Dies ist eine Geschichte von brüchigem Glück, sie hat einen Anfang, aber noch kein Ende. Sie erzählt von sechs ukrainischen Männern und davon, wie sie unerwartet nach Hamburg kamen. Sie sind am Leben, und damit war nicht zu rechnen.

Ein Airbus A310 Medevac, eine fliegende Intensivstation, brachte sie an einem Spätsommertag von Kiew nach Hamburg. Es war der 2. September, gegen 19 Uhr. Sie hatten nichts bei sich außer dem, was sie am Leibe trugen: eine Unterhose. Manche ein T-Shirt. Vereiterte, stinkende Verbände, so alt, dass sie mit dem zerstörten Gewebe verwachsen waren.

Eine Geste der Verlegenheit, eine Absage der sehr diplomatischen Art, hat dem Schicksal der sechs die entscheidende Wende gegeben: Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko bat Angela Merkel um Hilfe. Er wollte militärische Ausrüstung, bekam aber nur eine 500-Millionen-Euro-Bürgschaft für Infrastrukturmaßnahmen, 25 Millionen für humanitäre Hilfe – und 20 Krankenhausbetten in Deutschland für verwundete Soldaten. Es war eine Geste, die nicht wehtat und nicht viel kostete.

Deutsche Ärzte hatten die sechs ausgesucht, als sie durch das Militärkrankenhaus in Kiew gingen, sich durch Akten wühlten, mit ukrainischen Kollegen und Patienten sprachen und entschieden: der ja, der nicht. Sie konnten ja nicht jeden mitnehmen.

Von den insgesamt 20 Auserwählten haben 19 überlebt. Von den sechs, die nach Hamburg kamen, konnten zwei bereits zurück in ihre Heimat. Sie alle wissen, dass ihnen die Behandlung das Leben gerettet hat oder das Bein oder das Gesicht. Und sie wissen auch, dass es den Verwundeten, die in Kiew bleiben mussten, sehr viel schlechter geht, weil es dort an allem fehlt.

In Hamburg liegen die anderen vier noch immer im dritten Stock des Bundeswehrkrankenhauses, Wand an Wand, jeder für sich. Eine ganze Abteilung ist für sie zu einer Isolierstation umfunktioniert worden wegen der multiresistenten Keime. Ukrainische und russische Freiwillige haben in dem Krankenhaus ein Zimmer bezogen und wechseln sich seit mehr als drei Monaten täglich in Schichten ab. Sie übersetzen, sie hören sich die Geschichten an, sie besorgen, was die zähen Tage der Soldaten verkürzen könnte. Erst langsam lernen sich die Männer kennen, weil sie zu verletzt waren, um einander besuchen zu können.

"Es ist interessant, was der menschliche Körper aushält", sagt der Oberstabsarzt

Alle haben mindestens ein Dutzend Operationen überstanden, manche ertrugen mehr als 30 Eingriffe. Der Krieg hatte fast nichts an ihnen heil gelassen. "Es ist interessant, wie zäh der menschliche Körper ist, was er alles aushält", sagt Oberstabsarzt Kay Beckmann, der die Ukrainer behandelt. Beckmann ist 34 Jahre alt. In seinem Krankenhaus waren schon Libyer, als Deutschland sich nicht an einer Intervention in Libyen beteiligen wollte, aber irgendetwas tun musste, und Syrer, die gegen Assad kämpften. Beckmanns Arbeit ist politischen Konjunkturen unterworfen, er führt aus, was man ihm in Berlin aufträgt. Diesmal lautete der Auftrag, ukrainische Soldaten zu versorgen.

Da ist Mykola, Jahrgang 1986, Leber, Nieren, Darm, Bauchspeicheldrüse perforiert, die Zähne zerstört, ein künstlicher Darmausgang. Eine Zeit lang war Mykola dem Tod näher als dem Leben.

Andrij, Jahrgang 1994, der Jüngste von allen. Die linke Wade war fast komplett weg, das Schienbein auch. Er hat nach Schmerzmitteln geschrien, die für einen Krebspatienten im Endstadium gereicht hätten. Langsam wird es besser, das Bein konnte gerettet werden, der Knochen wächst einen Millimeter pro Tag nach, 20 Zentimeter sind aufzuholen. Psychisch geht es ihm schlecht.

Oleksander, Jahrgang 1977, Nierenversagen, Splitterwunden, Oberschenkelhalsbruch, der nach Monaten neu gerichtet werden muss.

Und Wadim, Jahrgang 1982, dem der Krieg die Beine zerstört und sein Gesicht genommen hat. Er hat wohl nur deshalb überlebt, weil sie ihn nach Deutschland brachten. Wadim liegt in seinem Bett, er trägt das ukrainische Staatsemblem auf seinem T-Shirt, streckt seine Glieder von sich, lacht, zeigt seine Handflächen und Fußsohlen und sagt: "Das ist alles, was heil geblieben ist."

Wadim, zwei Kinder, verheiratet, Wohnort Kiew, sagt, sein Glaube sei noch stärker geworden. Er ist griechisch-katholisch, wie so viele aus dem Westen der Ukraine. Seit 1999 dient er dem Staat. Wer sich dem Staat verpflichtet, der schwört den Eid, die Machthaber zu schützen. Das war Wadims Aufgabe bei der Orangenen Revolution vor zehn Jahren, als Hunderttausende gegen den Wahlfälscher Viktor Janukowitsch auf die Straße gingen, und auf dem Maidan vor einem Jahr, als sich wieder die Massen gegen Janukowitsch erhoben. Auf beiden Seiten eskalierte die Gewalt, Demonstranten schlugen auf Leute wie Wadim ein, die ihren Dienst taten und die Regierung verteidigten. Man sah sie als Verräter an, als Helfershelfer der Kleptokraten. Es fällt Wadim schwer, über diese Zeit zu sprechen. Einige seiner Kameraden haben den Maidan nicht überlebt. Ja, er habe Gewalt erfahren, sagt er zögerlich. Auch er sei geschlagen worden, "aber nur ein bisschen". Er will nicht darüber sprechen, was er im vergangenen Winter auf dem Maidan erlebt hat.

Nun ist Wadim ein Schwerverwundeter, der davongekommen ist. Ende August nahe Ilowajsk, dort, wo ukrainische Soldaten eingekesselt wurden und ihre wohl entscheidende Niederlage erlebten, detonierte ein Mörser neben ihm. Er hörte das hohe Pfeifen, das den Mörser ankündigte, als würde sich ein gewaltiger Moskito nähern. Sein Kopf begriff, dass er sich in Sicherheit bringen müsse, aber der Körper kam nicht mehr hinterher.

"Es stimmt nicht, dass ein Film vor deinem inneren Augen abläuft", sagt Wadim. "Du denkst: Jetzt ist es vorbei. Gleich schließt du die Augen und machst sie nie wieder auf."

Er ging zu Boden, aber seine kugelsichere Weste schützte die wichtigsten Organe, unterhalb und oberhalb der Weste war alles zerstört. Er sah an sich herunter, sah seinen Oberschenkelknochen herausragen. Er versuchte, die Blutung zu stoppen. Er fasste sich ins Gesicht, spürte, dass seine Nase nicht mehr an ihrem Platz war. Er setzte sich eine Spritze gegen die Schmerzen, die gleich beginnen würden, er bat die anderen, ihn zurückzulassen und sich selbst zu retten. Am Uniformkragen schleiften sie ihn mit.

Als Wadim mit den anderen in Hamburg ankam, sagt Jewgenija Lysak, eine der ukrainischen Freiwilligen, war sein Gesicht ein Loch, und seine Beine waren Fleisch. Sie standen unten am Eingang, um die Verletzten zu empfangen, keiner von ihnen hatte jemals zuvor solche Verwundungen gesehen. Als die Männer hineingerollt wurden, zwang sie sich, nicht zu weinen und nicht umzukippen. Aber wie begrüßt man Menschen, die so etwas erlebt haben?

Die Freiwilligen riefen ihnen das zu, was in den Wintermonaten jeder auf dem Maidan rief: "Slawa Ukraini" – "Ruhm der Ukraine". Die Männer antworteten: "Heroijam Slawa" – "Ruhm den Helden".

Die ukrainische Regierung veröffentlicht laufend, wie viele Soldaten getötet oder verletzt wurden. Weit mehr als 4.000 Menschen starben in diesem Krieg, die meisten davon Zivilisten. Wie viele Soldaten tatsächlich getötet und verwundet wurden, scheint niemand zu wissen – oder wissen zu wollen. Mal ist die Rede von rund 1.000 Getöteten, dann wieder von mehr als doppelt so vielen Gefallenen, von mehr als 4.000 Verwundeten und Hunderten Verschwundenen. Das ukrainische Verteidigungsministerium führt im Internet eine Liste mit angeblich allen seit Frühjahr gefallenen Soldaten, die es "Ruhmeshalle der Helden" nennt. Tragödien, sortiert nach Todesdatum, versehen mit Rang, manchmal dem Geburtsdatum. Es sind Namen von Brüdern zu lesen, die am gleichen Tag gefallen sind. Die Liste wurde Ende November das letzte Mal aktualisiert, drei Mobilisierungswellen sollen im nächsten Jahr folgen.