In der bayerischen Justiz, der auch der Verfasser dieser Rezension entstammt, kennt man den Sog des Wir und die Furcht vor der Abweichung. Dort stehen zwei Welten gegeneinander: die eine heißt "Wir", die andere "die Opposition". Wenn beim Oberlandesgericht der Herr Personalreferent hüstelt, klappen dem Kleinen Strafkämmerer die Hacken ganz von selbst zusammen. Wer Karriere gemacht hat im Beziehungsgeflecht zwischen weisungsgebundener Staatsanwaltschaft und richterlicher Beisitzerschaft, weiß, was eine Linie ist.

Der für die Kontrolle der bayerisch-landgerichtlichen Entscheidungen zuständige 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs erhielt den Ehrentitel "Olli-Kahn-Senat" und fand das gut: "Wir halten alles!" (Gemeint waren die mit der Revision angegriffenen Urteile.) Wer vor möglichen Folgen einer solchen vorauseilenden Aufhebung von Kontrolle warnte, stand mit einem Bein im Feindesland. Auch das gehört zur Nährlösung des Falles Mollath.

Die Forensische Psychiatrie

Die Forensische Psychiatrie hat zum Skandal manches beigetragen: eklatante Verstöße gegen eigene "Qualitäts"-Standards. Routiniert haben sich Gutachter und Justiz die Bälle zugespielt. Von "Heilung" ist die Rede, doch allzu oft geht es bloß darum, den Widerstand eines Beschuldigten zu brechen, seine Einwände in rückstandslos verdampfendes Geschreibe verwandelnd. Das ist ein Desaster für eine Wissenschaft, die einst angetreten ist, die Person des Beschuldigten aus den Fängen einer gnadenlosen Vergeltungsjustiz zu befreien.

Strate beschreibt die Psychiatrie nur noch als eine Art von rationalisierendem Irrsinn: ein System, eine Institution, eine Methode, um abweichende Menschen zu entrechten und ihrer Würde zu berauben. Da macht er es sich zu leicht.

In merkwürdig überzogener Form stürzt sich Strate auf den Berliner Psychiater Hans-Ludwig Kröber, dem er gewissenlose Gefälligkeitsbegutachtung unterstellt. Aus den siebziger Jahren weiß Strate – der damals Mitglied einer maoistischen Sekte namens Kommunistischer Studentenverband war – zu berichten, Kröber sei Mitglied einer anderen maoistischen Sekte gewesen. Daher komme "unweigerlich" der Gedanke auf, die "Grenze zum gemeingefährlichen Wahn" sei im Leben des Sachverständigen schon immer unklar gewesen. Diese doppelte Denunziation ist nicht witzig und schadet dem Buch.

Strates Vorbild eilten im Spiegel schon die Kommentare der – psychiatrischer Sachkunde unverdächtigen – Journalistin Gisela Friedrichsen voraus; sie wusste über angebliche Charaktermängel des Psychiaters sowie davon zu berichten, Kröber sei mit einem behinderten Bruder "in den Bethelschen Heilanstalten aufgewachsen"; daher komme ihm vielleicht manches durcheinander. Vor wenigen Jahren noch schrieb dieselbe Autorin vibrierende Elogen über die alles überragende Qualität der Kröberschen Gutachten.

Anders als Strate meint, sind Forensische Psychiatrie und Psychologie keineswegs "mittelalterliche" Systeme mit dem "einzigen Ziel der Stigmatisierung von Menschen". Seine Behauptungen, der Hexenwahn des 16. Jahrhunderts sei ersetzt durch die Diagnose der Schizophrenie, die Ausrottung des Andersartigen durch die Therapie vermeintlich Kranker, mögen plakativ an Ängste appellieren; zutreffend sind sie nicht.

Die Unterscheidung zwischen Verantwortung und Schicksal, Schuld und Wahn, Lästigkeit und Gefährlichkeit hat alle Gesellschaften beschäftigt und zu einer unendlichen Vielzahl von Abgrenzungen geführt; sie korrespondieren mit dem Stand der sozialen Entwicklung. Das dem magischen Denken nachhängende Entlarven des Bösen hat mit der "Wissenschaft vom Menschen" wenig gemein, dem die Psychiatrie entstammt.

Richtig ist: "Wissenschaft" hat einen Hang zum Totalitären. Sie will alles wissen; sie kennt keine Grenzen des Zugriffs auf Seele und Persönlichkeit. Das gilt aber nicht nur für die Psycho-Wissenschaften, sondern für viele wissenschaftliche Anwendungen, die heute selbstverständlich erscheinen: DNA-Analyse, Datenabgleich, Glaubwürdigkeits-Psychologie. Warum sollen wir potenziell gefährliche Menschen nicht mit allen Möglichkeiten der Wissenschaft untersuchen? Warum sollen Motive und Gedanken ein Geheimnis bleiben, wenn es Möglichkeiten zu ihrer Vorhersage gibt? Die radikale Ablehnung Strates bleibt unerklärt.

Die Antwort ergibt sich aus Wortlaut und Geist unserer Verfassung, die eine kulturgeschichtliche Erfahrung reflektiert: weil wir alle – dann und wann, mehr oder weniger, aus diesem oder einem anderen Grund – "gefährlich" sind. Weil wir – trotzdem – eine Gesellschaft gleichwertiger Menschen sein wollen.

Machen wir uns nichts vor: Vom deutschen Maßregelvollzug nach Guantánamo ist es nur ein kleiner Schritt. Unsere Gewissheit, ihn nicht zu gehen, beruht auf dem Vertrauen, dass von denen, die einen Eid geschworen haben, die Grenze verstanden und mindestens so aufmerksam kontrolliert wird wie jede Sicherheitsschleuse.

Daher ist Gerhard Strates Buch zur Lektüre sehr zu empfehlen, obgleich es Schwächen, Übertreibungen und Redundanzen hat. Seine Stärken liegen da, wo es eng am Fall bleibt. Nicht alle Behauptungen, die der Autor aufstellt, sind richtig. Aber alle seine Fragen sind berechtigt.

Thomas Fischer ist Vorsitzender Richter des 2. Strafsenats am Bundesgerichtshof.