Als P&G vor vier Jahren ein dünneres Modell der Pampers Active Fit auf den Markt brachte, war das die weltweit erste Windel, in deren Kern gar kein Zellstoff mehr steckte, nur noch Superabsorber. Mittlerweile produzieren aber auch schon andere Hersteller so. Da Pampers zum Teil doppelt so viel kosten wie günstigere Modelle von Handelsmarken, muss P&G mehr versprechen als Konkurrenzprodukte wie Babylove oder Mamia. Wonach also suchen sie in Schwalbach? Katharina Marquardt sagt: "Ein ideales Modell würde wie eine Windel funktionieren, aber wie Unterwäsche aussehen" – also ganz dünn sein.

Nicht zu vergessen: Jedes Wegwerfhöschen muss gleichzeitig mit Befüllungen der anderen Art fertig werden. "Stuhlmanagement ist eine Herausforderung", umschreibt Marquardt die Limits heutiger Windeltechnik diplomatisch. Denn Festes lässt sich nicht aufsaugen, trotz Superabsorber bleibt es in der sensiblen Zone zwischen Topsheet und Babyhaut liegen – wo es den pH-Wert erhöht und das Gewicht. "Stuhl verändert die ganze Windelphysik." Da kann "Management" auch künftig nur heißen, den GAU zu vermeiden, nämlich die Leckage der vollen Windel.

Woran arbeiten die Chemiker in Krefeld für die Zukunft? "Am Tempo der Flüssigkeitsaufnahme", sagt Markus Henn, der bei Evonik die Anwendungstechnik für Superabsorber leitet. Geschwindigkeit sei besonders wichtig für zellstofffreie Dünnmodelle. "Und eine ganz neue Forschungsrichtung sind geruchshemmende Superabsorber."

Das Polymer muss sich nämlich dem demografischen Wandel anpassen. Während der Markt für Babywindeln gesättigt ist, versprechen Produkte für inkontinente Senioren Wachstum. Bei denen ist das Risiko, dass sich unangenehme Gerüche entwickeln, höher als bei Kindern – und Diskretion besonders wichtig. Japan mit seiner überdurchschnittlich alten Gesellschaft weist den Weg. Dort wurde in diesem Jahr erstmals mit Seniorenwindeln genauso viel verdient wie mit Babywindeln.

Diese Marktentwicklung bleibt nicht unbemerkt: "Windeln kommen zu einem immer größeren Anteil von älteren Mitbürgern", bestätigt Andree Möller von der Hamburger Stadtreinigung. "Windeln machen nach unseren Abfallanalysen etwa vier Prozent des Hausmülls aus." Seit 2005 die Deponierung von Hausmüll verboten wurde, türmen sich diese Hinterlassenschaften wenigstens nicht zu stinkenden Bergen auf. Sie werden verbrannt.

Würde man eine volle Windel auf ein Lagerfeuer werfen, die Schweinerei wäre groß, die Flamme schnell aus. Über dem gut 40 Quadratmeter großen Rost im Feuerraum einer Müllverbrennungsanlage herrschen indessen 1.000 Grad Celsius. Stürzen Windelsäcke auf so einen Rost, verdunstet die Flüssigkeit praktisch sofort. "Windeln haben, je nach Füllgrad, einen Heizwert von fünfeinhalb bis neun Megajoule pro Kilogramm", erklärt Möller. Das heißt, sie kommen dem durchschnittlichen Heizwert von Restmüll nahe. "Aus Windeln können wir also nutzbare Energie in Form von Strom und Wärme gewinnen."

So profan endet dieser Triumph des menschlichen Erfindungsgeistes. Ein Meisterwerk der Chemie, der Physik und der Verfahrenstechnik, mit raffiniertem Aufbau, über Jahrzehnte optimiert – und doch teilt die Windel das Schicksal aller Wegwerfprodukte: Wir begegnen ihr achtlos. Dabei könnten uns nur wenige Dinge so viel darüber verraten, wie weit der Weg ist von einer guten Idee zum guten Produkt.

Am Wickeltisch freilich ist alle Theorie sekundär. In der Praxis zählt Schnell und Sauber. Die einzige kulturhistorische Frage, die sich mir in den vergangenen Jahren immer wieder aufdrängte, war: Wie haben die Leute das früher nur geschafft (also vom Anbeginn der Zeiten bis in die siebziger, achtziger Jahre)? Vielleicht ist das ja bei allen Müttern und Vätern so. Für mich jedenfalls ist die Babywindel das einzige Alltagsprodukt, auf das ich nicht verzichten zu können glaube – während ich gleichermaßen den Tag herbeisehne, an dem ich davon unabhängig bin.

Wenn ein Kind durchschnittlich 3.800 Windeln verbraucht, dann wären das bei meinen dreien 11.400 Stück. Ein Ende ist in Sicht.

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