Er ist das Kino", hat Jean-Luc Godard über Fritz Lang gesagt. Und ebendeshalb scheint das Projekt einer Biografie, einer menschlich-chronologischen Annäherung an diesen Titanen der Leinwand, von einer gewissen Vergeblichkeit umwölkt. War Fritz Lang nicht der Über-Regisseur und perfektionistische Teutone, dessen durch alle Lebensjahrzehnte getragenes Monokel schon eine gewisse Distanz zur profanen Welt behauptete? Welche lustigen, skurrilen oder auch pikanten Lebens- und Alltagsdetails sollen schon groß Auskunft geben über den Schöpfer von Filmen wie Der müde Tod, Die Nibelungen, Metropolis, Das Testament des Dr. Mabuse oder M.?

In der ersten umfangreichen Biografie über den Regisseur, "Ich bin ein Augenmensch", führt der Mainzer Filmwissenschaftler Norbert Grob vor, dass sich dieses Werk viel profunder durch den Menschen Fritz Lang begreifen lässt, durch seine Widersprüche, seine Ängste, seine Lieben und Marotten. Das im besten Sinne detailverliebte Buch porträtiert Lang als kunstgefräßiges, überraschend sinnenfrohes Medium seiner Zeit.

Die Biografie beginnt ungewöhnlich, im Jahre 1956, nach Fritz Langs Rückkehr nach Deutschland. Lang ist 66 Jahre alt, hat das Exil und eine Hollywood-Karriere hinter sich und mit Filmen wie Gehetzt, Auch Henker sterben oder Gefährliche Begegnung auch das amerikanische Publikum gewonnen. Und nun blickt er bang und unsicher auf das Land, dessen größter Regisseur er in den zwanziger und dreißiger Jahren war und das er 1933, als ihm schwante, dass die nationalsozialistische Kinomaschine ihn vereinnahmen und zerstören würde, verließ. In Deutschland trifft Lang alte Freunde, unter anderem Theodor W. Adorno und dessen Frau Gretel, mit denen sich der Regisseur und seine Lebensgefährtin Lily Latté in Los Angeles eng befreundet hatten (in ihren Briefen hatten sie sich die beiden Männer Spitznamen gegeben: "Badger" für Lang, "Nilpferd" für Adorno). Dank dieses Beginns blicken wir nun auf Langs Vergangenheit indirekt mit seinen Augen, so als verlebendige sich der Fritz Lang des Jahres 1956 erst aus all dem, was Norbert Grob erzählt: die Kindheit in Wien, der "Konditorei am Rande des Balkans" (Lang), die Ausbildung zum Maler in München, die Teilnahme am Ersten Weltkrieg und schließlich die Ankunft in Berlin, wo Lang zum "Rembrandt des Kinos" werden wollte, zu einem Künstler, der mit Bauten, Dekors, Licht, Schauspielern und Kostümen malt. Für Bescheidenheit, das macht die Biografie klar, hatte Lang nun wirklich keine Zeit.

Diese Rastlosigkeit durchdringt auch bis zuletzt sein Privatleben. Kaum zu glauben, wie viele Beziehungen, Affären, Sub- und Nebenliebschaften Fritz Lang hatte – die Schauspielerinnen Lil Dagover, Gerda Maurus, Marlene Dietrich und Joan Bennett dürften davon nur ein gefühltes Hundertstel repräsentieren.

So ausführlich Norbert Grob all dies darstellt, bleibt er doch angenehm unstreberhaft. Grob versucht nicht, Fritz Lang endgültig zu deuten, vielmehr teilt er mit uns seine Recherchen und Beobachtungen, um – manchmal auch nur assoziativ – die Verbindung von Leben und Ästhetik herzustellen. So ist zum Beispiel kaum bekannt, dass sich Langs erste Ehefrau im Badezimmer erschoss, während er in der gemeinsamen Wohnung ein Rendezvous mit seiner späteren Frau, der Drehbuchautorin Thea von Harbou, hatte. Der Vorfall wurde nie geklärt. Danach begann Fritz Lang akribisch aufzuzeichnen, was er wo tat, lebte gewissermaßen im Grundmodus des ewigen Alibis. Man ahnt eine Verbindung zu seinen oft paranoiden Bildwelten und zu den männlichen Hauptfiguren seiner amerikanischen Filme. Immer wieder werden sie in Verbrechen hineingezogen, die sie eigentlich nicht begangen haben oder begehen wollten.

Bei Fritz Lang seien Leben und Werk einfach nicht zu trennen, und das sei das verteufelt Schwere, schrieb die deutsch-französische Filmwissenschaftlerin Lotte H. Eisner in ihrem 1976 erschienenen Buch über den Regisseur und Freund. Die Sache ist aber noch komplexer: Fritz Lang suchte die Wirklichkeit hinter dem Mythos (etwa den Zusammenprall einer dekadenten mit einer wilden, sich erst formierenden Gesellschaft in den Nibelungen), und genauso versessen suchte er den Mythos in der Wirklichkeit. Seine Abreise aus Deutschland nach einem Gespräch mit Goebbels im Propagandaministerium schilderte er als eine noch am selben Abend erfolgte Hals-über-Kopf-Flucht. Tatsächlich packte Lang seine Koffer zwei Monate lang, bevor er nach Paris und dann in die USA reiste.

Liegt in dieser dramatisierten Erinnerung eine intuitive Langsche Wahrheit? Schließlich war es der radikale Bruch des Nationalsozialismus mit dem Weimarer Kino, der die Verbindungslinien zwischen diesem Kino und seinen Regisseuren und der deutschen Nachkriegskultur zerstörte. Vielleicht mussten wir nicht zuletzt auch deshalb so lange auf diese Biografie warten.