Es haben Schläge beim Verhör kriminologisch nur geringe Bedeutung. Sie sind eine stillschweigend praktizierte und akzeptierte, eine normale Repressalie gegen widerspenstige, geständnisunwillige Polizeihäftlinge. Die Öffentlichkeit zeigt sich zumeist nicht zimperlich, wenn ihr dann und wann dergleichen Vorgänge in Polizeikommissariaten publizistisch enthüllt werden. Äußerstenfalls gibt es einmal eine Interpellation irgendeines linksgerichteten Abgeordneten im Parlament. Aber dann verlaufen die Geschichten im Sand; ich habe noch niemals gehört, daß ein prügelnder Polizeibeamter von seinen vorgesetzten Stellen nicht energisch gedeckt worden wäre. Bewirken also die simplen Schläge, die ja in der Tat ganz inkommensurabel sind mit der eigentlichen Tortur, fast nie weittragende Echowellen im Publikum, so sind sie doch für den, der sie erleidet, tief markierende Erlebnisse, um nicht die großen Worte jetzt schon zu verausgaben und klar zu sagen: Ungeheuerlichkeiten. Der erste Schlag bringt dem Inhaftierten zu Bewußtsein, daß er hilflos ist – und damit enthält er alles Spätere schon im Keime. Man darf mich mit der Faust ins Gesicht schlagen, fühlt in dumpfem Staunen das Opfer und schließt in ebenso dumpfer Gewißheit: Man wird mit mir anstellen, was man will.

Es ist nur wenig ausgesagt, wenn irgendein Ungeprügelter die ethisch-pathetische Feststellung trifft, daß mit dem ersten Schlag der Inhaftierte seine Menschenwürde verliere. Doch bin ich sicher, daß er schon mit dem ersten Schlag, der auf ihn niedergeht, etwas einbüßt, was wir vielleicht vorläufig das Weltvertrauen nennen wollen. Weltvertrauen. Dazu gehört vielerlei: der irrationale und logisch nicht zu rechtfertigende Glaube an unverbrüchliche Kausalität etwa. Wichtiger aber – und in unserem Zusammenhang allein relevant – ist als Element des Weltvertrauens die Gewissheit, daß der andere auf Grund von geschriebenen oder ungeschriebenen Sozialkontrakten mich schont, genauer gesagt, daß er meinen physischen und damit auch metaphysischen Bestand respektiert.

Mit dem ersten Schlag bricht dieses Weltvertrauen zusammen. Der andere, gegen den ich physisch in der Welt bin und mit dem ich nur solange sein kann, wie er meine Hautoberfläche als Grenze nicht tangiert, zwingt mir mit dem Schlag seine eigene Körperlichkeit auf. Er ist an mir und vernichtet mich damit. Es ist wie eine Vergewaltigung.

Einzufügen ist hier allerdings, daß der existentielle Schreck des ersten Schlages schnell verfliegt und psychischer Raum frei bleibt für eine Anzahl von praktischen Überlegungen. Es stellt sich sogar eine gewisse freudige Überraschung ein, denn die körperlichen Schmerzen sind ja durchaus nicht unerträglich. Ein Schmerzempfinden, das vergleichbar wäre einem heftigen Zahnschmerz oder dem pulsierenden Brand einer eiternden Wunde, stellt sich nicht ein. Darum denkt der Geprügelte auch ungefähr dies: Nun ja, das wäre doch auszuhalten, ihr schlagt mir lang gut, das führt euch zu gar nichts.

Es führte sie zu nichts, und sie wurden die Faustschläge leid. Ich wiederholte nur, daß ich nichts wisse, und darum ging es alsbald, wie man es mir angedroht hatte, nicht in das von der Wehrmacht verwaltete Gefängnis von Brüssel, sondern nach dem "Auffanglager Breendonk", über das die SS herrschte.

Rufe ich mir die Ereignisse von damals zurück, sehe ich noch den Mann vor mir, der plötzlich eintrat und auf den es anzukommen schien in Breendonk. Er trug auf seiner feldgrauen Uniform die schwarzen Aufschläge der SS, aber man sprach ihn mit "Herr Leutnant" an. Er war klein, von gedrungener Gestalt und hatte jenes fleischige, sanguinische Gesicht, das man wohl in der Banalphysiognomik "bärbeißig-gutmütig" nennen würde. Seine Stimme rasselte heiser, der Tonfall war berlinisch dialekthaft. Am Handgelenk hing ihm in einer Lederschleife ein Ochsenziemer von der Länge vielleicht eines Meters. Aber warum soll ich eigentlich seinen Namen verschweigen, der mir später so geläufig wurde? Es geht ihm vielleicht gut zur Stunde, und er fühlt sich wohl in seiner gesund geröteten Haut, wenn er vom Sonntagsausflug im Auto heimkehrt. Ich habe keinen Grund, ihn nicht zu nennen. Der Herr Leutnant, der hier die Rolle eines Spezialisten für Folterungen spielte, hieß Praust – P-R-A-U-S-T. "Jetzt passiert’s", sagte er rasselnd und gemütlich zu mir. Und dann führte er mich durch die rötlichdünn erleuchteten Korridore, in denen immer wieder Gittertore aufgingen und dröhnend zufielen, in das schon beschriebene Gewölbe, den Bunker. Mit ihm und mir waren die Gestapomänner, die mich verhaftet hatten.

Im Bunker hing von der Gewölbedecke eine oben in einer Rolle laufende Kette, die am unteren Ende einen starken, geschwungenen Eisenhaken trug. Man führte mich an das Gerät. Der Haken griff in die Fessel, die hinter meinem Rücken meine Hände zusammenhielt. Dann zog man die Kette mit mir auf, bis ich etwa einen Meter hoch über dem Boden hing. Man kann sich in solcher Stellung oder solcher Hängung an den hinterm Rücken gefesselten Händen eine sehr kurze Weile mit Muskelkraft in der Halbschräge halten. Man wird, während dieser wenigen Minuten, wenn man bereits die äußerste Kraft verausgabt, wenn schon der Schweiß auf Stirn und Lippen steht und der Atem keucht, keine Fragen beantworten. Komplizen? Adressen? Treffpunkte? Das vernimmt man kaum. Das in einem einzigen, engbegrenzten Körperbereich, nämlich in den Schultergelenken, gesammelte Leben reagiert nicht, denn es erschöpft sich ganz und gar im Kraftaufwand. Nur kann dieser auch bei physisch kräftig konstituierten Leuten nicht lange währen. Was mich betrifft, so mußte ich ziemlich schnell aufgeben. Und nun gab es ein von meinem Körper bis zu dieser Stunde nicht vergessenes Krachen und Splittern in den Schultern. Die Kugeln sprangen aus den Pfannen. Das eigene Körpergewicht bewirkte Luxation, ich fiel ins Leere und hing nun an den ausgerenkten, von hinten hochgerissenen und über dem Kopf nunmehr verdreht geschlossenen Armen. Tortur, vom lateinischen torquere, verrenken: Welch ein etymologischer Anschauungsunterricht! Dazu prasselten die Hiebe mit dem Ochsenziemer auf meinen Körper, und mancher von ihnen schnitt glatt die dünne Sommerhose durch, die ich an diesem 23. Juli 1943 trug.

Es wäre ohne alle Vernunft, hier die mir zugefügten Schmerzen beschreiben zu wollen. War es "wie ein glühendes Eisen in meinen Schultern", und war dieses "wie ein mir in den Hinterkopf gestoßener stumpfer Holzpfahl"? – ein Vergleichsbild würde nur für das andere stehen, und am Ende wären wir reihum genasführt im hoffnungslosen Karussell der Gleichnisrede. Der Schmerz war, der er war. Darüber hinaus ist nichts zu sagen. Gefühlsqualitäten sind so unvergleichbar wie unbeschreibbar. Sie markieren die Grenze sprachlichen Mitteilungsvermögens. Wer seinen Körperschmerz mitteilen wollte, wäre darauf gestellt, ihn zuzufügen und damit selbst zum Folterknecht zu werden. Aufheulend vor Schmerz ist der gewalthinfällige, auf keine Hilfe hoffende, zu keiner Notwehr befähigte Gefolterte nur noch Körper und sonst nichts mehr.

Ich spreche vom Gemarterten. Es ist aber Zeit, auch ein Wort zu sagen über die Peiniger. Wer waren die anderen, die mich da an den ausgerenkten Armen hochzogen und den baumelnden Körper mit dem Ochsenziemer züchtigten? Man kann fürs erste einen Standpunkt einnehmen, von dem aus gesehen sie bloß verrohte Kleinbürger und subalterne Folterbeamte waren. Es ist aber vonnöten, diesen Standpunkt schnellstens wieder zu verlassen, wenn man zu einer mehr als banalen Einsicht in das Böse vorstoßen will. Handelte es sich also um Sadisten? Im engen sexualpathologischen Sinne waren sie es meiner wohlbegründeten Überzeugung nach nicht, so wie ich überhaupt glaube, daß ich während zweijähriger Gestapo- und Konzentrationslagerhaft nicht einem einzigen echten Sadisten dieser Sorte begegnet bin. Sie waren es aber wahrscheinlich, wenn wir die Sexualpathologie beiseite lassen und versuchen, die Folterknechte nach den Kategorien der – nun ja, der Philosophie des Marquis de Sade zu beurteilen.