universelle Menschenrechte, gegen das Patriarchat, gegen die "Willkür im Namen des Islams". Das sind ihre Parolen. Doch nach zwei Jahren, in denen sie all ihr Geld in die Bewegung steckte und keinen festen Job hatte, ist Zana Ramadani von diesen Parolen erschöpft. Sie wollte Aufmerksamkeit. Aber jetzt, sagt sie, wolle sie eigentlich auch wieder zurück ins normale Leben. Das normale Leben nimmt sie aber nicht einfach wieder so zurück.

Ramadani sitzt einige Tage nach ihrem Auftritt an der iranischen Botschaft in einem Café in der Sternschanze. Auf ihrem roten T-Shirt prangt eine Comicfigur mit wehenden Haaren und hartem Blick, die Wonder Woman heißt und eine der frühesten Superheldinnen der Geschichte ist. Wenn Zana Ramadani anfängt zu reden über das, was sie gemacht hat, und über das, was sie machen will, wirkt sie wie eine, die selbst zur Superheldin mutieren müsste, um zu erreichen, was sie sich wünscht: ein Leben ohne öffentliche Aufmerksamkeit. Einen Job. Eine Stellung in ihrer Partei, der CDU.