Endlich hat es aufgehört zu regnen. Der Heiligabend vor 100 Jahren ist eine klare Nacht. Am Frontbogen von Ypern in Flandern liegen einander deutsche Soldaten, hauptsächlich stammen sie aus Sachsen, Bayern und Württemberg, und die Männer des britischen Expeditionskorps gegenüber. Nach dem hohen Blutzoll der ersten Flandernschlacht im Vormonat sind die Truppen ausgelaugt. Die rattenverseuchten Schützengräben sind einander auf Rufweite entgegengerückt, mitunter ist das Niemandsland nur 20 Meter breit.

Die deutsche Heeresleitung hat zur Feier der ersten Kriegsweihnacht Zehntausende von kleinen, mit Kerzen geschmückten Christbäumen in die vordersten Linien der 600 Kilometer langen Westfront schaffen lassen. Plötzlich beobachten die Briten in Flandern, wie an vielen Abschnitten auf den gegenüberliegenden Grabenkanten kleine Lichter zu flackern beginnen. Dann wehen Weihnachtslieder herüber, Schotten und Walliser antworten. Spontan vereinbaren die Männer, kein Feuer zu eröffnen. Argwöhnisch nähern sie einander auf der aufgewühlten Erde. Schließlich wird die Stimmung herzlich, man tauscht Geschenke aus, eine sächsische Einheit rollt ein ganzes Fass Bier zu den Gräben der Royal Welch Fusiliers. Dieser einzigartige Weihnachtsfriede von 1914, der hauptsächlich nur anekdotisch überliefert ist, hält an einzelnen Abschnitten bis zum Neujahrstag. Vereinzelt vertreiben sich die Soldaten sogar mit Fußballspielen die Zeit.

Überall an den Fronten des Ersten Weltkrieges sind die Soldaten am Tag des Christfestes kriegsmüde. Ein schwaches Echo findet die weihnachtliche Waffenruhe 1.600 Kilometer entfernt im eisigen Osten. Dort belagern die Russen die Festungsstadt Przemyśl in der galizischen Grenzregion, das mächtigste Bollwerk der Habsburgermonarchie. Seit fast zwei Monaten sind mehr als 200.000 Soldaten eingekesselt. Sie sollen ausgehungert werden. Die eigene Front ist 100 Kilometer in den Süden zurückgedrängt worden und hat sich mit Mühe an den verschneiten Pässen der Waldkarpaten festgekrallt. Am Morgen des 24. Dezembers entdeckt die hungernde Besatzung eines Sperrforts eine Tafel, auf der russische Kameraden eine Inschrift hinterlassen haben: "Wünschen Ihnen allen, tapfere Verteidiger der Festung, ein ruhiges, fröhliches Weihnachtsfest. Friede, Friede, Friede auf Erden. Gott gebe die Erfüllung aller Ihrer Wünsche – das ist der aufrichtige Wunsch der Offiziere und Mannschaft der Batterie Nr. 5 der X. Artilleriebrigade." Im Niemandsland tauschen die Soldaten von Zar und Kaiser daraufhin Lebensmittel, Schnaps und Tabak aus. Dann sprechen wieder die Geschütze.

Man werde längstens bis Weihnachten wieder daheim sein, hatte es geheißen, als die Männer fünf Monate zuvor ins Feld gezogen waren. Nun liegen sie, Wind und Wetter ausgesetzt, noch immer einander gegenüber, und ein Ende ist nicht abzusehen. Auch ein Appell des neuen Papstes Benedikt XV., wenigstens in der Heiligen Nacht die Waffen ruhen zu lassen, verhallt. Der k. u. k. Generalstabschef Conrad von Hötzendorf meint, der Krieg könne auf derartige Sentimentalitäten keine Rücksicht nehmen.

Besonders die österreichisch-ungarische Armee ist zu diesem Zeitpunkt bereits ausgeblutet. Sie hat nahezu eine Million Mann in Galizien und in Serbien verloren. 189.000 Offiziere und Soldaten sind gefallen, 490.000 verwundet worden und 287 000 in Gefangenschaft geraten oder werden vermisst. Die Verlustlisten, die veröffentlicht werden, geraten immer länger. Die offiziellen Nachrichten über Verwundete und Verletzte umfasst am 24. Dezember 51 eng bedruckte Seiten. Vor allem das Korps der Berufsoffiziere wurde aufgerieben. Die alte bewaffnete Macht der Habsburger, die in patriotischem Überschwang in den Krieg marschiert war, existiert nicht mehr. Die notdürftig aufgefrischten Truppen werden nun von eilig ausgebildeten Reservisten geführt, die Armee habe sich "in eine Art Miliz" verwandelt, in der "Zivilisten in Uniform" in den Tod gingen, meinte der Historiker István Deák.

Dementsprechend gedrückt ist auch die Stimmung in der Residenzstadt Wien. "Alle Bevölkerungsschichten wünschen sich, der Krieg möge raschest enden", meldet der amerikanische Geschäftsträger Frederic Penfield von Wien nach Übersee. Die Stimmung sei "durch die Ereignisse in Serbien und infolge der Lebensmittelteuerung gedrückt", melden im Advent 1914 die Stimmungsberichte, die alle 14 Tage von der Wiener Polizeidirektion erstellt werden. Das "Vertrauen in die Armeeleitung" sei "etwas erschüttert". Unter ungeheuren Verlusten war es zwei rücksichtslos vorangetriebenen Armeen beim dritten Versuch zunächst gelungen in Serbien einzudringen und sogar Belgrad zu besetzen. Doch eine Gegenoffensive jagte die ausgemergelten k. u. k. Truppen wieder aus dem Land. "Unsere in Serbien eingedrungenen Streitkräfte sind den widrigen Verhältnissen nachgebend zurückgegangen", meldet dazu das Hauptquartier. "Daß wir bei diesem Rückzuge empfindliche Verluste an Mann und Material hatten, war unvermeidlich."

"Furchtbare Depression", notiert der einflussreiche Jurist Josef Redlich in sein Tagebuch: "Soviel Blut und Opfer für nichts!"