Seit den späten Neunzigern hat sich der Kreisvorsitzende Kahrs intensiv um die Parteijugend gekümmert. Er hat Hunderte Jusos als Praktikanten und Mitarbeiter durch seine Abgeordnetenbüros geschleust, weit mehr als die meisten Kollegen. Bis zu 80 politische Bildungsfahrten nach Berlin für rund 7.000 Menschen organisiert er pro Jahr – was seinen erhöhten Bedarf an Mitarbeitern rechtfertigt. Allein elf 400-Euro-Kräfte beschäftigt Kahrs zurzeit. Durch die Jobs und Praktika entstünden "persönliche und finanzielle Abhängigkeiten", sagt ein Juso, der das Geschehen schon länger als eine Dekade beobachtet. "Das Kahrs-System ist ein Karriereförderverein. Die arbeiten nicht inhaltlich, sie brauchen nur ein Feindbild für den inneren Zusammenhalt – und das sind die Linken in der SPD."

Posten gegen Gefolgschaft, das ist der Deal.

Loretana de Libero ist nicht Teil des Juso- und Ex-Juso-Netzwerks um Grote und Schreiber. Sie will es auch nicht werden. Statt die Juso-Genossin einzustellen, die man ihr nahelegt, bringt sie ihre eigene Referentin mit in das kleine Abgeordnetenbüro im Distrikt St. Pauli-Süd. Sie ist Quereinsteigern und erst vor einem Jahrzehnt in die SPD eingetreten. Doch sie hat Selbstbewusstsein, ist resolut, verfolgt ihre eigene Agenda. An der Basis honoriert man das: Die Mitglieder wählen sie zur stellvertretenden Distriktvorsitzenden von St. Pauli-Süd. Ende 2013 nominiert sie der Vorstand des Distrikts für den aussichtsreichen zweiten Platz auf der Wahlkreisliste für die Bürgerschaftswahl 2015.

All das kommt nicht gut an bei den Kahrsianern. Kahrs habe ihr vorgeworfen, zu eigenmächtig zu agieren, sagt de Libero. "Ich sollte mit ihm sogar meine eigenen Termine als Abgeordnete besprechen – egal, ob es um meine Bürgersprechstunden oder um Feste ging." Kahrs bestreitet das. De Libero erzählt, der Distriktvorsitzende Arne Platzbecker habe ihren Büroschlüssel haben wollen, um dort SPD-Veranstaltungen abzuhalten. Platzbecker widerspricht der Darstellung, de Libero aber bleibt dabei: "Ich habe gesagt: Das geht nicht, das Büro wird von Steuergeldern bezahlt, ich kann es nicht der Partei zur Verfügung stellen."

Dann habe es geheißen, sie unterstütze die Parteiarbeit vor Ort nicht. Sie sei keine Frau für die kleinen Leute, sie ließe ihren akademischen Grad raushängen, sie sei überfordert: Alles Vorwürfe, die begründen sollen, warum sie als Bürgerschaftskandidatin nicht haltbar sei, so sieht es de Libero. Bei einer Sitzung auf Kreisebene wird unerwartet eine Gegenkandidatin präsentiert: Jette von Enckevort, eine Juso-Genossin, die seit ihrem Studium nur bei der Partei gearbeitet hat – unter anderem als Büroleiterin von Andy Grote.

Im Juni 2014 sollen sich die Mitglieder des Wahlkreises zwischen de Libero und von Enckevort entscheiden. Der Wahl geht eine massive Mobilisierung voraus – per Mail werden die "lieben Genossinnen und Genossen" in Mitte von den Vorsitzenden der mitgliederstarken Distrikte Hamm und Horn dazu aufgefordert, ihr Kreuz an der richtigen Stelle zu setzen.

Laut de Libero blieb es nicht bei Mails: "Einige Genossen erzählten meiner Referentin: ›Man hat mir gedroht, dass ich, wenn ich für Loretana stimme, kein Geld mehr für Projekte bekomme.‹" Am Ende unterliegt de Libero mit 34 zu 74 Stimmen. Kahrs habe vor der Wahl sogar ihren Chef in der Führungsakademie der Bundeswehr angerufen, sagt de Libero. Er mache sich angeblich Sorgen. Kahrs bestreitet den Anruf. Libero sagt: "Ich konnte mir damals eine vage Vorstellung davon machen, wie es in einer Diktatur zugeht."

Johannes Kahrs selbst sagt, bei der Operation Abwahl keine Rolle gespielt zu haben. Er habe "natürlich nicht" Druck ausgeübt, um eine ihm genehme Kandidatin zu nominieren. "Es hat eine Diskussion in den zuständigen Distrikten gegeben. Diese haben sich für eine andere Kandidatin entschieden – der Kreis ist gefolgt."

Yilmaz Aydin, SPD-Politiker im Kreis Mitte, erzählt eine andere Geschichte. Kahrs habe ihn persönlich dazu aufgefordert, Mitglieder zu mobilisieren – "damit wir Loretana absägen". Kahrs bestreitet das. Aydin, der als Jugendlicher aus Kurdistan nach Deutschland geflüchtet ist, gehört zu den vielen migrantischen Jungpolitikern, die in den letzten Jahren auf Teilhabe in der Partei drängten.

Als er Ende 2012 aus dem bayerischen Kulmbach, wo er Integrationsbeauftragter für die SPD war, nach Hamburg ziehen will, habe Johannes Kahrs ihm eine Parteikarriere in Aussicht gestellt, sagt Aydin. Sie hätten sich im Hotel Hyatt getroffen: "Kahrs hat sinngemäß gesagt: ›Wenn du Mitglieder wirbst, Spenden besorgst und Menschen für unsere Veranstaltungen mobilisierst, gebe ich dir einen Platz auf der Landesliste für die Bürgerschaft.‹" Kahrs habe erklärt, er habe einen Deal mit Olaf Scholz – bestimmte Kandidatenplätze könne ihm keiner nehmen. Auch diese Aussagen bestreitet Kahrs.

Aydin weiß, dass die Listenplätze nach einer komplexen Machtarithmetik zwischen den Bezirken und Scholz ausgehandelt werden. Doch er ist neu in der Hamburger SPD und weiß nicht genau, wie es funktioniert. Er vertraut Kahrs – in einer Mischung aus Ehrgeiz und Gutgläubigkeit. Er legt sich ins Zeug. Er kennt viele Leute aus der türkischen, der kurdischen und anderen migrantischen Communitys, er besucht Gastronomen, Familienbetriebe. Zwischen Januar und September 2013 gewinnt er 143 neue Parteigenossen – und wird dafür von der Bundes-SPD zum besten Mitgliederwerber Deutschlands gekürt.

Auch Kahrs, sein Kreisvorsitzender, habe ihn bestärkt, berichtet Aydin: "Er sagte zu mir sinngemäß: ›Wenn du viele Mitglieder wirbst, werden wir als Kreis wichtiger, und ich bekomme von Olaf Scholz mehr Plätze auf der Landesliste." Aydins eigener Platz steht schon fest: Die Nummer 41 soll es sein. Kein sicherer Platz für den Einzug in die Bürgerschaft, aber er vertraut darauf, dass ihn seine Leute nach oben wählen: "Ich bin Muslim und kurdischer Abstammung, ich habe gute Kontakte zu den Moscheen und Vereinen."

Yilmaz Aydin zeigt Fotos, aufgenommen im Bundestagswahlkampf 2013: Er und Kahrs auf dem Steindamm, beim Teetrinken im Döner-Restaurant, mit türkischen Ladenbesitzern. "In St. Georg, auf St. Pauli, in Billstedt – wir waren überall. Wir sind von Tür zu Tür gezogen, wir haben Vereine, Moscheen und Geschäfte besucht." Zu allen habe Kahrs Dinge gesagt wie: ›Yilmaz kommt auf die Landesliste – er macht das toll, oder?‹ Kahrs sagt, er habe lediglich erklärt, dass die SPD Aydin aufstellen wolle. Die deutsch-türkische Presse berichtet, Aydin ist stolz, lässt schon Fotos für den Wahlkampf machen.