Für diesen Tag hat Jörg Singer seine orangefarbene Hose aus dem Schrank geholt. Das leuchtende Karottenorange soll symbolisieren: "Achtung! Hier tut sich etwas." Damit fällt der Bürgermeister von Helgoland zwar ziemlich auf unter den rund achtzig Anzugträgern, die sich in der Lagerhalle versammelt haben. Singer aber stört das nicht. Er nimmt Glückwünsche entgegen.

Es ist die Elite der Windkraftbranche, die sich an diesem Herbsttag auf Helgoland trifft. Zwei Tage lang haben die Experten auf der Insel darüber diskutiert, wie ihre Branche in Zukunft aussehen soll. Nun wird zum Abschluss der "Offshore-Konferenz Helgoland" das neue Servicegebäude von RWE Innogy im Südhafen der Insel eröffnet. Firmenchef Hans Bünting sagt: "Helgoland ist prädestiniert zum Aufbau einer Offshore-Betriebsbasis."

Hier auf Helgoland ist die Welt noch überschaubar. Im Südteil der Insel kauert sich eine kleine Ansammlung gelber und blauer Häuschen. Bis auf einige Transporter fahren keine Autos. Dahinter erstrecken sich grasbewachsene Hügel, die irgendwann in schroffe, rote Sandsteinklippen übergehen und steil ins Meer abfallen.

Nun aber sind die Investoren der Offshore-Branche auf das Eiland aufmerksam geworden. Mit RWE, E.on und WindMW haben sich gleich drei milliardenschwere Konzerne dort angesiedelt. Rund 21 Kilometer nördlich von Helgoland bauen sie riesige Windparks in die Nordsee. Die Windräder von WindMW stehen schon. Wenn alle drei Windparks fertig sind, sollen sie genug Strom liefern, um 900.000 Haushalte zu versorgen.

RWE Innogy-Chef Bünting zeigt sich erleichtert: "Die Offshore-Windenergie in Deutschland ist endlich wieder auf Wachstumskurs." Monatelang hatte die Branche gezittert, da nicht klar war, wie die politische Förderung in den kommenden Jahren aussehen würde. Investoren hielten sich zurück; viele Projekte wurden ausgesetzt. Erst nach der EEG-Reform im Sommer konnten die Windparkbauer durchatmen: Auch wenn die Ausbauziele von 10.000 auf 6.500 Megawatt bis 2020 gesenkt wurden, will die Bundesregierung vorerst am Ausbau der Windenergie auf hoher See festhalten. Trotz der nicht enden wollenden technischen Pannen.

Die Branche will ihre neue Chance nutzen. Und Helgoland ist für sie der perfekte Standort. Das kleine Eiland liegt rund vierzig Kilometer von der deutschen Küste entfernt. Von Servicecentern aus können die Techniker die Krafträder warten und überwachen, ohne jedes Mal eine lange Anreise in Kauf nehmen zu müssen. "Vom Festland aus wäre das viel zu teuer", sagt Bünting.

Die Windparkbetreiber stehen unter Druck: Sie müssen beweisen, dass sie die technischen Probleme in den Griff bekommen – und Strom zu günstigen Preisen produzieren können. So schnell wie möglich sollen die Parks ans Netz gehen. Mehr als drei Milliarden Euro haben die Unternehmen insgesamt in sie investiert.

Den Windparkbetreibern bringt Helgoland viele Vorteile. Doch gilt das auch andersherum? Wird die Windkraft "die wirtschaftliche Entwicklung Helgolands sehr fördern", wie Singer vermutet?

Deutschlands einzige Hochseeinsel hat ihre besten Zeiten lange hinter sich. In den Neunzigern glänzte Helgoland noch als Einkaufsparadies, denn Waren werden dort zollfrei und ohne Mehrwertsteuer angeboten. Bis zu 800.000 Besucher pro Jahr strömten herbei, um sich mit Schnaps und Zigaretten einzudecken.

In der Helgoländer Hauptstraße sind die Spuren dieser goldenen Zeiten noch deutlich sichtbar. Jeder zweite Laden in der Fußgängerzone ist ein Duty-free-Shop. Doch mittlerweile stöbern dort nur noch wenige Touristen. Die Fähren sind teurer, die Waren auf dem Festland günstiger geworden, sodass sich die lange Überfahrt nicht mehr lohnt. Das hat Konsequenzen für die ganze Insel: Die Mietpreise sind hoch, Arbeit gibt es dagegen kaum. Spätestens wenn Eltern ihre Kinder aufs Gymnasium schicken wollen, ziehen sie meist aufs Festland.

Bürgermeister Singer ist fest entschlossen, den Verfall der Insel aufzuhalten. Die Wirtschaft soll endlich wieder wachsen. Der Bau der Windparks hat neue Gäste auf die Insel gebracht: Handwerker, Techniker und Geschäftsleute. So fließt neues Geld in die Kassen von Restaurantbesitzern und Vermietern, auch im Winter, wenn die Touristen wegbleiben. Doch wie nachhaltig ist diese Entwicklung? Kann die Windkraft langfristig tatsächlich 150 neue Arbeitsplätze schaffen, wie Singer sagt?