Ende September gab US-Präsident Obama, nachdem er dem "Islamischen Staat" (IS) den Krieg erklärt hatte, dem CBS-Nachrichtenmagazin 60 Minutes ein Interview, in dem er die Grundsätze des amerikanischen Engagements zu erklären versuchte: "Wenn es irgendwo auf der Welt Probleme gibt, dann ruft man nicht Peking an und auch nicht Moskau. Man ruft uns an. Das ist immer so. Amerika führt. Wir sind die unverzichtbare Nation." Dies gelte auch für Umwelt- und humanitäre Katastrophen: "Wenn es einen Taifun auf den Philippinen gibt, schauen Sie, wer dann den Philippinern hilft, mit der Situation zurechtzukommen. Wenn es ein Erdbeben auf Haiti gibt, schauen Sie, wer die Verantwortung dafür übernimmt, Haiti beim Wiederaufbau zu helfen. That’s how we roll. (So machen wir das.) Das ist es, was uns zu Amerikanern macht."

Mitte Oktober jedoch wandte sich Obama selbst an die Regierung in Teheran. In einem geheimen Schreiben an Ajatollah Ali Chamenei schlug er eine umfassende Annäherung zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran vor, da beide ein gemeinsames Interesse daran hätten, den IS zu bekämpfen. Der Iran lehnte das Angebot ab.

Als die Nachricht von dem Brief dann ihren Weg an die Öffentlichkeit fand, schmähten ihn die Republikaner als eine alberne Geste der Selbsterniedrigung. Er bestärke den Iran in seiner arroganten Vorstellung von den Vereinigten Staaten als einer Supermacht im Niedergang. So machen die USA das nämlich in Wirklichkeit: Sie handeln im Alleingang in einer multizentrischen Welt. Und das führt dazu, dass sie immer häufiger einen Krieg gewinnen und gleichzeitig den Frieden verlieren. Sie erledigen die Drecksarbeit für andere, für China und Russland, die ihre eigenen Probleme mit Islamisten haben, und sogar für den Iran. Und das Ergebnis? Nach dem Einmarsch in den Irak bestand es darin, dass der Iran stark an Einfluss gewann. Ganz ähnlich auch in Afghanistan: Als die USA den Widerstand gegen die sowjetische Besatzung unterstützten, halfen sie mit, die Taliban hervorzubringen.

In der neuen Weltordnung reizen sich die Supermächte

Eine Ursache für diese Probleme ist die veränderte weltwirtschaftliche Rolle der Vereinigten Staaten. Wir erleben, dass eine lange ökonomische Periode an ihr Ende kommt. Diese Periode begann in den frühen siebziger Jahren, als der "globale Minotaurus" geboren wurde, wie der griechische Wirtschaftswissenschaftler Yanis Varoufakis die monströse Maschine nennt, die die Weltwirtschaft von den frühen achtziger Jahren bis 2008 antrieb. Varoufakis weist darauf hin, dass die späten sechziger und frühen siebziger Jahre eben nicht nur die Zeiten von Ölkrise und Stagflation waren, sondern – ausgelöst durch Nixons Entscheidung, die Goldbindung des Dollar aufzuheben – der Beginn eines radikalen Wandels in den Grundmechanismen des kapitalistischen Systems (Der globale Minotaurus: Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft, Kunstmann Verlag).

Der radikale Wandel hat seinen tieferen Grund darin, dass die amerikanische Wirtschaft Ende der sechziger Jahre ihre Überschüsse nicht mehr in Europa und Asien recyceln konnte – aus Überschüssen waren plötzlich Defizite geworden. Auf diese Krise reagierte die US-Regierung 1971 dann mit einem gewagten strategischen Manöver: Statt das wachsende Haushaltsdefizit der Nation zu bekämpfen, beschloss sie, das Gegenteil zu tun, nämlich die Defizite weiter zu erhöhen.

Und wer würde für sie bezahlen? Der Rest der Welt! Und zwar durch einen permanenten Transfer von Kapital, das unermüdlich über die beiden großen Ozeane rauschte, um damit Amerikas Schulden zu finanzieren. So müssen die Vereinigten Staaten täglich eine Milliarde Dollar an Zuflüssen aus anderen Ländern aufsaugen, um ihren Konsum zu bezahlen. Anders gesagt: Die USA sind der universelle keynesianische Konsument, der die Weltwirtschaft am Laufen hält.

Diesem Zufluss von transnationalem Kapital liegt ein komplexer ökonomischer Mechanismus zugrunde. Von ölproduzierenden arabischen Ländern bis hin zu Westeuropa und Japan und inzwischen sogar China – alle "vertrauen" den USA, alle schätzen sie als sicheres und stabiles Zentrum und investieren dort ihre Überschüsse. Da dieses "Vertrauen" in erster Linie nicht ökonomischer, sondern ideologischer und militärischer Natur ist, besteht das Problem der Vereinigten Staaten darin, ihre imperiale Rolle rechtfertigen zu müssen. Sie müssen sich in einem latenten Kriegszustand als Beschützer aller anderen "normalen" (also Nicht-"Schurken-") Staaten anbieten.