Operation "Letzte Adresse" – Seite 1

Das Sträßchen mit den cremefarbenen Adelshäusern galt lange Zeit als verflucht. Wenn sie konnten, mieden die Moskauer die Warssonofjewski-Gasse. Nicht wegen des Armenfriedhofs, der hier lag, oder weil die Kommunisten hier 1931 eine Kirche abgerissen hatten. Nein, das zweistöckige Kaufmannshaus an der Ecke ließ sie erschaudern. Im Zarenreich hatte es als Hauptsitz der Versicherungsgesellschaft Anker gedient. Dann kamen die Bolschewiki und erschossen dort mehr als 10.000 Menschen.

Neben der Klingel ohne Namensschild hängt heute eine Gedenktafel – aber nicht für die Opfer, sondern für Felix Dserschinski. Der Revolutionär organisierte in dem Gebäude von April 1918 bis Dezember 1920 den Aufbau der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka. Jetzt beherbergt es deren Nachfolger, den FSB. Wer auf der Website der Moskauer Behörde für das Kulturerbe nach Hinweisen auf die Geschichte des Hauses sucht, findet den lapidaren Eintrag: "Anker-Versicherungsgebäude – Tscheka (in Arbeit)". Die Opfer bleiben auch hier ungenannt.

Um das zu ändern, hat der Moskauer Journalist Sergej Parchomenko nun gemeinsam mit der Menschenrechtsorganisation Memorial die Initiative "Letzte Adresse" ins Leben gerufen. Täfelchen aus rostfreiem Stahl, 10 mal 17 Zentimeter klein, sollen künftig in ganz Moskau an jene Menschen erinnern, die unter der Sowjetherrschaft ermordet wurden. Das Prinzip ähnelt dem der Stolpersteine in Deutschland. Allerdings werden die Tafeln an die Hauswände geschraubt und nicht ins Pflaster eingelassen. "Ein Täfelchen steht für einen Menschen", sagt Parchomenko. "Dahinter steht ein Pate, der es bezahlt und anbringen lässt." Das Projekt ist eine Herausforderung für die russische Zivilgesellschaft. Sponsoren zieren sich, weil es nicht in die politische Grundstimmung passt. Dennoch wurden bereits rund 20.000 Euro gespendet.

Vor gut einer Woche ging es los: Aktivisten stapften durch den Moskauer Schmuddelwinter zu einem Wohnhaus in der Dolgorukowskaja-Straße. Ohne Pomp und Pathos schraubten sie vier Gedenktäfelchen fest. Die Premiere war mühsam, ein Schraubenkopf brach ab, die Mauer erwies sich als äußerst stabil. Immerhin wurde das Haus für die Nomenklatura des Außenministeriums und des Außenhandels gebaut. Doch wer hier in den dreißiger Jahren einziehen durfte, hielt oft einen gepackten Koffer parat – für den Fall der Verhaftung. 1936/37 begannen brutale "Säuberungen" innerhalb des Parteiapparates und der Große Terror gegen alle erdenklichen "inneren Feinde", dem rund 1,5 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Allein im Haus in der Dolgorukowskaja-Straße waren es mindestens 65.

Zwischen Verhaftung und Erschießung vergingen meist zwei, drei Monate. Das Gerichtsverfahren ohne Verteidiger dauerte in der Regel gut zehn Minuten. Die Anschuldigungen waren absurd: "Spionage" oder "Volksschädigung". In die frei gewordenen Wohnungen zogen oft Agenten des Geheimdienstes ein und lebten dort, bis auch sie verhaftet wurden. Das Stalinsche Terrorregime fraß sich selbst.

Täter und Opfer lassen sich deshalb oft nur schwer voneinander unterscheiden. "Natürlich wohnten in diesem Haus Funktionäre, die das Regime stützten, und Diplomaten, die fast alle auch Spione waren", sagt Alexandra Poliwanowa von Memorial. "Wir haben lange darüber diskutiert, ob man sie ehren darf. Am Schluss haben wir entschieden: ja." Zumal ein Täfelchen nur erhält, wer offiziell rehabilitiert wurde. Das soll die Ehrung führender Täter ausschließen. Bei der Überprüfung hilft außerdem das Opferarchiv von Memorial, das drei Millionen Namen umfasst.

Der russische Staat erinnert nur halbherzig an die Opfer. Bis heute gibt es außer dem Rehabilitationsgesetz von 1991 keinen Rechtsakt und kein grundlegendes Gerichtsurteil, das den kommunistischen Staatsterror ein Verbrechen nennt. Über ein Denkmal für die Verfolgten wird noch beraten – mit offenem Ausgang. Nach wie vor verehrt man Stalin als Feldherrn des Großen Vaterländischen Krieges. Die Verklärung der Vergangenheit soll helfen, die Gesellschaft auf die "Vertikale der Macht" unter dem Ex-KGB-Mann Wladimir Putin einzuschwören. Die Erinnerung an den Terror stört da nur.

Die Aktivisten von Memorial arbeiten gegen das Vergessen an. "Topografie des Terrors" heißt eines ihrer Projekte. "Den Namen haben wir uns in Deutschland abgeguckt", sagt Poliwanowa, die es leitet. Es geht ihr allerdings nicht um eine zentrale Gedenkstätte wie in Berlin, sondern um einen interaktiven Stadtplan, der die Täter- und Opferorte verzeichnet. Ein Klick auf ein Gebäude genügt, um zu erfahren, dass in diesem Kloster die Bolschewiki ein Konzentrationslager für Revolutionsfeinde betrieben und dass sich in jener Villa der Geheimdienstchef Genrich Jagoda eingerichtet hatte, der für seine Brutalität bekannt war (die zwei Kugeln, mit denen 1936 die angeblichen Verschwörer Sinowjew und Kamenjew hingerichtet worden waren, bewahrte er als Souvenir auf). Bald soll der Plan im Internet zugänglich sein.

In den vergangenen Monaten stieß Memorial vermehrt auf Probleme mit den Behörden. Derzeit muss sich die Organisation vor Gericht verantworten, Ende Januar soll das Urteil ergehen. Die Anklage richtet sich gegen die horizontale Struktur der Organisation. Memorial hat keine Zentrale, die ihren Filialen Weisungen erteilt. Das ist in einem hierarchisch denkenden Staat schwer zu vermitteln.

Die Zeugen blieben aus Angst stumm

Die Mitarbeiter befürchten, dass die Behörden sie zudem mithilfe des Gesetzes über Nichtregierungsorganisationen (NGOs) so lange bedrängen werden, bis sich einzelne Memorial-Abteilungen auflösen müssen. Nach diesem Gesetz wurde bereits das Menschenrechtszentrum von Memorial als "ausländischer Agent" stigmatisiert, da es Unterstützungsgelder aus dem Ausland bekommen hat. Zwar sind russische NGOs zäh im Ringen mit dem Staat und erfinderisch, wenn es darum geht, sich außerhalb der Reichweite repressiver Gesetze neu zu gründen. Aber schon die Atmosphäre der Bedrohung behindert ihre Arbeit.

Die russische "Topografie des Terrors" zu rekonstruieren erweist sich aber auch noch aus anderen Gründen als Herausforderung: Die Geheimpolizeistellen zogen anfangs häufig um, Gefangenenlager verschwanden spurlos, und geheime Gefängnisse entstanden. Die Zeugen blieben aus Angst oft ihr Leben lang stumm. Zuletzt halfen nur Zufallsfunde weiter. Die meisten Akten liegen bis heute unerreichbar in den Archiven – sofern sie überhaupt noch existieren.

"Aus den zwanziger Jahren gibt es mehr Quellen als aus den Dreißigern", sagt Poliwanowa. Anfangs seien die Täter noch unerfahren gewesen und hätten ihre Spuren nicht so gründlich verwischt. Auf ihrem Schreibtisch liegt eine Ausgabe des Adressbuches Ganz Moskau von 1936. Unter den Regierungsstellen nimmt allein das Volkskommissariat für Schwerindustrie sieben Seiten ein, mit Angaben zu Abteilungen, Mitarbeitern und Büros. Das Innenministerium, der NKWD, aber kommt auf gerade einmal zwei Zeilen: eine Adresse, Dserschinski-Straße 2, und eine Telefonnummer.

Poliwanowa organisiert Führungen, die gegenüber dem zentralen Gebäude des sowjetischen Geheimdienstes am Lubjanka-Platz beginnen. Es bestand einst aus zwei getrennten Häusern, zwischen denen eine Gasse verlief. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Gebäude vereint, und der neue Geheimdienstblock verschluckte die Gasse samt ihren Bauten. Ein dort befindliches Hotel diente als Gefängnis mit einer willkürlichen Zellennummerierung zur Verwirrung der Gefangenen. Im Jahr 1937 saßen hier etwa 2.500 Menschen zeitweise ein. Nur 24 von ihnen kamen wieder frei.

Ein Quartier nach dem anderen baute und bezog der Geheimdienst im umliegenden Viertel. Während der zentrale Apparat Mitte 1920 etwa 2.500 Mitarbeiter zählte, waren es Anfang der vierziger Jahre schon 32.000. An den Fensterfronten hingen einheitliche Seidengardinen, und ein Supermarkt führte ein privilegiertes Warenangebot. Viele Offiziere wohnten in der Nähe. Als "Metastasen" beschrieb der Schriftsteller Lew Rasgon 1988 die wuchernden Dienststellen. Die meisten der Gebäude sind bis heute im Besitz des Inlandsgeheimdienstes FSB und damit tabu als Orte der Erinnerung. Nur wenige Moskauer etwa wissen noch von den Erschießungskammern im Keller des Kaufmannshauses in der Warssonofjewski-Gasse. Während des Großen Terrors 1937 und 1938 holten Lastwagen hier fast jede Nacht Leichen ab. Der Kommandant des Hauses, Wassili Blochin, einer der effektivsten Henker des Stalin-Regimes, erschoss mehr als 10.000 Menschen mit seiner Pistole. Mehrere Orden, ein sowjetisches Auto, Modell "Sieg", und eine Belobigung für seinen "tadellosen Dienst" waren der Lohn.

Blochin starb 1955. Beerdigt wurde er in einem Grab nahe der Asche seiner Opfer auf dem Friedhof des Donskoi-Klosters. Damals, zwei Jahre nach Stalins Tod, war er in Ungnade gefallen. Vor etwa zehn Jahren stifteten ihm Bewunderer einen neuen, großen Marmorstein.