Wie entsteht eine weibliche Sehnsuchtsgestalt? In der Rezeptur haben sich als Zutaten bewährt: eine junge Frau, schön. Tolles Haar ist gut, überhaupt ein gewisser Exzess – der Figur, der Fantasien oder der Schmerzen, günstig ist es, wenn das auf Widerständiges stößt (taube Ehemänner, harte Mütter, böse Drogen) und daran, wie Hölderlin schrieb, herrlich emporschäumt. Dann: Absturz. Früher Tod. Im Entschwinden, dann Verblassen bietet die Gestalt alle Möglichkeiten zur Identifikation, gern für Frauen, die sich so oft in ihren Ambitionen enttäuscht sehen. Man denke an Marilyn Monroe, die Unglückliche. An Frida Kahlo in ihrem Stützkorsett. An Amy Winehouse, an Diana, nassäugige Königin der Herzen. Und jetzt gibt es eine gute Gelegenheit, auch mal wieder an Paula Modersohn-Becker zu denken, die in Wogen immer wieder ekstatisch verehrte Künstlerin.

Wer kennt sie nicht, die im Künstlerdorf Worpswede bei Bremen Beheimatete, und die Postkarten mit ihren Bildern von Kind und Tier an Birke. Baby neben Mutter, beide nackt. Unter den Kalenderblättern der Worpsweder Katen ihre Porträts von einfachen Frauen, die Poster an der Wand mit den Bäuerinnen im Blumengarten und über alldem dieses schwärmerische Reden über die missachtete Künstlerin, lange Zeit konnte man denken, die wahre Leistung der Paula Modersohn-Becker sei ihre katalysatorische Funktion im Emanzipationsdiskurs. Ihrem Werk ist nun eine große Retrospektive gewidmet, in Kopenhagen, es ist die erste bedeutende Modersohn-Becker-Ausstellung in Skandinavien, 150 Werke werden gezeigt, allein 90 Gemälde, viele Stillleben, Skizzen, all das wundervoll präsentiert im Louisiana am Öresund, diesem sich in die Falten des Meeresstrandes einschmeichelnden Museumskörper. Welch ein Szenario für Modersohn-Becker, die zur Kunst verdichten wollte, was Natur im Menschen ist.

Sie malte sich als Schwangere, als sie noch gar nicht schwanger war

Es ist ein großes Werk. Zwischen 1893 bis 1907, in gerade 15 Jahren, hat Paula Modersohn-Becker, Tochter eines freidenkenden, bürgerlichen Hauses, in kreativer Raserei rund 750 Gemälde geschaffen, dazu Hunderte von Zeichnungen, bevor sie am 20. November 1907 mit nur 31 Jahren starb, wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter, ihres ersten, einzigen Kindes. Ihre Freundin, die Bildhauerin Clara Westhoff, die sie liebte wie niemanden sonst und die auch eine kleine Tochter hatte, vom Dichter Rainer Maria Rilke, der vor seiner überstürzten Ehe mit Clara ihrer Freundin Paula in innigster Seelenfreundschaft verbunden war, Clara Westhoff hat den Tod ihrer Freundin so beschrieben: wie Paula Modersohn-Becker sich an das Bett, in dem sie acht Tage zuvor das Kind geboren hatte, einen Spiegel holen ließ, in den sie schaute, als sie sich ankleidete und das Haar bürstete und mit Rosen schmückte. Dann, einen Moment später, tot. Eine Embolie.

Clara Westhoff skizziert mit Worten ein letztes, flüchtiges Selbstbildnis von Paula Modersohn-Becker, deren Werk beinahe zur Hälfte aus Selbstbildnissen besteht, geboren aus prüfenden Blicken in Spiegel. Zugleich wirkt das evozierte Spiegelbild wie ein Gegenstück jenes Porträts von Clara Westhoff, das Paula Modersohn-Becker 1905 ihrerseits von der Freundin gemalt hatte und das die Bildhauerin in einem weißen Kleid zeigt, den Kopf wie trauernd zur Seite geneigt. Auch sie trägt eine Rose. Derart sind die Spiegelungen, wie sie zwischen Frauen und den Bildern, die sie von sich und anderen machen, entstehen.

Die von Clara Westhoff beschriebene junge Mutter vor dem Spiegel wirkt übrigens auch einem Halbakt von Paula Modersohn-Becker zugehörig, mit dem die Ausstellung in Kopenhagen eröffnet. Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag, 1906. Das Bild einer Schwangeren.

Eine Frau blickt in einen Spiegel, sie blickt direkt und herausfordernd. Ihr Oberkörper vor dem hellgrün getupften Fond ist nackt, bis auf eine Bernsteinkette, die bis zu den kleinen Brüsten reicht. Um ihre Hüften ein weißes Tuch, der rechte Arm liegt auf dem Rippenbogen, darunter wölbt sich ihr Bauch, den die Linke von unten hält.

Paula Modersohn-Becker war aber nicht schwanger, als sie dieses Selbstporträt malte. Sie malte es in Paris, in das sie immer wieder aus der Enge des Moordorfes floh, es wirkt wie eine Botschaft an den Künstlergatten Otto Modersohn, der in Worpswede geblieben war und mit dem die Ehe innerhalb von fünf Jahren noch nicht vollzogen werden konnte, wegen "Nervosität" seinerseits, wie er notierte, ein Jahr später wird sie sich von ihm sogar trennen, für kurze Zeit. Ihr Blick auf sich und durch das Bild auf ihn könnte ein letztes Angebot enthalten. Vielleicht sagt das Bild aber auch, dass sie über das ewige Thema Kind hinaus sei, dass sie jetzt mit ihrer Kunst schwanger gehe. So gesehen, wäre das Selbstporträt ein künstlerisches Manifest und der schwangere Bauch eine Attrappe, es sollte fast ein Jahrhundert dauern, bis Cindy Sherman dieses Motiv aufgriff, so weit war Modersohn-Becker voraus. Sie ist die erste Frau der Kunstgeschichte, die sich nackt malte, ein Jahr vor Suzanne Valadon in Paris. Nie zuvor hatten andere als männliche Künstler auf nackte Frauenkörper geschaut.

Und so präsentiert die Kopenhagener Ausstellung Modersohn-Becker als Avantgardistin der Moderne, die Ausstellung läuft auf einen lebensgroßen Akt der Künstlerin zu. Es ist, als hätte jemand die in gefühlvollen Diskursen beschlagene feministische Brille abgesetzt und den Blick frei gemacht für den Kern dieses Werkes, das die Kuratorin Tine Colstrup "a strange work", ein merkwürdiges Werk, nannte – so wie Paula Modersohn-Becker an ihren Mann schrieb, sie suche mit ihren Bildern "das seltsame Wesen der Dinge". In einem ersten Raum, einer Rotunde, versammelt Colstrup um das Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag exemplarische Stücke des Werks.