Alle Planeten unserer Sonne standen auf der Liste, alle sind schon von amerikanischen Raumfahrzeugen erreicht worden und von niemandem vorher. Nur einer fehlte noch: Kleiner als der Erdmond und extrem kalt, zog er im Dunkeln am äußersten Ende des bekannten Sonnensystems seine einsamen Kreise: Pluto.

Höchste Zeit also für eine Nasa-Mission dorthin! Doch auf dem langen Weg ins Dunkel ist dieser Mission ihr ehrgeiziges Ziel abhanden gekommen. Und das hat nichts mit Raumfahrttechnik zu tun.

Die hatte am 19. Januar 2006 in Cape Canaveral für einen perfekten Start gesorgt. Mit der schnellsten je von einer Rakete erreichten Geschwindigkeit wurde eine 480 Kilo schwere Sonde auf ihren fünf Milliarden Kilometer langen Weg geschleudert. Schon nach neun Stunden zischte sie am Mond vorbei, später holte sie sich am gewaltigen Jupiter zusätzlichen Schwung und entfernt sich seitdem mit 84.000 Stundenkilometern immer weiter von der Sonne. Und 2015 ist sie da. Im Februar beginnt die New Horizons getaufte Sonde mit der Beobachtung des Pluto und seiner mindestens fünf Monde. Ab Anfang Mai ist sie weniger als 100 Millionen Kilometer von ihm entfernt, dann wird ihre Kamera höher aufgelöste Bilder liefern als das Weltraumteleskop Hubble. Der Höhepunkt ist am 14. Juli 2015 ein Vorbeiflug in rund 10.000 Kilometer Entfernung – so der Plan.

Bisher läuft alles nach diesem Plan. Nur ist Pluto, einst der neunte Planet unseres Sonnensystems, inzwischen keiner mehr. Und das hat mit Astronomiebürokratie zu tun. Gerade mal sieben Monate nach dem Start von New Horizons hatte ihn die Internationale Astronomische Union (IAU) degradiert, herabgestuft zu einem "transneptunischen Zwergplaneten".

Diese umständlich umschriebene neue Kategorie muss sich Pluto vorerst mit drei weiteren Himmelskörpern teilen, langfristig werden hier aber wohl Tausende weitere Himmelskörper einsortiert werden. Sie alle sind jenseits der Umlaufbahn des Planeten Neptun im sogenannten Kuipergürtel unterwegs. Dessen Existenz ist erst seit Mitte der neunziger Jahre bekannt, seitdem haben Astronomen dort schon über 500 Himmelskörper mit einem Durchmesser von mehr als 500 Kilometern gefunden, wahrscheinlich begleitet von unzähligen Monden und Hunderttausenden noch kleineren Brocken.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 53 vom 23.12.2014.

Die Herabstufung des Pluto mit seinem Durchmesser von 2.300 Kilometern war die logische Folge der Entdeckung eines Pendants im Kuipergürtel. Das fast exakt gleichgroße Objekt wurde ausgerechnet nach Eris benannt, der griechischen Göttin der Zwietracht. Ein gut gewählter Name, denn bis heute sorgt Eris für erbitterten Astronomenstreit.

"Lächerlich" sei die Degradierung des Pluto, tobt Alan Stern, der Entwickler und wissenschaftliche Leiter von New Horizons. Ganz offensichtlich sei das Gewusel all dieser sonnenfernen Himmelskörper der Normalfall, die klassischen Planeten im aufgeräumten Inneren des Sonnensystems dagegen die exotische Ausnahme. "Die IAU ist keine Denkpolizei", sagt er. "Ich werde auch weiterhin Planet nennen, was ein Planet ist."

Der Ärger jenseits des Atlantiks ist auch deshalb so groß, weil Pluto der einzige von einem US-Amerikaner entdeckte Planet war. 1930 hatte der 24-jährige Clyde Tombaugh das aufgrund von Gravitationsberechnungen schon lange vermutete Objekt auf alten Fotoplatten entdeckt. Der in Illinois geborene Astronom wurde zum Volkshelden, 1997 starb er in New Mexico. Inzwischen haben beide US-Staaten Pluto offiziell seinen alten Planetenstatus wieder zurückgegeben und das gelte, "solange er über unseren Köpfen am Nachthimmel seine Bahn zieht". An Bord von New Horizons wurden 30 Gramm Asche des Pluto-Entdeckers Tombaugh mit auf die lange Reise geschickt.

Ebenfalls im Bauch der Sonde steckt eine Radionuklid-Batterie mit 200 Watt Leistung, befeuert von elf Kilogramm Plutonium. Solarsegel würden zur Stromversorgung nicht ausreichen, denn draußen im Kuipergürtel erscheint die Sonne nur noch als kleiner heller Fleck am Himmel, ihre Strahlung hat weniger als 0,1 Prozent der Energie, mit der sie auf die Erde trifft. Extrem schwach kehren in umgekehrter Richtung die Funksignale der Sonde auf die Erde zurück, die größten Antennen in den Bodenstationen des Deep Space Network sind nötig, um diese Nachrichten zu empfangen. Wenn sie im Kontrollzentrum eintreffen, waren sie ganze viereinhalb Stunden unterwegs. Eine Anweisung in Gegenrichtung braucht ebenso lange. Ihre Beobachtungen muss New Horizons deshalb weitgehend autonom durchführen.

Pluto taugt nicht mehr als Trophäe der Raumfahrt

Mit Kameras für verschiedene Wellenlängen, einem Spektrometer und einem Staubpartikelzähler soll die Sonde Plutos Konsistenz, seine Oberfläche und die dünne Stickstoff-Atmosphäre erkunden. Interessant sind auch seine mindestens fünf Monde. Mit dem größten, genannt Charon, bildet der Zwergplanet ein im Sonnensystem einmaliges Gespann. Weil Charons Durchmesser mit 1.200 Kilometern mehr als halb so groß ist wie der seines Muttergestirns, hielt man die beiden auch schon für Doppelplaneten. Tatsächlich umkreisen sie sich in einem sogenannten doppelt gebundenen System: Sie weisen einander stets dieselbe Seite zu. Ein Schicksal, das in ferner Zukunft womöglich auch dem Paar Erde/Mond bevorsteht. Der Mond würde nie mehr auf- oder untergehen. Auch wenn Pluto offiziell kein Planet mehr ist, ihn zu besuchen ist also durchaus lehrreich.

Nur als Trophäe der Raumfahrt taugt er eben nicht mehr. Selbst der Erstbesuch bei einem der neu ernannten Zwergplaneten wird New Horizons weggeschnappt, von einer anderen Nasa-Sonde. Dawn ist 2012 gestartet und wird den Zwergplaneten Ceres bereits im März kommenden Jahres erreichen. Und sie wird nicht nur vorbeifliegen, sondern sich in einem spiralförmigen Orbit bis auf weniger als 400 Kilometer annähern. Ceres ist zwar kleiner als der Pluto-Mond Charon, dafür aber viel einfacher zu erreichen. Denn er ist nicht im Kuiper-, sondern als einziger Zwergplanet im viel erdnäheren Asteroidengürtel unterwegs, zwischen Mars und Jupiter.

Nach ihrem Vorbeiflug am Pluto soll New Horizons weitere Himmelskörper im Kuipergürtel unter die Lupe nehmen, eine Suche mit dem Weltraumteleskop Hubble hatte bereits drei mögliche Ziele dafür identifiziert, das erste könnte die Sonde in gut vier Jahren, im Januar 2019, erreichen. Mit rund 50 Kilometer Durchmesser handelt es sich zwar um einen vergleichsweise kleinen Brocken. Genau deshalb ist er aber wohl typisch für viele Tausend weiterer Objekte, die dort auf teils kuriosen Bahnen herumrasen müssen.

Einen Planeten kann New Horizons also nicht mehr erkunden, aber zumindest eine Premiere und damit astronomische Ehren winken ihr doch noch: als erste Sonde einen scharfen Blick in diese Schmuddelecke des Universums geworfen zu haben.

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