Wer würde schon eine Ode an die Windel schreiben? Ich will es versuchen, ich bin so weit. Nach knapp zehntausend Stück. Meine Liebste und ich, wir haben mitgezählt. Wann immer wir für unsere drei Kinder neue Windeln gekauft haben, stieg der Windelzähler. Inzwischen steht er bei 9.582 Stück und erinnert an: tausendfaches Entfalten, Umwickeln, Festkleben, Zurechtzupfen und natürlich Wegwerfen – Hauptsache, die Dinger hatten ihren Zweck erfüllt.

Irgendwann aber wollte ich wissen, wie genau eine Windel das tut, was sie kann. Wie funktioniert dieser Alltagsgegenstand, dieser Inbegriff eines Wegwerfprodukts? Und wie werden die Windeln von morgen aussehen?

Schwalbach in Hessen, hier betreibt der Pampers-Hersteller Procter & Gamble sein Forschungszentrum. Es gibt einen eigenen Elterneingang mit automatischen Schiebetüren für die Kinderwagen schiebenden Mütter (und ein paar Väter) aus dem Städtchen, die mit ihren Wickelkindern hier ins Hautlabor kommen, um deren "transepidermalen Wasserverlust" messen zu lassen. Sprich: um herauszufinden, wie feucht die Haut am Popo ist.

Zwischen Schiebetür und Labor warten Kühlschränke auf heikles Material: benutzte Testwindeln, die Eltern zur genauen Analyse zurückbringen. Später, auf dem Weg nach draußen, greifen sie sich ein frisches Windelpaket, das in neutralweiße Plastikfolie eingeschweißt ist. Wenn die Autoindustrie Erlkönige testet, verkleidet sie die prototypischen Karosserien aufwendig – in der Wickelbranche verrät einzig ein Kürzel dem Eingeweihten, was im Paket steckt.

Tausend Eltern pro Woche wickeln im Auftrag von Procter & Gamble, kurz P&G. Ab und an kommen sie persönlich vorbei. Und ständig füllen sie Fragebögen aus: Voll? Trocken? Besondere Vorkommnisse? Für die Feldforschung am Wickeltisch wurde eigens ein Statistiker eingestellt. Denn die Babypopos von Schwalbach und aus den umliegenden Ortschaften entscheiden am Ende über die Markteinführung. Getestet werden hier sowohl handelsübliche Pampers als auch Modelle der Konkurrenz und geheime Prototypen.

Die werden in Handarbeit tief im Inneren des Forschungszentrums zusammengesetzt. Entlang der Wände des blitzblanken "Prototypenlabors" reihen sich Arbeitstische für rund zwei Dutzend Arbeiterinnen. Soll eine Innovation in kleiner Auflage um die Testpopos gewickelt werden, schneiden und kleben sie hier jedes Exemplar in Einzelanfertigung zusammen. Kittel, Haarnetz und Handschuhe sind Pflicht. Hier wird nicht gebastelt, hier wird in Sachen Trockenheit optimiert: So entstehen immer neue Variationen jenes Windeldesigns, das sich in mehr als 50 Jahren Entwicklung herausgebildet hat.

Um dessen subtile Details erkennen zu können, muss man das Objekt allerdings zerstören. Katharina Marquardt schneidet eine Pampers der Länge nach auf, das gibt den Blick auf mehrere dünne Schichten frei. "Chassis" nennt die Biochemikerin das Drumherum der Windel mit der atmungsaktiven Außenhaut, flexiblen Bündchen und einem Auslaufschutz aus hydrophobem, also wasserabweisendem Material.

Der Aufbau der Windel – Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik anzusehen. © ZEIT-Grafik

"Kern" nennt sie das Innenleben. Kaum einen halben Zentimeter ist diese Konstruktion dick und birgt doch vier Schichten mit unterschiedlichsten Eigenschaften: Innen hält ein Vlies, ein Topsheet, den direkten Kontakt zum Babypopo. Manchmal ist es mit winzigen Mengen Hautlotion versehen; sein eigentlicher Job ist es aber, Feuchtigkeit durchzulassen, weg vom Po, hin zum Verteilersystem (in der Werbesprache auch "Trockenheitslage").

Dessen zwei Schichten klappt Marquardt nacheinander auf. Zunächst kommt ein besonders saugstarkes "Aufnahmevlies". Das Nächste, das "Verteilervlies", kann Flüssiges über die gesamte Ausdehnung des Kerns verteilen, dank spezieller Struktur und Hohlräumen im Inneren kann es darin sogar gegen die Erdanziehung aufsteigen. Es?