Weiter verkompliziert wird die Lage durch den Umstand, dass zu den konkurrierenden neuen und alten Supermächten ein dritter Faktor hinzutritt, nämlich die fundamentalistischen Bewegungen in der Dritten Welt, die sich allen Großmächten widersetzen, gleichwohl aber bereit sind, mit der einen oder anderen Macht strategische Pakte einzugehen. Kein Wunder, dass wir uns in einem immer verworreneren Schlamassel befinden: Wer ist eigentlich wer in den andauernden Konflikten? Wie soll man sich in Syrien zwischen Assad und dem IS entscheiden? Solche Unklarheiten – ganz zu schweigen von Drohnen und anderen Waffen, die einen sauberen Hightechkrieg ohne Verluste (auf unserer Seite) versprechen – treiben die Rüstungsausgaben wieder in die Höhe und lassen einen begrenzten Krieg immer plausibler erscheinen.

Wir müssen verhindern, noch tiefer in den Strudel gerissen zu werden

Bestand die Maxime des Kalten Krieges in der "garantierten gegenseitigen Zerstörung", der Mutually Assured Destruction (MAD), so läuft die Maxime des heutigen Kriegs gegen den Terror anscheinend auf das Gegenteil hinaus, nämlich auf die "nukleare Zielauswahl", auf die Nuclear Utilization Target Selection (NUTS). Hinter dieser Abkürzung, die auf gut Deutsch "irre" bedeutet, verbirgt sich die Idee, man könne mit einem chirurgischen Erstschlag das Atomwaffenpotenzial des Gegners zerstören, während man selbst durch seinen Raketenschutzschild vor einem Gegenschlag geschützt wäre. Recht betrachtet, verfolgen die Vereinigten Staaten hier eine Doppelstrategie. Im Verhältnis zu Russland und China agieren sie so, als vertrauten sie weiter auf die alte MAD-Logik. Gegenüber dem Iran und Nordkorea hingegen scheinen sie mit der NUTS-Logik zu flirten.

Erinnern wir uns: Der paradoxe Mechanismus von MAD, also der garantierten gegenseitigen Zerstörung, kehrt die Logik der sich selbst erfüllenden Prophezeiung in die Logik einer sich selbst aufhebenden Absicht um. Gerade die Tatsache, dass sich jede Seite sicher sein kann, die andere Seite werde auf einen Nuklearangriff mit ihrer vollen Zerstörungskraft reagieren, garantiert, dass keine Seite einen Krieg beginnen wird. Die NUTS-Logik der nuklearen Zielauswahl hingegen besagt, dass der Feind zur Abrüstung gezwungen werden kann, wenn er sich sicher ist, dass wir ihn zu schlagen vermögen, ohne einen Gegenangriff zu riskieren. Ein und dieselbe Supermacht verfolgt also zwei Strategien gleichzeitig, und die beiden widersprechen sich auch noch. Das sagt einiges über den phantasmagorischen Charakter dieser Denkungsart.

Wie wollen wir verhindern, dass wir noch tiefer in diesen Strudel hineingezogen werden? Der erste Schritt wäre, das ganze pseudorationale Gerede über "strategische Risiken", die wir als gegeben annehmen müssten, über Bord zu werfen – genauso wie die Vorstellung von einer historischen Zeit als einem linearen Entwicklungsprozess, bei dem wir uns in jedem Moment zwischen verschiedenen Handlungsoptionen zu entscheiden haben. Wir müssen es als unser Schicksal akzeptieren, bedroht zu sein: Es geht nicht nur darum, Risiken zu vermeiden und vor dem Hintergrund der globalen Lage die richtigen Entscheidungen zu treffen; die wahre Bedrohung besteht in der globalen Lage insgesamt, in unserem "Schicksal" – wenn wir weiter so handeln, wie wir es derzeit tun, sind wir zum Untergang verurteilt, ganz gleich, wie umsichtig wir vorgehen.

Die Lösung besteht also gerade nicht darin, überaus umsichtig zu sein und riskante Unternehmungen zu vermeiden. Wenn wir so handeln, gehorchen wir voll und ganz der Logik, die in die Katastrophe führt. Die Lösung ist vielmehr, sich des explosiven Gemischs aus Kreuz-und-quer-Verbindungen, das die ganze Lage so gefährlich macht, wirklich bewusst zu werden. Sobald uns das gelungen ist, sollten wir die langwierige und komplizierte Aufgabe in Angriff nehmen, die Koordinaten der Gesamtsituation zu verändern. Mit weniger ist uns nicht geholfen, wenn wir den Absturz unseres Planeten verhindern wollen.

Aus dem Englischen von Michael Adrian

Der Lacan-Experte und Philosoph Slavoj Žižek wurde 1949 im slowenischen Ljubljana geboren. Er ist Internationaler Direktor am Birkbeck College in London