Drei Hubschrauber dröhnen über der Wohngegend Aberdeen in Freetown in Sierra Leone. Die acht Jahre alte Hawa Junisa nimmt sie kaum wahr, zu sehr ist sie vertieft darin, ihre Wünsche zu Papier zu bringen. Vor sechs Monaten noch gab es keine Rettungshubschrauber der Vereinten Nationen hier in der Gegend. Nun sind sie Alltag am Himmel von Freetown.

Die Helikopter scheinen Hawa, ihre Mutter und ihre Tanten, die sich ein Haus mit fünf Zimmern teilen, nicht zu beeindrucken. Dass ihre Schule geschlossen wurde, besorgt Hawa hingegen sehr. Sie möchte unbedingt wieder zur Schule gehen, zurück ins "normale Leben", wie sie es nennt. Im Moment ist überhaupt nichts normal in Hawas Leben und in dem ihrer Familie und aller anderen Menschen in Sierra Leone.

Im Mai 2014 hat das Ebola-Virus das erste Menschenleben im Osten Sierra Leones gekostet. Seitdem hatte die Krankheit verheerende Auswirkungen auf das ganze Land, mehr als 1.600 Menschen sind in Sierra Leone an Ebola gestorben. In den drei am meisten betroffenen Ländern Westafrikas – Sierra Leone, Guinea und Liberia – tötete die Krankheit bis Anfang Dezember mehr als 6.100 Menschen. Die Weltgesundheitsorganisation, das Center for Disease Control and Prevention und Ärzte ohne Grenzen schätzen, dass die gemeldeten Zahlen sogar um 20 bis 50 Prozent niedriger liegen als die tatsächlichen.

Während die Zahl der Todesopfer weiter ansteigt, kämpft Hawas Familie mit steigenden Preisen, Arbeitslosigkeit und eingeschränkter Bewegungsfreiheit. Hawas Mutter, Isha, verkauft Kleidung in der Nachbarschaft. Tante Mary verlor ihren Job als Ausbildungsassistentin bei einer Nichtregierungsorganisation, weil die sie nicht länger bezahlen konnte. Seit Ausbruch der Ebola-Krise fließen Spendengelder fast ausnahmslos in den Gesundheitssektor. Hawas Tante Lucinda bekam mit ihrem kleinen Catering-Unternehmen monatelang keinen Auftrag, weil Workshops und Veranstaltungen verschoben oder abgesagt wurden. Die vielen Kinder in der Gegend können alle nicht mehr die Schule besuchen und sind genervt von den präventiven Ermahnungen der Erwachsenen: "Nicht anfassen!", "Besuch niemanden!", "Wasch dir die Hände!".

Als Sierra Leones Finanzminister Kaifala Marah im November den Haushalt für das kommende Jahr vorstellte, sagte er, Ebola habe eine verheerende soziale und humanitäre Krise verursacht, die das in den vergangenen Jahren erreichte Wirtschaftswachstum rückgängig machen werde.

Dem Haushaltsplan zufolge wird sich das Wirtschaftswachstum Ende 2014 auf vier Prozent verlangsamt haben. Die Prognose hatte einmal bei 11,3 Prozent gelegen. 2015 wird es wohl nicht besser werden: Die Experten der Regierung sagen einen Rückgang des Wirtschaftswachstums auf 2,5 Prozent voraus.

Ebola ist nicht nur eine Gefahr für die Gesundheit der Menschen in Sierra Leone. Es bedroht auch die ökonomische Stabilität des Landes, die wirtschaftliche Entwicklung und den Kampf gegen Armut. Dem Finanzminister zufolge haben Maßnahmen wie die Schließung von Märkten und die Einschränkung der Reisefreiheit, die das Virus unter Kontrolle bringen sollen, die Lieferung von Nahrung und anderen Gütern ins Land stark beeinträchtigt. Viele Dinge des täglichen Bedarfs sind dadurch teurer geworden.

Hawa und ihre Familie können mit abstrakten ökonomischen Fakten und Zahlen wenig anfangen. Sie wissen nur, dass der Preis für Reis gestiegen ist. Die Kosten für Paprika, Zwiebeln, Fleisch und Maniok sind ebenfalls höher als früher. Und sie sehen, dass die Einkommen der Erwachsenen im Haus gesunken sind.

Hawa steht neben einem Haufen gebrauchter Kleidung, die verkauft werden soll, und versucht eine Ebola-Warnung zu entschlüsseln, die an die Zementwand hinter ihr geheftet ist. Sie kämpft mit dem Wort "ausrotten", stolpert über das Wort "Quarantäne" und springt zu dem Teil, den sie lesen kann: "Hände waschen". Isha, Hawas Mutter, sagt, das Poster und ein Stück Seife seien ihnen während einer dreitägigen nationalen "Bleib zu Hause"-Aktion im September gegeben worden. "Ich wünschte, sie gäben uns stattdessen Essen", sagt Hawa.

Hawas Verwandtschaft lebt in Kenema, einem der ersten Epizentren des Ebola-Ausbruchs. Sie hat ihre Großmutter seit Monaten nicht gesehen. "Bei meiner Oma habe ich Freunde, mit denen ich spielen konnte", sagt sie. "Früher durfte ich spielen gehen, aber jetzt kann ich das nicht mehr." Ihre Mutter erwidert: "Es ist gerade nicht sicher, draußen zu spielen."

Hawa möchte ihr normales Leben zurück. Sie wünscht sich, dass ihre Schule wieder öffnet. Sie möchte mit ihren Freunden auf einen Spielplatz in der Nachbarschaft gehen und Hühnchen mit Reis essen. Sie wird sich aber, genau wie Tausende andere Kinder in Sierra Leone, noch gedulden müssen. Die ganze Familie muss warten, bis ein Familienmitglied vorbeikommt und ein Hühnchen mitbringt oder dass ein Nachbar etwas anbietet.

Der Titel, mit dem der Haushalt von Finanzminister Marah überschrieben ist, lautet: "Die Existenzgrundlagen für die wirtschaftliche und soziale Erholung nach Ebola". Für viele Menschen, einschließlich Hawa und ihrer Familie, wird es ein langer Weg zu dieser Erholung sein. Weihnachten scheint da gerade eine Unmöglichkeit zu sein.


Anmerkung der Redaktion:Die Kriege und politischen Krisen des ausklingenden Jahres haben auch das Wirtschafts-Ressort der ZEIT beschäftigt, weil sie nicht selten ökonomische Ursachen haben und stets ökonomische Folgen, vor allem Mangel: Mangel an Nahrung, Mangel an Gesundheitsversorgung und Mangel an Sicherheit. In der Weihnachtsausgabe der ZEIT blickt das Ressort auf die Krisen dieses Jahres zurück – durch die Augen derjenigen, denen wir sonst viel zu wenig zuhören: der Kinder.

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