In einem Café in Berlin-Mitte. Zehn Uhr ist für ihn, den Nachtlebenarbeiter, der eine Tochter in die Kita zu bringen hat, keine besondere Zeit. Marcel Dettmann, 37, Resident DJ im Berliner Club Berghain – er gehört seit Jahren zum Techno-Establishment, veröffentlicht auf dem Berghain-eigenen Label Ostgut Ton. Versuch, dem Dettmann-Sound einen Namen zu geben: Minimal heißt jenes hochenergetische, nur auf der Oberfläche monoton klingende Brodeln der Bässe, Hi-Hats und Kick-Drums, das ganz ohne Gesang und Stimmschnipsel auskommt und zu dem Menschen fünf, sechs, sieben Stunden am Stück – ja, chemische Substanzen spielen auch eine Rolle – und noch länger tanzen können. Mit diesem Nachtlebenmenschen muss man auch über seine Ost-Biografie reden, er ist in Plattenbauten im brandenburgischen Fürstenwalde aufgewachsen. Seine imposante Erscheinung: hünenhafte Gestalt, lange, blonde Wikinger-Haare. Im Jahr 2014 sind diese DJs ja irgendwie auch wundersam altmodische, aus der Zeit gefallene Menschen: Was denken die?

Rühreier, doppelter Espresso. Im Moment reden ja alle wieder von deutschem Hip-Hop: Wie geht’s Techno? "Techno ist voll da", erklärt der DJ, vom Model in Paris bis zum Bauarbeiter seien alle dabei. Nach den aufregenden neunziger Jahren sei das jetzt die klassische Phase. In ZEIT-Leser-verständlichen Worten: Wie beschreibt er seinen Sound? Er nennt die Begriffe rau, roh, reduziert. Als Musiker sei er darauf aus, sich selbst zu überraschen. Kürzlich entdeckte er in einem kleinen Radio, das einem Schlümpfe-Heft seiner Tochter beilag, ein abstrakt billig schepperndes Störgeräusch: "Das fließt dann in den Track ein."

2014 war auch das Jahr, in dem sich alle noch mal gefreut haben, dass Deutschland auch einen Osten hat. Prollige Frage: Ist es, 25 Jahre nach 1989, einfach geil, ein Ostdeutscher zu sein? Ja, ja. Gelächter. Das findet er jetzt eine gut danebene Frage. Dettmann ist mit einer Frau aus dem Westen zusammen, wenn ihre und seine Eltern zusammen zu Abend essen, prallen immer noch Welten aufeinander. "Beeindruckend ist doch, wie viele Ost-Klischees stimmen. Wir entschuldigen uns dauernd für alles. Wir sind, 25 Jahre nach der Wende, immer noch vorsichtig, wem wir was sagen." Noch so ein Ost-Klischee: Vom Ostdeutschen Marcel Dettmann geht bei diesem Frühstück – Entschuldigung, das klingt jetzt echt bescheuert – diese typisch ostdeutsche Sanftmut, eine schöne Wärme und Freundlichkeit, aus. Kann er uns armen, natürlich verunsicherten Westdeutschen die Angst vor dem neuen Ministerpräsidenten in Thüringen nehmen? Gysi mag der DJ, Bodo Ramelow hält er für einen Unechten: "Die aus dem Westen kommen und auf Ossi machen, die sind gefährlich." Wir versuchen nun gemeinsam, eine Kapitalismuskritik zu formulieren. Da kommt interessanterweise wenig. Im Vergleich zu Russland und China sei Deutschland ein herrlich unverkommenes Land: "Hier will ich leben."

Jetzt treffen Anrufe ein. Er wird im Studio gebraucht. Mit DJs, vor allem denen über 30, muss man über ihren Körper reden. Älterwerden hinter dem DJ-Pult: Stimmt die Geschichte, dass die härteste Substanz, die er beim Plattenauflegen zu sich nimmt, ein lauwarmer Ingwertee mit Honig ist? Nee. Da funktioniere er noch ganz altmodisch. Auf die lange Strecke trinke er Weißweinschorle, zum Aufwachen Wodka-Shots. Der König des Berghains, der auf der ganzen Welt gebucht wird, schwärmt vom Flughafen in Singapur. Wieder dieses schlagend offene, ganz und gar unironische Lächeln. Ein Ossi in Singapur: "Da kann man herrlich einkaufen."