Der Kapitän tritt auf als Spaßbefehl. Anders ist die Micky Maus in ihrem zeltgroßen Schiffsführerkostüm nicht zu deuten. Gespielt von einem Animateur, steht sie seit einer Stunde vor dem Kreuzfahrtschiff Disney Dream und winkt und winkt und winkt. Die ausrückende Touristenschar will einfach kein Ende nehmen. Nicht weit vom Pier entfernt mischt sie sich unter die Passagiere der Freedom of the Seas. Die zählt ebenso zu den größten Kreuzfahrtschiffen der Welt wie zwei weitere, die gerade in Nassau vor Anker liegen. Mehr als 4.000 Gäste kommen jeweils auf ihnen unter. Was mag hier erst los sein, wenn alle sieben Plätze im Kreuzfahrthafen belegt sind und noch mehr Menschen das kleine Zentrum der Bahamas-Hauptstadt fluten? Aber wahrscheinlich wäre das halb so schlimm. Denn wenn ein Ort für diese Klientel gerüstet ist, dann Nassaus Barbiepuppen-niedliche City mit ihren falschen Piraten und echten Cartier-Läden, mit ihren Steeldrum-Bands und Souvenirmärkten.

Gut fünf Millionen Menschen besuchen pro Jahr das in 3.100 Eilande und Cays zersplitterte Inselreich, dessen Ausdehnung zwei Dritteln Deutschlands entspricht. Wer von ihnen nicht mit dem Schiff kommt, wohnt meist in kaum weniger größenwahnsinnigen Resorts. Fast alle liegen auf den beiden Hauptinseln New Providence und Grand Bahama. Eine Reise hierher ist darum mehr geografische Körperverlagerung als Aufbruch in die Fremde. Doch auch die soll es geben: auf dem großen Rest der Out Islands, die sich die wahren Bahamas nennen. Viele von ihnen erreicht man per Flugzeug. Aber das ist mir nicht rustikal genug. Ich will sie mit Postschiffen bereisen, die früher deren einzige Verbindung zur Außenwelt waren. 15 solcher Boote existieren noch. Ein- bis zweimal in der Woche rücken sie auf festen Routen aus und nehmen neben Fracht auch Passagiere mit. Für die gibt es, weil viele Fahrten über Nacht gehen, sogar Kabinen.

Der Heimathafen der Postschiffe ist Potter’s Cay am Rande von Nassau. Nur eine Taxiviertelstunde vom parfümierten Flair des Zentrums entfernt riecht es hier plötzlich nach Abenteuer. Schon um acht Uhr morgens grölen vom entgleisten Dasein gezeichnete Menschen herum und trinken Bier. Obdachlose löffeln sich das traditionelle Frühstück aus Graupen und Fisch in die zahnlosen Münder. Und ein Mann, der sich Mister Feelgood nennt, verkauft Kokain. Als ich ablehne, lächelt er dennoch kumpelhaft und hält mir seine Hand zum Abklatschen hin.

Zur Halbwelt passen die roststreifigen, zerbeulten, vor Verwegenheit berstenden Postboote an den Docks. Die Lady Rosalind und die Lady Frances, die Daybreak, die Captain Moxey. Wenn Schiffe wie Siebziger-Jahre-Rock-’n’-Roll sein können, dann diese hier. Black Sabbath oder Judas Priest hätten sich als Namen ebenso angeboten.

Auf einer Kreuzfahrt kann man im Prinzip sein Hirn beim Check-in abgeben und dann blind dem Programm folgen. Wer mit den Postbooten fahren will, käme so in Teufels Küche. Das wird schon während meines Besuchs beim Hafenmeister klar. In seinem Büro überreicht er mir einen Fahrplan – und braucht dann mehrere Minuten, um die Abweichungen zu erläutern. Die See sei rau, es komme zu Verspätungen. Am Schluss schmeißt er sich in seinen Drehstuhl und seufzt. Am besten frage man sich durch. Mit der Liste in der Hand und verschiedenen Wunschzielen im Kopf mache ich mich auf den Weg. Doch die verzeichneten Schiffe fahren zu spät. Oder in anderer Reihenfolge. Oder sie sind gar nicht da.

"Nach Harbour Island? Du hast Glück", sagt irgendwann Junior Pinder. Salzwindgegerbte Haut, Nussknackerkinn, buschige Koteletten – der Kapitän der Eleuthera Express ist das Gegenteil einer Micky Maus. Seine Hand fühlt sich derb an wie ein Autoreifen, als er mich begrüßt. "Wir sind spät dran, aber gleich geht’s los." Die Fahrt nach Harbour Island an der Nordspitze der Insel Eleuthera im Osten Nassaus dauert sechs Stunden und kostet weniger als 30 Dollar. Der Schiffskran lädt gerade Rohre, Babywindeln, Bier und Zementsäcke auf den grünen Pott, der 1962 in Wilhelmshaven gebaut wurde. Kurz darauf beginnen die Dieselmotoren zu pochen, und wir pflügen aus dem Hafen. Der Himmel ist mörtelgrau, der Wind spuckt Regen. Dann wird das Meer flacher und leuchtet darum in einem so delikaten Türkis, dass man es aus Sektkelchen trinken möchte.

Während Junior das Schiff durch einen Irrgarten aus Sandbänken steuert, erzählt er von den Postbooten. Sie sind alle in Privatbesitz und haben einen Vertrag mit der Regierung, der feste Zahlungen garantiert. "Aber der ist seit 20 Jahren derselbe, während die Kosten ständig steigen. Außerdem machen uns jetzt die Fähren Konkurrenz. Seit Kurzem dürfen die auch Pakete mitnehmen", sagt Junior und kippt sich den letzten Schluck Kaffee in den Rachen. Dann legt er auf der Insel Spanish Wells an, wo die Eleuthera Express eine Stunde hält.

Tatsächlich ist es hier ganz anders als in Nassau. Aber sind das die wahren Bahamas? Während 85 Prozent der Bahamaer schwarze Hautfarbe haben, leben hier fast nur Weiße. Das Hummergeschäft hat die Nachfahren von Puritanern zur reichsten Gemeinde des Landes gemacht. Jetzt rücken sie mit Golfkarren an und binden sich die Weihnachtsbäume aufs Dach, die gerade von Bord geworfen werden. Dann sind sie so schnell verschwunden, als hätten sie sich Tarnkappen aufgesetzt. Bei einem Spaziergang kommt mir der Gedanke, ich könnte eine Evakuierung verpasst haben. Man sieht nur säulenbewehrte Holzpaläste, Lagerhallen für Langusten und Satellitenschüsseln, die groß genug scheinen, um mit dem Mars Kontakt aufzunehmen. Mit der Bevölkerung aber gelingt mir das nicht. Gut, dass bald das Horn zur Weiterfahrt tutet.

"Harbour Island – Home of friendly People" begrüßt mich ein Schild an der Mole von Dunmore Town. Und es ist kein Witz: Hier wird gelächelt, was die Mundwinkel hergeben. Sogar die Holzhäuser scheinen bester Dinge zu sein. Ihre Anstriche in Marzipanrosa und Pistaziengrün, Ananasgelb und Curaçaoblau lassen an eine Kinderparty denken. Abends aber steht Hitler vor mir. So nennen sie den Besitzer des Vic-Hum-Clubs, eines Rough-and-ready-Rockschuppens mit amtlich klebriger Theke. Die Wände zieren zerfledderte Plattencover, aus den Boxen wummern alte Funkadelic-Songs. Nassaus Kulissentourismus ist jetzt weit weg. Aber warum denn Hitler, in Gottes Namen? "Na, ich gelte eben als energisch", grinst der Mann. Dann haut er die nächste Bierpulle auf den Tresen. "Hier, mein Freund. Geht auf mich."

Nach Mitternacht leert sich der Laden wie auf ein geheimes Zeichen. Bald darauf finde ich mich auf der Uferstraße wieder – und mitten in Afrika. Trommeln dröhnen, Posaunen schreien, schwarze Frauen tanzen eine stampfende Choreografie. Die melodischen Motive sind immer gleich und wirken wie Schamanenzauber. Junkanoo heißt das bahamaische Spektakel schlechthin, das Ende des Jahres in Straßenparaden seinen Höhepunkt erreicht. Und für den wird hier trainiert. Die Sklaven führten den Junkanoo ein, als sie mit den Loyalisten auf die Insel kamen. Die flohen als Getreue des englischen Königs im späten 18. Jahrhundert vor der siegreichen amerikanischen Revolution auf die Bahamas, scheiterten aber bald am kargen Boden und verschwanden. Geblieben sind ihre bunten Häuser im Neuengland-Stil. Und die Abkömmlinge ihrer Sklaven.