Es gibt keine Möglichkeit zu entkommen. Sie sitzen in der Falle. Die roten Signalleuchten der ägyptischen Küstenwache nähern sich der Sandbank, auf der sich eine Gruppe syrischer Bürgerkriegsflüchtlinge versteckt. So nahe waren die Syrer ihren Traum gekommen, es nach Europa zu schaffen, nach Deutschland und Schweden. Eine Schmugglerbande hatte die Gruppe aus 60 Männern, Frauen und Kindern nach wochenlangen vergeblichen Versuchen an diesem Abend endlich an den Strand gebracht. Zwei Motorboote hatten sie dort abgeholt, sie hinaus auf Meer getragen. Doch dann ging alles schief. Das größere Fischerboot, das sie nach Italien bringen sollte, war nicht zur Stelle. Die Schmuggler warfen die Syrer zurück in die Brandung einer kleinen Sandbank vor der ägyptischen Küste.

Der tschechische Fotograf Stanislav Krupar, der sich selbst als Flüchtling ausgegeben hatte, wurde Zeuge dieser Nacht. Er fotografierte die Flüchtlinge heimlich mit einem iPhone, in ihren Verstecken an Land und bei ihren Verhandlungen mit den Schmugglern. Er hielt fest, wie die Küstenwache Gruppe für Gruppe aus ihren Verstecken auf der Sandbank zwang und wie sie in einer langen Reihe vor den Polizisten niederknieten, den Kopf gesenkt, die Verzweiflung in den Augen.

Die Ägypter schafften die Flüchtlinge zurück an Land, sperrten sie ins Gefängnis, in eine Gemeinschaftszelle, in der sich 60 Menschen wenige Quadratmeter teilten. Erst nach mehreren Tagen wurden sie mit Decken und Nahrung versorgt. Nach zwei Wochen wurden die meisten von ihnen entlassen – und versuchten kurz darauf erneut, übers Meer nach Europa zu kommen.

207.000 Menschen flohen bis zum Oktober 2014 übers Mittelmeer, 3419 starben dabei. Einer der Toten ist Mohammed Kseibati. Krupar hat ihn auf der Flucht getroffen. Mohammed ertrank im September, zusammen mit 500 anderen, darunter 100 Kindern. Der 29-Jährige hatte große Furcht vor dem Wasser, wagte die Bootsfahrt als letzter von vier Brüdern. Vor ihm hätte niemand in Europa Angst haben müssen. Er wollte nichts geschenkt haben. Mohammed war ein guter Mann mit viel Herzlichkeit, der vorhatte, für seine Zukunft hart zu arbeiten. Er hätte uns in Deutschland sehr gutgetan.