Schließlich ist es so weit: Im Sommer 2014 nominieren die Mitglieder des Kreises Mitte ihn als Kandidaten für die Landesliste. Nun muss nur noch der Landesparteitag den Platz bestätigen. Doch Aydin hat schon das Gefühl, dass etwas faul ist. Spätestens als Kahrs ihn am Rand einer Parteiveranstaltung auffordert, seine Leute für die Abstimmung gegen Loretana de Libero zu motivieren, dämmert ihm, dass er benutzt wird. Andere Genossen haben ihn gewarnt: Kahrs habe viel mehr Kandidaten aufstellen lassen, als dem Bezirk zustünden.

Die Warner sollen recht behalten. Zwei Tage vor dem Landesparteitag, auf dem die Kandidaten gekürt werden – so erinnert sich Aydin –, bekommt er einen Anruf von Kahrs. Das mit der Landesliste habe leider nicht geklappt. Aydin wundert sich. Denn auf Platz 41, der für ihn vorgesehen war, steht plötzlich ein enger Kahrs-Vertrauter: Arne Platzbecker, der Distriktvorsitzende von St. Pauli-Süd, der beim Sturz von de Libero eine zentrale Rolle gespielt haben soll.

Aydin ist enttäuscht, gekränkt, wütend. Er fühlt sich von Kahrs benutzt. Er kündigt eine Kampfkandidatur an. Noch während des laufenden Parteitags am 1. November versuchen ihn Kahrs-Getreue davon abzubringen. In letzter Sekunde lässt er von dem Plan ab. Er weiß: Olaf Scholz will keine internen Kämpfe. Und Aydin will Scholz nicht beschädigen.

Johannes Kahrs streitet auch hier die Verantwortung ab. "Ich habe immer erklärt, in welchem Umfeld jede Kandidatur stattfindet", sagt er. Er habe Aydin keine Kandidatur zugesagt und ihn auch nicht aufgefordert, Mitglieder zur Wahl gegen Loretana de Libero zu mobilisieren.

Aydin und de Libero sind Beispiele. Wer sich an der SPD-Basis im Kreis Mitte umhört, trifft auf weitere verprellte und verärgerte Genossen. Ein früherer Bezirksabgeordneter geißelt in einem Brandbrief die "teilweise marionettenhafte Abhängigkeit vieler Funktionäre und Mandatsträger der SPD Hamburg-Mitte von dem Kreisvorsitzenden". Ein anderer Insider macht sich ein paar Tage vor der Kandidatennominierung auf Facebook Luft: "So etwas Erbärmliches wie die SPD und Kahrs habe ich selten erlebt." Er schreibt von "Drohungen". Kurz darauf ist der Facebook-Beitrag gelöscht. Der Mann ist bereit, seine Geschichte zu erzählen, aber möchte nicht genannt werden.

Sie ähnelt der von Aydin: Auch ihm habe Kahrs einen Listenplatz versprochen. Zweifel, ob es mit der Kandidatur klappt, habe Kahrs immer zerstreut. Auf einem Kandidatentreffen habe Kahrs behauptet, andere Bezirke hätten ihm Plätze auf der Landesliste zugesagt. Ob das eine kalkulierte Täuschung war? "Bei Kahrs ist immer alles kalkuliert", sagt der Mann. Auch ihm habe Kahrs kurz vor dem Landesparteitag gesagt, dass er doch nicht auf die Liste komme. Als er auf dem Landesparteitag eine Kampfkandidatur ankündigt, unter vier Augen habe ihm ein Kahrs-Vertrauter Prügel angedroht.

Wenn man mit SPD-Politikern, die nicht zum Kahrs-Lager gehören, über solche Machenschaften sprechen möchte, trifft man auf eine Mischung aus Bedauern und Achselzucken. Alle wirken, als sei ihnen das Thema ein wenig peinlich und lästig. "Das ist Kreissache", sagt ein alteingesessener Bürgerschaftsabgeordneter. "Man darf Johannes auch nicht überschätzen", sagt ein anderer Sozialdemokrat. Keiner will zitiert werden: Parteiinterna vor der Wahl zerrt man nicht an die Öffentlichkeit.

Doch sind es wirklich bloß Interna? Schmutzige Details, die niemanden da draußen interessieren müssen? Geht es nicht um politische Kultur?

Ja, meint ein weiterer hochrangiger Genosse, im Grunde legten die Kahrs-Leute "genau das abschreckende Verhalten an den Tag, das die Menschen da draußen den Parteien immer unterstellen". Doch immerhin gebe es jetzt Olaf Scholz. Vor Scholz sei die SPD in Hamburg wie ein failed state gewesen, in dem Warlords schalten und walten konnten. "Heute sind zwar die Warlords noch da", sagt der Genosse, "aber es gibt eine Ordnung, die sie in Schach hält."