Als Rebellen im März die Stadt Malakal im Nordosten Südsudans angriffen, war Both bei sich zu Hause im SOS-Kinderdorf. Er und die anderen Heimkinder rannten wie tausend andere auf das Gelände der Vereinten Nationen (UN) und suchten Zuflucht. "Das war sehr schlimm", sagt der Elfjährige leise. Heute lebt er in vermeintlicher Sicherheit Hunderte Kilometer südlich seiner Heimatstadt. Das SOS-Kinderdorf wurde nach Juba verlegt. Doch ob der Krieg die Hauptstadt, wo er vor genau einem Jahr ausgebrochen war, nicht doch wieder erreicht, ist unklar.

Kurz vor dem ersten Advent sitzt Both auf der Veranda einer kleinen Lehmhütte, in der er zusammen mit neun anderen Kindern und seiner Pflegemutter wohnt. Ein Betreuer hält seine Wünsche auf einem Zettel fest. Er selbst kann noch nicht so gut auf Englisch schreiben, das er neben Arabisch und seiner Muttersprache Schilluk beherrscht.

"Die Ereignisse haben die Kinder traumatisiert", sagt Isaac James Kuol, ein anderer Betreuer. Er war es, der mit den Kindern, die es nicht auf das UN-Gelände geschafft hatten, in den Busch floh und tagelang mit ihnen zu Fuß durchs Land marschierte, bis Flugzeuge sie endlich nach Juba evakuierten. Auch Boths Pflegemutter, die zusammen mit dem Jungen zu den UN in Malakal geflüchtet war, spricht ungern über die Ereignisse. "Wir rannten um unser Leben. Auf dem Weg sah ich viele Tote", sagt sie. "Es war furchtbar. Auf dem UN-Gelände litten wir Durst und Hunger. Wir waren der bloßen Sonne ausgesetzt. Die Rebellen vergewaltigten Frauen."

Der Konflikt in Südsudan trifft vor allem die Schwächsten der Gesellschaft. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind bislang 1,9 Millionen Menschen vor der Gewalt geflohen. 3,8 Millionen, ein Viertel der Bevölkerung, müssen mit dem Nötigsten versorgt werden: Lebensmittel, Wasser, Medikamente. Nach wie vor ist kein Ende der Gewalt in Sicht.

Der Krieg ist ein Machtkampf zwischen dem Präsidenten, Salva Kiir, und seinem ehemaligen Stellvertreter, Riek Machar. Er hat die ohnehin schon marode Wirtschaft des jungen Landes zerrüttet, das erst vor drei Jahren unabhängig wurde. All die mühevolle Aufbauarbeit ist dahin.

Südsudans wichtigste Einnahmequelle ist das Öl. Doch seit der Krise ist die Förderung um ein Drittel eingebrochen. Immer teurer wird das Leben. Kostete das Kilo Ziegenfleisch auf dem Markt vor einem Jahr noch rund 30 Südsudanesische Pfund, liegt es jetzt bei 50 Pfund. Das sind umgerechnet neun US-Dollar. Die Preise für Zucker, Maismehl und Kochbananen sind ähnlich stark angestiegen. Auch Baumaterialien wie Zement haben sich verteuert. Nur der Preis für Benzin und Diesel verharrt bei sechs Pfund je Liter, weil die Regierung ihn reguliert. Während das Leben teurer wird, musste nach Angaben der Weltbank bereits vor dem Konflikt mehr als die Hälfte der Bevölkerung mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen. Auch die Währung genießt wenig Vertrauen. Nach offiziellem Kurs gibt es für einen Dollar 4,5 Südsudanesische Pfund, doch auf dem Schwarzmarkt erhält man für einen Dollar mittlerweile schon 5,6 Pfund.

Eigentlich könnte sich das fruchtbare Land ohne Weiteres selbst versorgen. Doch gibt es in Südsudan, das fast zweimal so groß ist wie Deutschland, außerhalb der Hauptstadt nur eine einzige asphaltierte Straße. Fast alle Güter müssen aus dem Ausland eingeführt werden. Das Benzin etwa kommt aus dem Nachbarland Uganda. Auf Jahre hinaus wird das Land am Tropf von Geberländern aus dem Westen hängen.

Auch im SOS-Kinderdorf weiß niemand, wann und ob sie überhaupt noch mal nach Malakal zurückkehren können. 95 Kinder, 37 Jugendliche, zehn Pflegemütter und ein paar Betreuer leben im Übergangsdorf in Juba. "Den Kindern geht es schon viel besser", sagt der Betreuer Isaac James Kuol. Doch viel Abwechslung gebe es nicht im Dorf.

Both wünscht sich ein gelbes, ferngesteuertes Auto. Außerdem sollen in der Schule, wo er zu den Besten gehört, die Lehrer nicht immer alle bestrafen, wenn ein einziger Schüler Unfug treibt. "Später will ich selber Lehrer werden, um anderen Kindern zu helfen", sagt Both. Unterrichten möchte er Englisch und Mathe. Der Junge kam kurz nach seiner Geburt ins SOS-Kinderdorf. Seine Mutter starb, sein Vater kümmerte sich nicht. Hier geht es ihm besser als vielen anderen südsudanesischen Kindern, von denen viele keine Hilfe bei einer Einrichtung finden.

Anmerkung der Redaktion: Die Kriege und politischen Krisen des ausklingenden Jahres haben auch das Wirtschafts-Ressort der ZEIT beschäftigt, weil sie nicht selten ökonomische Ursachen haben und stets ökonomische Folgen, vor allem Mangel: Mangel an Nahrung, Mangel an Gesundheitsversorgung und Mangel an Sicherheit. In der Weihnachtsausgabe der ZEIT blickt das Ressort auf die Krisen dieses Jahres zurück – durch die Augen derjenigen, denen wir sonst viel zu wenig zuhören: der Kinder.

ZEIT-Reporter haben Jungen und Mädchen besucht und sie gebeten, Wunschzettel zu beschriften und zu bemalen. Sie waren dafür im Südsudan und in Libyen, wo Bürgerkrieg herrscht, in Gaza und Israel, wo die gegenseitigen Angriffe nicht enden, in der Ukraine, wo Menschen Schutz suchen im unübersichtlichen Kampf zwischen Separatisten, Russen und der ukrainischen Armee, und sie waren auch in Deutschland bei Kindern, die aus Afghanistan nach Berlin geflohen sind. Lesen Sie alle Porträts in der aktuellen ZEIT, die Sie hier online kaufen können.

Unter www.zeit.betterplace.org finden Sie Projekte, die sich für bessere Lebensbedingungen in den beschriebenen Regionen einsetzen. Zusammen mit der gemeinnützigen Organisation betterplace.org haben ZEIT-Redakteure sie ausgesucht. Frohe Weihnachten!

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