Das Gespräch mit dem altgedienten SPD-Genossen findet unter konspirativen Vorzeichen statt. Die Hamburger SPD-Zentrale im Kurt-Schumacher-Haus, unter Mitgliedern nur "Kuschu" genannt, liegt in knapp 100 Metern Entfernung – doch er will sich lieber im Einkaufszentrum treffen. Und seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen.

Da sitzt man nun auf den Bänken einer Bäckereikette im vorweihnachtlichen Gewusel, als ginge es darum, Drogen zu übergeben. Dabei übergibt der Genosse nur einen Baustein zu einer Geschichte. Sie handelt von Macht und Intrigen in der Hamburger SPD, davon, wie ein Mann seine Genossen, ihre Hoffnungen und Pläne gegeneinander ausspielt und so in Stellung bringt, dass es am Ende immer einen Gewinner gibt. Ebendiesen Mann: Johannes Kahrs.

Aber es gibt inzwischen auch ziemlich viele, die nicht länger Verlierer sein wollen. Der Mann in der Filiale einer Bäckereikette in der Nähe des "Kuschu" ist einer von ihnen. Leise erzählt er, wie ihn andere Parteimitglieder vor einer Abstimmung über die Kandidaten für die Bürgerschaftswahl im Februar darauf hingewiesen haben, wo er sein Kreuz zu machen habe. Die Genossen hätten ihn dezent daran erinnert, dass er ja für seinen Distrikt – ein armer Stadtteil – Mittel beim Bezirk beantragt habe. Die wolle er doch sicher auch bekommen, oder? Die Namen derer, die das gefragt haben, will der Mann nicht in der Zeitung sehen. Aber auf der Fotowand im dritten Stock des Kuschu, wo der Kreisverband Mitte seine Büros hat, könne man sie alle finden. Über der Fotowand stünde: "Die Kahrsianer". Der Genosse sagt: "Das System Kahrs gibt es wirklich."

Das "System Kahrs"? Johannes Kahrs, Jahrgang 1963, Kreisvorsitzender der SPD Mitte, Jurist mit erstem Staatsexamen und Reserveoffizier, ist weit über Hamburgs Grenzen hinaus bekannt. Er ist Bundestagsabgeordneter und profiliert sich in Berlin regelmäßig als stramm konservativer Sprecher des rechten Seeheimer Kreises. Er ist zudem SPD-Obmann für den Haushaltsausschuss, lesben- und schwulenpolitischer Sprecher der Bundes-SPD und hyperaktiver Twitterer. Vor allem aber ist Kahrs: ein Vollblutpolitiker.

Er hat über zweieinhalb Jahrzehnte lang ein weitverzweigtes Netzwerk in der Hamburger SPD aufgebaut. Die Kahrsianer stehen klar im rechten Lager der SPD. Doch letztlich gäbe es "keinen inhaltlichen politischen Zusammenhalt", sagt ein prominentes Parteimitglied, das den Aufstieg von Kahrs seit mehr als 20 Jahren beobachtet: "Das System Kahrs basiert auf Postenverteilung und auf Zuwachs. Man muss immer neue Positionen erobern, um wieder Posten verteilen zu können."

Es geht um Macht und nichts als Macht.

Bis zum Beginn der Ära Scholz galt Kahrs als mächtigster Mann in der Partei, sein Netzwerk trug ihn und seine politischen Freunde durch jeden Machtkampf. Einer dieser Freunde war Markus Schreiber, der Bezirksamtsleiter des Bezirks Mitte.

Doch bei ihm verschätzte sich Kahrs: Er hielt auch noch an Schreiber fest, als der 2012 nach dem Tod des elfjährigen Pflegekindes Chantal die Verantwortung für das Versagen der Behörden in seinem Bezirk übernehmen sollte. Kahrs versuchte, den Rücktritt zu verhindern, doch Olaf Scholz persönlich bestand auf Schreibers Rückzug, so berichten damals die Medien. Am Ende musste Kahrs auch selbst als Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses in Hamburg-Mitte zurücktreten, dem er 19 Jahre vorgestanden hatte. "Wenn die Welle zu hoch ist, muss man sie tunneln", sagte er dazu dem Hamburger Abendblatt. Seither ist es still geworden um die Kahrsianer.

Doch seit die SPD ihre Kandidaten für die Bürgerschaftswahlen aufstellt, rumort es wieder an der Basis. Kahrs habe erneut angefangen, zu intrigieren, sagen seine Kritiker. Es gehe darum, den Kahrsianern aussichtsreiche Plätze für die Bürgerschaft zu sichern – jenen "jungen, smarten Nachwuchs-Genossen mit den eng geschnittenen schwarzen Anzügen", wie die Hamburger Morgenpost schreibt, die sich meist jahrelang bei den Jusos als zuverlässige Gefolgsleute bewährt haben.

Die, die dabei auf der Strecke geblieben sind, reden nun. Eine von ihnen ist Loretana de Libero, Jahrgang 1965. "Das System Kahrs ist höchst aktiv", sagt sie. Die Historikerin, die als Professorin an der Bundeswehr-Akademie in Hamburg lehrt, rückte im Mai 2012 in die Bürgerschaft nach. Sie ersetzte Andy Grote, der wiederum den gestürzten Markus Schreiber beerbte. Grotes Wahlkreis ist dominiert von den langjährigen Juso-Verbindungen, die Kahrs aufgebaut hat.

Posten gegen Gefolgschaft, das ist der Deal

Seit den späten Neunzigern hat sich der Kreisvorsitzende Kahrs intensiv um die Parteijugend gekümmert. Er hat Hunderte Jusos als Praktikanten und Mitarbeiter durch seine Abgeordnetenbüros geschleust, weit mehr als die meisten Kollegen. Bis zu 80 politische Bildungsfahrten nach Berlin für rund 7.000 Menschen organisiert er pro Jahr – was seinen erhöhten Bedarf an Mitarbeitern rechtfertigt. Allein elf 400-Euro-Kräfte beschäftigt Kahrs zurzeit. Durch die Jobs und Praktika entstünden "persönliche und finanzielle Abhängigkeiten", sagt ein Juso, der das Geschehen schon länger als eine Dekade beobachtet. "Das Kahrs-System ist ein Karriereförderverein. Die arbeiten nicht inhaltlich, sie brauchen nur ein Feindbild für den inneren Zusammenhalt – und das sind die Linken in der SPD."

Posten gegen Gefolgschaft, das ist der Deal.

Loretana de Libero ist nicht Teil des Juso- und Ex-Juso-Netzwerks um Grote und Schreiber. Sie will es auch nicht werden. Statt die Juso-Genossin einzustellen, die man ihr nahelegt, bringt sie ihre eigene Referentin mit in das kleine Abgeordnetenbüro im Distrikt St. Pauli-Süd. Sie ist Quereinsteigern und erst vor einem Jahrzehnt in die SPD eingetreten. Doch sie hat Selbstbewusstsein, ist resolut, verfolgt ihre eigene Agenda. An der Basis honoriert man das: Die Mitglieder wählen sie zur stellvertretenden Distriktvorsitzenden von St. Pauli-Süd. Ende 2013 nominiert sie der Vorstand des Distrikts für den aussichtsreichen zweiten Platz auf der Wahlkreisliste für die Bürgerschaftswahl 2015.

All das kommt nicht gut an bei den Kahrsianern. Kahrs habe ihr vorgeworfen, zu eigenmächtig zu agieren, sagt de Libero. "Ich sollte mit ihm sogar meine eigenen Termine als Abgeordnete besprechen – egal, ob es um meine Bürgersprechstunden oder um Feste ging." Kahrs bestreitet das. De Libero erzählt, der Distriktvorsitzende Arne Platzbecker habe ihren Büroschlüssel haben wollen, um dort SPD-Veranstaltungen abzuhalten. Platzbecker widerspricht der Darstellung, de Libero aber bleibt dabei: "Ich habe gesagt: Das geht nicht, das Büro wird von Steuergeldern bezahlt, ich kann es nicht der Partei zur Verfügung stellen."

Dann habe es geheißen, sie unterstütze die Parteiarbeit vor Ort nicht. Sie sei keine Frau für die kleinen Leute, sie ließe ihren akademischen Grad raushängen, sie sei überfordert: Alles Vorwürfe, die begründen sollen, warum sie als Bürgerschaftskandidatin nicht haltbar sei, so sieht es de Libero. Bei einer Sitzung auf Kreisebene wird unerwartet eine Gegenkandidatin präsentiert: Jette von Enckevort, eine Juso-Genossin, die seit ihrem Studium nur bei der Partei gearbeitet hat – unter anderem als Büroleiterin von Andy Grote.

Im Juni 2014 sollen sich die Mitglieder des Wahlkreises zwischen de Libero und von Enckevort entscheiden. Der Wahl geht eine massive Mobilisierung voraus – per Mail werden die "lieben Genossinnen und Genossen" in Mitte von den Vorsitzenden der mitgliederstarken Distrikte Hamm und Horn dazu aufgefordert, ihr Kreuz an der richtigen Stelle zu setzen.

Laut de Libero blieb es nicht bei Mails: "Einige Genossen erzählten meiner Referentin: ›Man hat mir gedroht, dass ich, wenn ich für Loretana stimme, kein Geld mehr für Projekte bekomme.‹" Am Ende unterliegt de Libero mit 34 zu 74 Stimmen. Kahrs habe vor der Wahl sogar ihren Chef in der Führungsakademie der Bundeswehr angerufen, sagt de Libero. Er mache sich angeblich Sorgen. Kahrs bestreitet den Anruf. Libero sagt: "Ich konnte mir damals eine vage Vorstellung davon machen, wie es in einer Diktatur zugeht."

Johannes Kahrs selbst sagt, bei der Operation Abwahl keine Rolle gespielt zu haben. Er habe "natürlich nicht" Druck ausgeübt, um eine ihm genehme Kandidatin zu nominieren. "Es hat eine Diskussion in den zuständigen Distrikten gegeben. Diese haben sich für eine andere Kandidatin entschieden – der Kreis ist gefolgt."

Yilmaz Aydin, SPD-Politiker im Kreis Mitte, erzählt eine andere Geschichte. Kahrs habe ihn persönlich dazu aufgefordert, Mitglieder zu mobilisieren – "damit wir Loretana absägen". Kahrs bestreitet das. Aydin, der als Jugendlicher aus Kurdistan nach Deutschland geflüchtet ist, gehört zu den vielen migrantischen Jungpolitikern, die in den letzten Jahren auf Teilhabe in der Partei drängten.

Als er Ende 2012 aus dem bayerischen Kulmbach, wo er Integrationsbeauftragter für die SPD war, nach Hamburg ziehen will, habe Johannes Kahrs ihm eine Parteikarriere in Aussicht gestellt, sagt Aydin. Sie hätten sich im Hotel Hyatt getroffen: "Kahrs hat sinngemäß gesagt: ›Wenn du Mitglieder wirbst, Spenden besorgst und Menschen für unsere Veranstaltungen mobilisierst, gebe ich dir einen Platz auf der Landesliste für die Bürgerschaft.‹" Kahrs habe erklärt, er habe einen Deal mit Olaf Scholz – bestimmte Kandidatenplätze könne ihm keiner nehmen. Auch diese Aussagen bestreitet Kahrs.

Aydin weiß, dass die Listenplätze nach einer komplexen Machtarithmetik zwischen den Bezirken und Scholz ausgehandelt werden. Doch er ist neu in der Hamburger SPD und weiß nicht genau, wie es funktioniert. Er vertraut Kahrs – in einer Mischung aus Ehrgeiz und Gutgläubigkeit. Er legt sich ins Zeug. Er kennt viele Leute aus der türkischen, der kurdischen und anderen migrantischen Communitys, er besucht Gastronomen, Familienbetriebe. Zwischen Januar und September 2013 gewinnt er 143 neue Parteigenossen – und wird dafür von der Bundes-SPD zum besten Mitgliederwerber Deutschlands gekürt.

Auch Kahrs, sein Kreisvorsitzender, habe ihn bestärkt, berichtet Aydin: "Er sagte zu mir sinngemäß: ›Wenn du viele Mitglieder wirbst, werden wir als Kreis wichtiger, und ich bekomme von Olaf Scholz mehr Plätze auf der Landesliste." Aydins eigener Platz steht schon fest: Die Nummer 41 soll es sein. Kein sicherer Platz für den Einzug in die Bürgerschaft, aber er vertraut darauf, dass ihn seine Leute nach oben wählen: "Ich bin Muslim und kurdischer Abstammung, ich habe gute Kontakte zu den Moscheen und Vereinen."

Yilmaz Aydin zeigt Fotos, aufgenommen im Bundestagswahlkampf 2013: Er und Kahrs auf dem Steindamm, beim Teetrinken im Döner-Restaurant, mit türkischen Ladenbesitzern. "In St. Georg, auf St. Pauli, in Billstedt – wir waren überall. Wir sind von Tür zu Tür gezogen, wir haben Vereine, Moscheen und Geschäfte besucht." Zu allen habe Kahrs Dinge gesagt wie: ›Yilmaz kommt auf die Landesliste – er macht das toll, oder?‹ Kahrs sagt, er habe lediglich erklärt, dass die SPD Aydin aufstellen wolle. Die deutsch-türkische Presse berichtet, Aydin ist stolz, lässt schon Fotos für den Wahlkampf machen.

Wer sich an der SPD-Basis in Mitte umhört, trifft auf verprellte Genossen

Schließlich ist es so weit: Im Sommer 2014 nominieren die Mitglieder des Kreises Mitte ihn als Kandidaten für die Landesliste. Nun muss nur noch der Landesparteitag den Platz bestätigen. Doch Aydin hat schon das Gefühl, dass etwas faul ist. Spätestens als Kahrs ihn am Rand einer Parteiveranstaltung auffordert, seine Leute für die Abstimmung gegen Loretana de Libero zu motivieren, dämmert ihm, dass er benutzt wird. Andere Genossen haben ihn gewarnt: Kahrs habe viel mehr Kandidaten aufstellen lassen, als dem Bezirk zustünden.

Die Warner sollen recht behalten. Zwei Tage vor dem Landesparteitag, auf dem die Kandidaten gekürt werden – so erinnert sich Aydin –, bekommt er einen Anruf von Kahrs. Das mit der Landesliste habe leider nicht geklappt. Aydin wundert sich. Denn auf Platz 41, der für ihn vorgesehen war, steht plötzlich ein enger Kahrs-Vertrauter: Arne Platzbecker, der Distriktvorsitzende von St. Pauli-Süd, der beim Sturz von de Libero eine zentrale Rolle gespielt haben soll.

Aydin ist enttäuscht, gekränkt, wütend. Er fühlt sich von Kahrs benutzt. Er kündigt eine Kampfkandidatur an. Noch während des laufenden Parteitags am 1. November versuchen ihn Kahrs-Getreue davon abzubringen. In letzter Sekunde lässt er von dem Plan ab. Er weiß: Olaf Scholz will keine internen Kämpfe. Und Aydin will Scholz nicht beschädigen.

Johannes Kahrs streitet auch hier die Verantwortung ab. "Ich habe immer erklärt, in welchem Umfeld jede Kandidatur stattfindet", sagt er. Er habe Aydin keine Kandidatur zugesagt und ihn auch nicht aufgefordert, Mitglieder zur Wahl gegen Loretana de Libero zu mobilisieren.

Aydin und de Libero sind Beispiele. Wer sich an der SPD-Basis im Kreis Mitte umhört, trifft auf weitere verprellte und verärgerte Genossen. Ein früherer Bezirksabgeordneter geißelt in einem Brandbrief die "teilweise marionettenhafte Abhängigkeit vieler Funktionäre und Mandatsträger der SPD Hamburg-Mitte von dem Kreisvorsitzenden". Ein anderer Insider macht sich ein paar Tage vor der Kandidatennominierung auf Facebook Luft: "So etwas Erbärmliches wie die SPD und Kahrs habe ich selten erlebt." Er schreibt von "Drohungen". Kurz darauf ist der Facebook-Beitrag gelöscht. Der Mann ist bereit, seine Geschichte zu erzählen, aber möchte nicht genannt werden.

Sie ähnelt der von Aydin: Auch ihm habe Kahrs einen Listenplatz versprochen. Zweifel, ob es mit der Kandidatur klappt, habe Kahrs immer zerstreut. Auf einem Kandidatentreffen habe Kahrs behauptet, andere Bezirke hätten ihm Plätze auf der Landesliste zugesagt. Ob das eine kalkulierte Täuschung war? "Bei Kahrs ist immer alles kalkuliert", sagt der Mann. Auch ihm habe Kahrs kurz vor dem Landesparteitag gesagt, dass er doch nicht auf die Liste komme. Als er auf dem Landesparteitag eine Kampfkandidatur ankündigt, unter vier Augen habe ihm ein Kahrs-Vertrauter Prügel angedroht.

Wenn man mit SPD-Politikern, die nicht zum Kahrs-Lager gehören, über solche Machenschaften sprechen möchte, trifft man auf eine Mischung aus Bedauern und Achselzucken. Alle wirken, als sei ihnen das Thema ein wenig peinlich und lästig. "Das ist Kreissache", sagt ein alteingesessener Bürgerschaftsabgeordneter. "Man darf Johannes auch nicht überschätzen", sagt ein anderer Sozialdemokrat. Keiner will zitiert werden: Parteiinterna vor der Wahl zerrt man nicht an die Öffentlichkeit.

Doch sind es wirklich bloß Interna? Schmutzige Details, die niemanden da draußen interessieren müssen? Geht es nicht um politische Kultur?

Ja, meint ein weiterer hochrangiger Genosse, im Grunde legten die Kahrs-Leute "genau das abschreckende Verhalten an den Tag, das die Menschen da draußen den Parteien immer unterstellen". Doch immerhin gebe es jetzt Olaf Scholz. Vor Scholz sei die SPD in Hamburg wie ein failed state gewesen, in dem Warlords schalten und walten konnten. "Heute sind zwar die Warlords noch da", sagt der Genosse, "aber es gibt eine Ordnung, die sie in Schach hält."