Der Bleistift der neunjährigen Yam flitzt übers Papier. Fliegen können würde sie gerne, viele Freunde haben und gute Noten schreiben. Sie wünscht sich, dass ihre Familie gesund bleibt für die nächsten 1.000.000.000.000 ... Jahre und die Kriege aufhören in Israel und überall auf der Welt. Die Liste ist bald fertig. Sie hat ihre Wünsche nummeriert und ordentlich durch Striche voneinander getrennt.

Yam, der Name ist hebräisch und bedeutet Meer, sitzt auf ihrer Bettkante. Fotos an der Wand zeigen sie am Strand und mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder Gur. Sie sieht fröhlich aus. Erst seit Kurzem schlafen die Geschwister wieder in ihrem gemeinsamen Zimmer in der Wohnung in Tel Aviv. Als im Sommer fünfzig Tage lang die Raketen der palästinensischen Terrororganisation Hamas im ganzen Land explodierten, flüchteten sie nachts ins Schlafzimmer ihrer Eltern. Wenn der Bombenalarm losging, standen sie jedes Mal dicht gedrängt am Eingang der Dreizimmerwohnung im Erdgeschoss, zusammen mit den drei Babys, auf die ihre Mutter, eine Kindergärtnerin, tagsüber aufpasst. Yam war stets die Erste, die vor der Tür kauerte, bleich und mit weit geöffneten Augen. Bis in den öffentlichen Bunker hätte es die Familie kaum rechtzeitig geschafft.

Inzwischen denkt sie nicht mehr ständig an diese langen Sommerferien unter Beschuss, in denen sie das Haus kaum verlassen durfte. Doch wenn irgendwo die Sirene eines Krankenwagens aufjault oder ein lautes Motorrad vorbeifährt, erschrickt sie sich noch immer. Sie hat die Angst verinnerlicht, wie all ihre Freundinnen auch. Sie könne sich gar nicht vorstellen, sagt sie, wie die Kinder weiter südlich im Land rechtzeitig in Deckung hätten gehen können. Ihnen blieben nur 15 Sekunden bis zum Einschlag der Geschosse, in Tel Aviv hatte Yam immerhin 60 Sekunden Zeit. Kann man da überhaupt noch aufs Klo oder unter die Dusche gehen?, fragt sie. Ihr taten auch die palästinensischen Kinder in Gaza leid, wo es ja weder Sirenen noch Schutzräume gab.

Yam trägt Leggings. Röcke und Kleider seien in der vierten Klasse völlig out, sagt sie. Auf ihrem T-Shirt ist das Schulemblem aufgedruckt. Die Uniform soll vor Modekonkurrenz schützen und die sozialen Unterschiede der Schüler verschleiern, die in den vergangenen Jahren in Israel immer größer geworden sind.

Wirtschaftlich ist Israel eine globalisierte Insel, die nach eigenen Regeln funktioniert. Der Übergang von einer einst staatlich geprägten zu einer marktorientierten Gesellschaft begünstigte ein erstaunliches Wachstum.

Der Umbau ging aber auch mit einem hohen Preis einher, den vor allem die Mittelschicht zahlt. Sie ist vom sozialen Abstieg bedroht und vereint einen immer kleineren Anteil am nationalen Einkommen auf sich. Zahlen des europäischen Statistikamts Eurostat zufolge ist die Mittelschicht in Israel – also die Zahl der Haushalte in der Nähe des mittleren Einkommens – deutlich kleiner als in Europa.

Die Angst vor dem Abstieg war auch eine der Triebkräfte für die sozialen Proteste im Jahr 2011. Entspannt hat sich die Lage seither nicht, erstmals seit Langem droht Israel zudem eine Rezession. Die Technologiebranche, eine wichtige Stütze von Israels Wirtschaft, ist besonders krisenanfällig. Hinzu kommen hohe Ausgaben für die Verteidigung und das Militär. Touristen bleiben aus, Investoren halten sich zurück. Ein Teufelskreis beginnt.

Yams Vater betrieb bis zum Sommer ein Restaurant mit Billigpreisen und arbeitete fast rund um die Uhr. Das Angebot kam zwar gut an, aber spielte die hohen Kosten nicht ein. Er ist glücklich darüber, das verlustbringende Lokal noch vor dem Krieg losgeworden zu sein, sonst hätte es ihn in den Ruin getrieben. Jetzt verwaltet er das Lager eines nahe gelegenen Bioladens; sein Vespa-Roller ist das Familientaxi. Wenigstens muss Yams Vater heute keinen Reservedienst mehr ableisten, weil er über 40 ist.

Obwohl beide Eltern arbeiten, käme Yams Familie ohne die Hilfe ihrer Großeltern nicht über die Runden. Die Lebensmittelpreise in Israel sind fast doppelt so hoch wie in Deutschland, bei viel niedrigeren Löhnen. Die Großeltern finanzierten Yams Familie den neuen Küchenherd, den Kurzurlaub nach Galiläa, Hip-Hop-Stunden, Sportschuhe und Smartphones für die Enkel. Yams Familie ist kein Einzelfall. Weil bei vielen Israelis immer wieder die Eltern und Großeltern einspringen müssen, wenn es klamm wird, schwinden die finanziellen Reserven vieler Familien, die für die Zukunft gedacht waren.

Yams Eltern tun alles, um die Kinder davon nichts spüren zu lassen. Für die Tochter ist das neue Handy schon wegen des Kurznachrichtendienstes WhatsApp unabdingbar geworden. Sie gehört gefühlt ungefähr "eineinhalb Millionen" Gruppen an, sagt sie, ihre eigene heißt "die Vollkommenen (Mädchen)". Ständig mache es "bling", das sei schon nervend, gibt sie zu. Die Eltern versuchen, die Nutzung etwas zu beschränken, doch ohne Handy will die Mutter Yam nicht auf die Straße lassen – schon allein aus Sicherheitsgründen.

Neuerdings muss Yam einen Umweg zur Schule gehen, damit sie nicht an einer Baustelle mit palästinensischen Arbeitern vorbeikommt. Ihre Mutter hat Angst vor Attentaten. Seit vor Kurzem ein jüdischer Fensterputzer in den Tod gestürzt ist, nachdem ein Kollege aus dem Westjordanland das Seil durchgeschnitten hatte, will sie kein Risiko eingehen. Es ist ihr nicht leichtgefallen, ihren Kindern zu erklären, warum sie Angst vor Arabern haben sollten. Aber dieser Sommer hat das Klima in Tel Aviv verändert.

Wenn Yams Mutter könnte, würde sie ihre Tochter in Watte packen. Damit sie so lange wie möglich verschont bleibt von einer Realität, die sie früher oder später ohnehin einholen wird. Bislang scheint der Mutter das zu gelingen. Am Ende des Gesprächs ist Yams Wunschzettel mit Blumen bemalt.

Anmerkung der Redaktion: Die Kriege und politischen Krisen des ausklingenden Jahres haben auch das Wirtschafts-Ressort der ZEIT beschäftigt, weil sie nicht selten ökonomische Ursachen haben und stets ökonomische Folgen, vor allem Mangel: Mangel an Nahrung, Mangel an Gesundheitsversorgung und Mangel an Sicherheit. In der Weihnachtsausgabe der ZEIT blickt das Ressort auf die Krisen dieses Jahres zurück – durch die Augen derjenigen, denen wir sonst viel zu wenig zuhören: der Kinder.

ZEIT-Reporter haben Jungen und Mädchen besucht und sie gebeten, Wunschzettel zu beschriften und zu bemalen. Sie waren dafür im Südsudan und in Libyen, wo Bürgerkrieg herrscht, in Gaza und Israel, wo die gegenseitigen Angriffe nicht enden, in der Ukraine, wo Menschen Schutz suchen im unübersichtlichen Kampf zwischen Separatisten, Russen und der ukrainischen Armee, und sie waren auch in Deutschland bei Kindern, die aus Afghanistan nach Berlin geflohen sind. Lesen Sie alle Porträts in der aktuellen ZEIT, die Sie hier online kaufen können.

Unter www.zeit.betterplace.org finden Sie Projekte, die sich für bessere Lebensbedingungen in den beschriebenen Regionen einsetzen. Zusammen mit der gemeinnützigen Organisation betterplace.org haben ZEIT-Redakteure sie ausgesucht. Frohe Weihnachten!

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