Was wir derzeit erleben, ist dies: Noch bevor sich das auf dem Primat des US-Dollar beruhende Weltsystem richtig etabliert hatte, ist es ins Wanken geraten, was die vielen Spannungen in der Welt erklärt. Doch was kommt dann? Wodurch könnte das alte, auf der universellen Währung des Dollar beruhende System ersetzt werden?

Das ist derzeit die große Frage. Das "amerikanische Jahrhundert" ist zu Ende, und wir werden Zeuge, wie sich nach und nach multiple Zentren des globalen Kapitalismus herausbilden – die Vereinigten Staaten, Europa, China, vielleicht Lateinamerika. Jedes dieser Zentren steht für einen Kapitalismus mit einer besonderen Prägung. Die USA stehen für den neoliberalen Kapitalismus, Europa steht für das, was noch vom Wohlfahrtsstaat bleibt, China für den (autoritären) Kapitalismus der "asiatischen Werte" und Lateinamerika für einen populistischen Kapitalismus. In dieser neuen postamerikanischen Welt reizen sich die alten und die neuen Supermächte gegenseitig aus und versuchen, ihre jeweils eigene Version der globalen Regeln durchzusetzen. Sie tun dies, indem sie mit Stellvertretern experimentieren – und diese Stellvertreter sind die vielen anderen kleinen Nationen und Staaten.

Tatsächlich weist die gegenwärtige Situation eine frappierende Ähnlichkeit mit der Lage um 1900 auf. Damals wurde die Hegemonie des britischen Empires von aufstrebenden neuen Mächten infrage gestellt, vor allem von Deutschland, das sein Stück vom kolonialen Kuchen abbekommen wollte – einer der Schauplätze dieser Konfrontation war der Balkan. Heute sind es die USA, die die Rolle des britischen Empires spielen, und bei den kommenden neuen Supermächten handelt es sich um Russland und China. Und was damals der Balkan war, das ist heute der Nahe Osten. Es ist derselbe alte Kampf um geopolitischen Einfluss. Denn nicht nur Washington, auch Moskau hört die Rufe aus Georgien und aus der Ukraine. Vielleicht demnächst auch Stimmen aus dem Baltikum?

Es gibt noch eine weitere überraschende Parallele zur Situation vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In den vergangenen Monaten haben uns die Medien unablässig vor einem drohenden Dritten Weltkrieg gewarnt. Es wimmelt von Überschriften wie "Die Superwaffe der russischen Luftstreitkräfte: Vorsicht vor dem PAK-FA-Tarnkappen-Kampfjet" oder auch "Russland ist bereit für einen Krieg und dürfte die drohende nukleare Machtprobe mit den USA gewinnen".

Wenigstens einmal wöchentlich äußert sich Putin in einer Art und Weise, die im Westen als Provokation verstanden wird, während im Gegenzug ein hochrangiger westlicher Staatsmann oder Nato-Vertreter die Welt vor Russlands imperialistischen Ambitionen warnt. Russland ist besorgt, dass es von der Nato eingeschnürt wird, während Russlands Nachbarn eine russische Invasion fürchten – und so weiter. Und wie in der Zeit vor 1914, so scheint der ausgesprochen beunruhigte Ton dieser Warnungen die Anspannung nur zu steigern. In beiden Fällen ist auch derselbe abergläubische Mechanismus am Werk: als ob man "es" verhindern könnte, wenn man darüber spricht. Wir wissen um die Gefahr, glauben aber nicht, dass es wirklich zum Schlimmsten kommen kann – und deshalb kann es dazu kommen. Das heißt, selbst wenn wir nicht wirklich glauben, dass es zum Krieg kommen kann, bereiten wir uns innerlich darauf vor.

Die realen Vorbereitungen dagegen werden von den großen Medien weithin ignoriert, über sie berichten vor allem journalistische Außenseiter, beispielsweise die Website Veterans News Now. Glaubt man solchen schwer einzuschätzenden Außenseitern, dann befindet sich Amerika bereits in Gefechtsbereitschaft. "Während sich das Szenario eines Dritten Weltkriegs seit über zehn Jahren auf dem Reißbrett des Pentagon befindet, wird eine Militäraktion gegen Russland mittlerweile auf ›operativer Ebene‹ durchgespielt." Weiter heißt es: "Wir sprechen hier nicht von einem ›Kalten Krieg‹. Es gibt heute keine der Absicherungen aus der Ära des Kalten Krieges mehr. Die Annahme eines wichtigen Entschließungsantrags durch das US-Repräsentantenhaus am 4. Dezember 2014 (H. Res. 758), die allerdings noch den Senat passieren muss, würde dem amerikanischen Präsidenten und Oberbefehlshaber faktisch grünes Licht geben, ohne Zustimmung des Kongresses einen Prozess der militärischen Konfrontation mit Russland einzuleiten. Die globale Sicherheit steht auf dem Spiel. Über dieses historische Votum – das potenziell das Leben von Hunderten Millionen Menschen auf der ganzen Welt betreffen könnte – wurde in den Medien praktisch nicht berichtet."

Laut Veterans News Now herrscht in Russland eine ähnliche Alarmstimmung. Wörtlich heißt es hier: "Am 3. Dezember verkündete das Verteidigungsministerium der Russischen Föderation die Einweihung einer neuen militärisch-politischen Einrichtung, die im Falle eines Krieges das Kommando hätte. Zitat Russia Today: ›Russland nimmt ein neues Hauptquartier der nationalen Verteidigung in Betrieb, das in Friedenszeiten Bedrohungen für die nationale Sicherheit überwachen soll, im Kriegsfall aber die Kontrolle über das ganze Land übernehmen würde.‹"