Der Junge sitzt in der Wohnung seines Onkels in fast völliger Finsternis, das Licht eines Handys beleuchtet sein Gesicht. Das ist schmal und blass, winzige Sommersprossen betüpfeln die Nase. Der Strom ist ausgefallen, wie so häufig in letzter Zeit in Tobruk, der kleinen Hafenstadt an der Küste Libyens. "Das Licht kommt gleich wieder", sagt Schahin. Er und seine Brüder haben sich um seinen Onkel versammelt, bei dem sie jetzt wohnen, weit weg von zu Hause.

Schahin ist 14 Jahre alt und sehr zierlich, zu zierlich für sein Alter eigentlich. Er spricht leise, wenn er erzählt, von der Stadt, in der er bis vor Kurzem gelebt hat, dem großen Bengasi, einer Tagesreise von hier entfernt. In das Dunkel des Raumes hinein berichtet der Junge von den engen Straßen der Altstadt, in der sein Vater eine Dreizimmerwohnung gemietet hatte, nicht weit weg von der Küstenpromenade. Vom Wind, der vom Meer her durch seine Straße in Bengasi wehte. Von den Möwen, die er über sich gesehen hat, wenn er im Hinterhof mit seinen Freunden Fußball spielte. Er erzählt, wie er sich immer vorgestellt hat, mit dem Fußball so hoch hinaufzuschießen, bis er die Möwen trifft. Jeden Abend haben ihn seine Freunde zum Kicken abgeholt.

Schahins Vater arbeitete als Taxifahrer, frühmorgens fing er an, spätabends erst kam er heim. Er fuhr einen weißen Hyundai, den Stolz der ganzen Familie. Der Hyundai, sagte der Vater, ernährt uns. Schahin durfte den Wagen putzen. Er strahlt, wenn er davon erzählt. So großen Spaß hat es ihm gemacht, den Lack mit einem blauen Mikrofasertuch zum Glänzen zu bringen.

Doch dann ist in diesem Herbst plötzlich wieder der Krieg nach Bengasi gekommen. Es ist Schahins zweiter Krieg. Der erste hatte die Stadt vor drei Jahren heimgesucht, als die Bürger gegen das Regime von Muammar al-Gaddafi aufbegehrten. Damals wurde in Bengasi nur wenige Tage lang gekämpft. Der zweite Krieg, den Schahin mit seinen 14 Jahren erlebt, ist für die Bewohner seiner Heimatstadt viel schlimmer. Jetzt bekämpfen sich die Rebellentruppen, die Gaddafi einst stürzten, untereinander. Mit Artillerie und Panzern zerstören sie ganze Straßenzüge, viele Menschen fliehen.

Anfang November erreichte der Krieg auch die Straße, in der Schahin mit seiner Familie lebte. Die Gasse vor seinem Zimmer füllte sich mit dem Lärm von Explosionen, die immer näher kamen. Irgendwann beschloss sein Vater, die Familie in das etwas sicherere Viertel einer Tante auszuquartieren. Sieben Tage verbrachten sie dort, doch dann, als die Kämpfe nicht abflauen wollten, beschloss er, seine Frau und die vier Kinder zu einem Onkel ins weit entfernte Tobruk zu bringen. Zuvor wollten sie noch einmal in ihre Wohnung zurück, um die wichtigsten Sachen zu packen.

Dieser Tag war der 10. November, ein Montag. Schahin wird ihn nie vergessen.

Dieses Porträt ist einer von mehreren Kinder-Wunschzetteln in der aktuellen ZEIT No 53 vom 23.12.2014

Der Vater scherzt, als er zu seiner Familie in den Hyundai steigt. Schahin sitzt hinten links, seine Schwester neben ihm, die Mutter vorne auf dem Beifahrersitz. Sie fahren los, in der Ferne das Granatfeuer, von dem in Bengasi keiner mehr sonderlich Notiz nimmt. Die Menschen haben sich an den Krieg gewöhnt. Die Familie kauft unterwegs Gemüse und Fleisch ein, Schahin hilft seinem Vater, die Tüten zum Auto zu tragen. Doch dann, als sie in ihre Straße einbiegen wollen, ist sie durch eine Barrikade aus zerschossenen Autos versperrt. Der Vater fährt durch eine Lücke hindurch, fragt einen Passanten, wie er sicher zu seinem Haus komme, der zeigt ihm einen Weg. Im Zickzack fährt er durchs Viertel, steuert auf eine größere Kreuzung zu. Ein Soldat taucht auf der Straße auf, ruft ihm etwas zu, doch Schahins Vater versteht nicht. Er fragt seine Frau neben ihm: "Was rufen die da?"

Schahin hält sich mit der rechten Hand an der Rücklehne seines Vaters fest, streckt den Kopf aus dem Fenster hinaus, um zu hören, was die Soldaten ihnen zurufen. Plötzlich explodiert etwas neben ihm, Schahin zieht den Kopf ein, sieht, dass seine rechte Hand fehlt, mit der er sich eben noch am Sitz des Vaters festgehalten hat. "Nur noch ein bisschen Haut war da", sagt Schahin. "Es hat nicht wehgetan. Ich habe nichts gefühlt." Der Wagen mit der Familie prallt am Rande der Kreuzung gegen den Stamm einer Palme. Schahin verliert das Bewusstsein.