Mahmud spricht leise und bedächtig. Er ist ein ernster Junge, nur manchmal huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Seine hellblauen Augen schauen ins Leere, finden keinen Halt. Es ist schwierig, nach diesem Sommer in Gaza ein fröhliches Kind zu sein. Am ersten Tag der israelischen Bodenoffensive – die Bombardierungen aus der Luft waren da schon seit Wochen in Gang – gab es viele Tote in Mahmuds Nachbarschaft, die im Krieg völlig zerstört wurde. Seine Familie flüchtete. Ein Cousin brachte Mahmud und seine Geschwister mit dem Auto zu Verwandten. Auf dem Weg sah Mahmud blutverschmierte Leichen auf der Straße liegen.

Bei den Verwandten, die weniger nah an der israelischen Grenze wohnen, war die Familie besser aufgehoben. Einen sicheren Ort gebe es in Gaza aber nicht, sagt Mahmud. Deshalb gingen die Kinder nur selten raus zum Spielen. Sie begnügten sich mit einem Sandhaufen in einer leer stehenden Etage des Wohnhauses. Nur zum Beten verließ Mahmud das Haus, viermal am Tag lief er zur 70 Meter entfernten Moschee. Die Angst vor Raketenangriffen begleitete ihn.

Als die Familie erfuhr, dass ihr Zuhause und alles Hab und Gut zerstört ist, war das ein Schock. Mahmud dachte, erzählt er, dass er nun alles verloren habe. Doch dann wurde ihm klar, dass er – im Gegensatz zu vielen anderen im Gazastreifen – noch seine Familie hatte.

Mahmud hat zwei ältere und zwei jüngere Brüder. Sie leben nun alle in einer vorübergehenden Bleibe, ganz in der Nähe des einstigen Zuhauses. Die Wände haben Löcher von Einschüssen, die Decke ist notdürftig abgedichtet. Es gibt einen großen gelben Sessel, in dem der Junge fast versinkt. Beim Blick aus dem Fenster offenbart sich eine Ruinenlandschaft.

Ganz oben auf Mahmuds Wunschliste steht der Wiederaufbau seiner Nachbarschaft in Gaza-Stadt. Hier steigt er nach dem Morgengebet – und nachdem er seiner Mutter beim Essenmachen geholfen hat – um sieben Uhr in den Schulbus. Mahmud ist froh, dass der Alltag wieder seinen Lauf nimmt. Er mag seine Lehrer, die Freunde, das gemeinsame Fußballspiel. Er ist Fan von Real Madrid und wäre gern mal bei einem Heimspiel dabei. Dann könnte er auch das erste Mal in seinem Leben in ein Flugzeug steigen. Er wünscht sich, seinen Onkel in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu besuchen, danach aber möchte er wieder nach Gaza zurück, sagt er. Das sei ja seine Heimat.

In Gaza, diesem schmalen Küstenstreifen, stellen Kinder wie Mahmud längst die Mehrheit. Mehr als die Hälfte der 1,8 Millionen Einwohner sind heute unter 18. In kaum einem anderen Gebiet leben noch mehr Menschen auf so engem Raum zusammen. Die Wirtschaft ist kaum entwickelt, es gibt allenfalls ein bisschen Landwirtschaft, die, abhängig von der politischen Lage, ihren Überschuss nach Israel oder Jordanien zu exportieren versucht. Solange die Grenzen geschlossen sind und die Herrschenden keinen Plan für die Zukunft haben, wird sich daran auch nichts ändern. Als die von vielen Staaten als Terrororganisation eingestufte Hamas 2007 die Macht in Gaza übernommen hat, machten Israel und Ägypten die Grenzübergänge für Güter und Personen weitgehend dicht. Inzwischen gab es drei Kriege, und Gaza hängt am Tropf von anderen Staaten.

Häufig kommen fremde Leute von irgendwelchen Organisationen, die Mahmud nicht kennt, und schauen sich die Schäden des jüngsten Krieges an, erzählt er. Es passiert aber nichts. Der Junge wünscht sich, dass die angeblichen Helfer sofort damit anfangen, die Menschen wieder glücklich zu machen. Wenn er auf dem Schulweg aus dem Busfenster schaut, wundert er sich, warum nicht mehr Menschen die kaputten Häuser einfach selbst wieder aufbauen. Warum sie nicht aufräumen, sauber machen, alles zumindest ein bisschen schöner machen. Immerhin sind die Stromleitungen so weit repariert, dass Mahmuds Familie jetzt wieder acht Stunden am Tag über Elektrizität verfügt.

Mahmuds Vater geht jeden Morgen zu dem Steinhaufen, der einmal das Zuhause der Familie war, und sucht nach Überresten. Als Mitglied der regionalen Fatah-Führung in Schudschaja – die Partei kontrolliert Gaza offiziell in einer Einheitsregierung mit Hamas – bezieht er zwar ein regelmäßiges Gehalt aus Ramallah im Westjordanland. Aber seit Hamas das Sagen hat, hat er faktisch nichts mehr zu tun. Die Islamisten haben ihn auch schon einige Male verhaftet.

Mahmud macht ein paar Bemerkungen über Israel und die Juden, die allerdings mehr nach einem wütenden Vater klingen als nach einem Elfjährigen. Es ist, wenn man ihm zuhört, schwierig zu sagen, wie Kinder wie Mahmud, die nur Gewalt erleben, lernen sollen, Konflikte einmal friedlich zu lösen. Mahmud möchte seinen Vater stolz machen. Deshalb will er schnell erwachsen werden und wünscht sich doch, was für viele Jungs in seinem Alter selbstverständlich ist: Er möchte einmal in ein richtiges Kino gehen. Kinos gibt es im Gazastreifen aber nicht, Hamas hat sie verboten.

Mahmuds Lieblingsort ist das Meer. Im Sommer vor dem Krieg ging er manchmal mit der ganzen Familie den ganzen Nachmittag lang schwimmen. Schon als kleines Kind begeisterte ihn das tiefblaue Wasser. Jetzt aber hat erst einmal der Winter begonnen, und noch längst nicht alle Kinder haben – wie Mahmud – ein richtiges Dach über den Kopf.

Anmerkung der Redaktion: Die Kriege und politischen Krisen des ausklingenden Jahres haben auch das Wirtschafts-Ressort der ZEIT beschäftigt, weil sie nicht selten ökonomische Ursachen haben und stets ökonomische Folgen, vor allem Mangel: Mangel an Nahrung, Mangel an Gesundheitsversorgung und Mangel an Sicherheit. In der Weihnachtsausgabe der ZEIT blickt das Ressort auf die Krisen dieses Jahres zurück – durch die Augen derjenigen, denen wir sonst viel zu wenig zuhören: der Kinder.

ZEIT-Reporter haben Jungen und Mädchen besucht und sie gebeten, Wunschzettel zu beschriften und zu bemalen. Sie waren dafür im Südsudan und in Libyen, wo Bürgerkrieg herrscht, in Gaza und Israel, wo die gegenseitigen Angriffe nicht enden, in der Ukraine, wo Menschen Schutz suchen im unübersichtlichen Kampf zwischen Separatisten, Russen und der ukrainischen Armee, und sie waren auch in Deutschland bei Kindern, die aus Afghanistan nach Berlin geflohen sind. Lesen Sie alle Porträts in der aktuellen ZEIT, die Sie hier online kaufen können.

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