Auf dem Boden der Loge liegen goldgelbe Chipskrümel verteilt. Sie erinnern an den Kampf, der gestern in dieser Arena stattfand. 58 Minuten lang kombinierte der FC Augsburg, Tabellendritter, zu Hause gegen den Erstplatzierten Bayern München. 58 Minuten lang war das Spiel spannend. Dann platzten die Träume und fielen wie Krümel zu Boden.

"Du stehst als Trainer an der Seitenlinie und fühlst das Gleiche wie deine Spieler", sagt Markus Weinzierl am nächsten Morgen. Durch die Fensterfront der Loge sind noch Kampfspuren zu sehen: Einzelne Rasenfetzen liegen wild auf der Spielfläche verteilt. "Ich habe sofort die enorme Qualität der Bayern erkannt, habe versucht, Impulse durch Einwechslungen zu setzen, und gehofft, dass nicht noch ein Gegentor fällt. Ich wollte das Ganze in Grenzen halten", sagt der 39-jährige Trainer des FC Augsburg. Innerhalb von 13 Minuten trafen die Bayern viermal. Vier Stiche ins Kämpferherz. Goliath hatte David einfach überrannt.

Beschleunigung – vielleicht ist das der Begriff, mit dem man das Fußballjahr 2014 am besten zusammenfassen kann. Vor wenigen Jahren betrug die Zeitspanne zwischen Ballannahme und Ballabgabe im Schnitt noch 2,5 Sekunden, heute liegt sie bei rund 1,4 Sekunden, in einzelnen Sequenzen sogar unter einer Sekunde.

Die Schattenseite der Beschleunigung ist eine Vielzahl verletzter Spieler; Marco Reus ist nur einer von unzähligen Athleten, deren Körper das Tempo nicht mehr aushält. Viele reiben sich im Kampf zwischen Auskurieren und Aufbrechen der alten Wunden auf.

Der Rückzug des 30-jährigen DFB-Kapitäns Philipp Lahm aus der Nationalmannschaft ist nur eine logische Folge dieser Entwicklung. Und die nächste Umdrehung deutet sich schon an: Bald könnten Kinder, wie der 16-jährige Norweger Martin Ödegaard, die müden Stars ersetzen. Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge zeigt sich bereits von dessen "Handlungsschnelligkeit" begeistert. Man kann es gutheißen oder nicht: Die Dauer einer Fußballerkarriere verlagert sich nach vorn, und zugleich wird sie verknappt.

Wenn eine Branche einer solchen Beschleunigung ausgesetzt ist, dann können sich die verantwortlichen Personen leicht verbrauchen. Der Fußball ist nur das Spiegelbild der allgemein zu beobachtenden Erschöpfung einer gehetzten Gesellschaft. So schnell, wie man nach oben katapultiert wird, stürzt man oft auch wieder ab.

Das Credo der Trainer lautet: Verrate nie, was dich treibt!

Die Bundesliga verschleißt neben verletzten Spielern vor allem Trainer. Es gibt die alte Garde wie Felix Magath, Bernd Schuster oder Jupp Heynckes, die offenbar nicht mehr gebraucht wird. Aber da sind auch junge Kollegen wie Freiburgs Christian Streich, der Braunschweiger Torsten Lieberknecht oder der ehemalige Trainer von Mainz 05, Thomas Tuchel, die vorübergehend strahlten, eine Bestätigung ihres Rufs als Ausnahmetalent aber bisher schuldig geblieben sind.

Die Trainerentdeckung des Jahres 2014 heißt Markus Weinzierl. Er hat den FC Augsburg innerhalb von zwei Jahren als Aufsteiger, dem der Abstieg bereits vorausgesagt wurde, im oberen Drittel der Liga etabliert. Die Frage ist nun: Wird er sich auf Dauer halten können, oder bricht auch er im Laufe der Saison ein und damit auch der Erfolg des FC Augsburg?

Natürlich stellt auch er sich diese Frage. Meist erkennt man Prozesse im Fußball erst, wenn es zu spät ist. Das liegt daran, dass die Protagonisten peinlich darauf achten, die innere von der äußeren Welt abzuschotten. Zu groß ist die Angst der Trainer, durchschaubar und berechenbar zu sein. Deshalb lautet ein verbreitetes Credo: Verrate nie, was dich treibt!

Markus Weinzierl hat sich trotzdem entschieden, über den Kern seiner Arbeit zu sprechen. Er ist nicht der Typ, der sich in den Mittelpunkt drängt, "ich bin zufrieden mit meinem Image als zurückhaltender, nachdenklicher Mensch", sagt er. Die Lust am Austausch treibt den studierten Pädagogen an, er erklärt und hört gerne zu, vielleicht ist das im Umgang mit seiner Mannschaft ein Schlüssel zum Erfolg. "Wenn man miteinander redet, entwickelt man sich automatisch weiter."

Die Reaktion auf diese Niederlage kann für den Entwicklungsprozess des jüngsten Bundesligatrainers entscheidend sein. Wochenlang dominierte Weinzierls Mannschaft die Gegner. Geriet Augsburg mal in Rückstand, holte das Team diesen wieder auf. "Eine Kapitulation wie gestern gegen Bayern gibt es bei uns eigentlich nicht", sagt Weinzierl. "Und das wird auch so schnell nicht wieder passieren." Zwei Tage später verliert Augsburg 0 : 2 in Hannover.

Außenseiterteams müssen den individuell überlegenen Gegner im Kollektiv schlagen. Deshalb hat sich Weinzierl in einer von Beschleunigung dominierten Hinrunde für die Rolle des Entschleunigers entschieden.

Augsburg ist in die Maske eines lauernden Adlers geschlüpft, der mit Geduld seine Umgebung beobachtet und abwägt. Nur wenn er ganz sicher ist, startet er zum Angriff und verfehlt selten das Ziel.

Weinzierl arbeitete an der Physis der Spieler, sie verfügen über eine außerordentlich starke Athletik und eine Mischung aus Dynamik und Wucht, schießen häufig aus der Distanz aufs Tor. Er ließ Mechanismen einstudieren, damit die Spieler auf Spielverläufe reagieren können, ohne nachdenken zu müssen. Mit seiner Fähigkeit, ein Team mit einem kleinen Etat zu formen, führte er schon Jahn Regensburg vom Abstiegsplatz in der Dritten Liga in die Zweite. Natürlich hat er auch einzelne Stärken der Augsburger weiterentwickelt. In Nuancen wurden neue Varianten kreiert. Wenn man mit Weinzierl über den Umgang mit seinen Spielern spricht, dann benutzt er auffallend oft die Wörter "Vertrauen" und "Selbstvertrauen". Ohne gegenseitiges Vertrauen funktioniere keine Trainer-Spieler-Beziehung, und nur Selbstvertrauen führe zum Erfolg.

So gelang es den Augsburgern, ihre Gegner zu überraschen – bis zum Wochenende. Da kamen die Bayern, die im April zu Hause gegen Augsburg eine ihrer wenigen Niederlagen verbuchen mussten. "Sie waren perfekt auf uns vorbereitet. Im Angriff waren sie besser aufgestellt als im Frühjahr. Das Problem an Überraschungen ist, dass sie zeitlich begrenzt sind", sagt Weinzierl. "Außerdem müssen alle 100 Prozent geben, wenn etwas scheinbar Unmögliches gelingen soll, eigentlich sogar 110 Prozent, das heißt durch unbedingten Willen über sich hinauswachsen. Das kostet Substanz und ist über längere Zeit nur mithilfe eines breiten Kaders auszugleichen, über den kleinere Mannschaften selten verfügen."