Walter Benjamins berühmter "Engel der Geschichte" raste rückwärts durch die Zeit, hinter sich die Zukunft, vor seinen Augen ein zum Himmel wachsender Trümmerhaufen. Heute könnte man glauben, wir säßen rückwärts in einem Kettenkarussell. Vor unseren Augen rauscht ein Jahrestag nach dem anderen vorbei, nach dem Jubiläumskalender geordnet, außerhalb jeder Chronologie, ein großes Gedenken, das nicht aufhören will.

So schnell wie im vergangenen Jahr hat sich das Karussell selten gedreht. Etliche Runden lang flogen wir am Ersten Weltkrieg vorbei. Dann tauchte der Überfall auf Polen 1939 vor unseren Augen auf – und entfernte sich rasch wieder. Zum Schluss legten wir uns noch einmal steil in die Kurve: 25 Jahre Mauerfall. Im kommenden Jahr werden wir unverdrossen und mit unvermindertem Tempo weiterrotieren: Eben fing er noch an, der Zweite Weltkrieg – vor 75 Jahren –, schon naht sein Ende – vor 70 Jahren.

In der Geschichtswissenschaft wird diese Gedenkmanie kritisiert, obwohl sich alle nach ihr richten. Manchmal avancieren Wissenschaftler überhaupt erst unter Jubiläumsdruck zu Experten für ein Ereignis. Wie bedeutsam der Gedenkanlass ist, lässt sich zuverlässig an der Zahl bedeutender Autoren ablesen, die ihm ein Buch widmen.

In diese etwas scheinheilige Kritik will ich nicht einstimmen. Es ist doch legitim, ja sogar gut, über den ritualhaft wiederkehrenden Kreis der Jahrestage ein gemeinsames historisches Reflektieren zu stimulieren. Das Problem ist nur: Es gelingt nicht mehr. Die historischen Ereignisse, derer gedacht werden soll, lassen sich kaum noch in Beziehung zueinander setzen. Die Fliehkraft des Gedenkens sprengt sie auseinander. Das Einzelereignis wird nur noch kurz aufgerufen und kaum mehr in langfristige Zusammenhänge eingeordnet. Wir preisen die Offenheit der Geschichte. Wir versuchen, sie nicht nur mit dem Ex-post-Blick der Nachgeborenen zu betrachten. Wir misstrauen geradlinigen Erklärungen. Meistererzählungen, die von einem mythischen Anfang ausgehen und geradewegs auf ein Ziel zusteuern, sind uns fremd geworden: Es hätte eben alles auch ganz anders kommen können.

Das ist eine im Kern postmoderne Auffassung, die viel für sich hat, weil sie der Geschichte ihre offenen Horizonte zurückgibt. Sie ermöglicht, den Blick frei schweifen zu lassen und Unerwartetes zu entdecken. Die Ereignisschau ersetzt das fixierte Starren auf bestimmte Daten als bloße Vorgeschichte von Krieg oder Holocaust.

Meine Generation, um 1975 geboren und in den neunziger Jahren intellektuell geprägt, kann viel anfangen mit einer solchen Perspektive. Unsere Geschichten haben viele Anfänge und – meistens – lose Enden. Wir fragen weniger danach, warum etwas passiert ist, sondern wie. Ursachensuche unter Kausaldruck ist unsere Sache nicht. Eher die dichte Beschreibung vergangener Gegenwarten mit all dem Reichtum, der ihnen innewohnt.

Unsere gegenwärtige Gedenkkultur spiegelt diese Entscheidung für eine offene Geschichte wider. Deutlich zeigt das die Revision, der die Epochenzäsur 1914 in den vergangenen Monaten unterzogen wurde – vor allem durch den australischen Historiker Christopher Clark. In seinen mittlerweile allein in Deutschland 350.000 Mal verkauften Schlafwandlern geht auch er in die Breite, statt in der Zeit zu argumentieren. Wenngleich er die Vorgeschichten der Julikrise nicht ganz aus dem Blick verliert, konzentriert er sich doch auf eine fast chirurgische Zerlegung des Sommers 1914, Tag für Tag, Szene für Szene.

Eine solche Mikroanalyse lässt sich nur im ständigen Perspektivenwechsel schreiben: Indem Clark die Blickwinkel der politischen Eliten aller kriegführenden Nationen einnimmt, löst er sich von einer auf die deutsche Hegemonial- und Gewaltgeschichte verengten Interpretation. Auch ihm geht es um das Wie, nicht um das Warum, um situative, nicht um kausale Deutungen.

Das Verfahren wirkt als willkommenes Antidot gegen die traditionell negative deutsche Nationalgeschichtsschreibung, die lange die These eines "deutschen Sonderwegs" vom Kaiserreich in den Nationalsozialismus favorisierte. Clark versetzte dieser Vorstellung mit seinem Buch den allerletzten Stoß. Und neuerdings schlägt er sogar eine emotionale Gegenerzählung vor, wenn auch – hoffentlich – mit ironischem Augenzwinkern: die Deutschland-Saga.

Dass Clark seit Ende November für das ZDF in einem roten Käfer durch Deutschland kurvt, ist denn auch nicht so bizarr, wie es scheinen mag. Die Zeitreise des Cambridge-Historikers vom deutschen Urschleim bis zum Mauerfall, deren erste drei Folgen gerade ausgestrahlt wurden, soll ein Bewusstsein für die gemeinsame und keineswegs nur schlechte Stammestradition schaffen. Weggelassen werden die "düsteren Kapitel" nicht. Aber auf der vom vergnügten Kommentar Clarks begleiteten Volkswagenfahrt haben wir sie schnell hinter uns.