Die nicht endende Arie

Wie geht es Serge Dorny nach seinem Rauswurf?

Anfang des Jahres konnte man aus der Semperoper Töne vernehmen, die man von dort wahrlich nicht gewohnt war: Es schepperte. "Ich bin beleidigt", sagte Serge Dorny, der in dem Haus Intendant werden sollte, aber dann, aus ominösen Gründen, schon wieder gefeuert wurde, bevor er richtig loslegen konnte. Der ZEIT (10/14) gab Dorny damals ein Interview. Es ging um den Vorwurf, er habe sich danebenbenommen; aber er konnte sich nicht erklären, in welcher Weise.

Mit ein paar Monaten Abstand kann man sagen: Geschadet hat die ganze Sache nicht in erster Linie Dorny. Sondern der Semperoper. Und Sachsen. Ihm gehe es "great", lässt Dorny über seinen Sprecher mitteilen, er ist jetzt wieder Direktor der Oper Lyon, dieses Amt hatte er schon vor seinem Dresden-Intermezzo bekleidet. Ansonsten möchte er über die Vorgänge nicht sprechen – immerhin läuft noch ein Rechtsstreit am Dresdner Landgericht um seine Abfindung.

Während Dorny also wieder einen Job hat, hat die Semperoper aber noch keinen neuen Intendanten. Die damalige Kunstministerin Sabine von Schorlemer (parteilos), von der Dorny gefeuert wurde, ist nicht mehr im Amt. Ihre Nachfolgerin Eva-Maria Stange (SPD) muss jetzt die Scherben zusammenkehren und einen neuen Chef finden.

Dass sie dabei ein glückliches Händchen hat, konnte sie schon einmal beweisen: In ihrer ersten Amtszeit als Ministerin, von 2006 bis 2009, brachte sie Wilfried Schulz als Intendanten zum Dresdner Staatsschauspiel – und der wurde zu einem der erfolgreichsten Direktoren in der Geschichte des Hauses. Kurioserweise darf Stange auch für Schulz wieder einen Nachfolger suchen, denn der verlässt Dresden 2016.

MARTIN MACHOWECZ, ANNE HÄHNIG

Frau Schwalbe gewinnt

Was aus der Lehrerin wurde, die in FDJ-Kluft posierte

Na, wo ist denn das Hemd?, wird Heidemarie Schwalbe hin und wieder gefragt. Sie stecke solche Kommentare weg, sagt die Suhler Geschichtslehrerin. Aber eigentlich ärgere sie sich darüber dann sehr. Das Hemd! "Das verfolgt mich jetzt wohl für den Rest meines Arbeitslebens", sagt die 56-Jährige.

Im Frühjahr fand ein Foto den Weg in die Bild, auf dem Heidemarie Schwalbe zu sehen ist – in FDJ-Bluse posierend. Dahinter eine Gruppe von Abiturienten, die einen Motto-Tag zum DDR-Alltag veranstaltete. Eine Welle der Empörung brach über Schwalbe herein. Verherrlichte da eine Lehrerin, die auch noch Linken-Mitglied ist, die DDR? Die damalige CDU-Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht kritisierte Schwalbe. Manche fanden, sie dürfe nicht mehr unterrichten. Die Schulbehörde sprach eine Missbilligung aus. Im April berichtete die ZEIT ausführlich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 1 vom 30.12.2014.

Heidemarie Schwalbe unterrichtet noch immer. Und doch ist nichts mehr, wie es war. "Ich gehe befangener in den Unterricht", sagt sie, "wäge jedes Wort ab." Einmal beobachtete sie, dass eine Schülerin fleißig mitschrieb, was die Lehrerin von sich gab. Der Vater dieses Mädchens hatte sich über Schwalbe beschwert. All ihren Kritikern hat Schwalbe gesagt: "Kommt in meinen Unterricht, auch unangemeldet, ich habe nichts zu verbergen." Aber keiner kommt.

Die Art und Weise, in der man über sie hergefallen sei, habe sie entsetzt, sagt Schwalbe, aber auch die Angst der Menschen. "Die haben mich zwar umarmt, aber öffentlich wollte sich keiner zu mir bekennen." Ihrem Schulleiter hat sie vorgeschlagen, Diskussionsrunden zur DDR-Geschichte zu veranstalten. Doch der sei froh gewesen, endlich keine Journalisten mehr am Telefon zu haben, sagt Schwalbe: "Allein kann ich das nicht durchziehen, dafür fehlt mir die Kraft."

Vor kurzem rief ein ehemaliger Schüler, heute Mitglied der CDU, bei ihr an. Er sagte, er fühle sich wie ein Verräter, weil er es gewesen sei, der das Bild einst weitergegeben habe. "Es war Wahlkampf, da war jedes Mittel recht", sagt Schwalbe.

Seit ein paar Wochen ist eine Linke, Birgit Klaubert, Kultusministerin in Thüringen. Wäre sie anders mit dem Fall umgegangen? Heidemarie Schwalbe überlegt, schließlich sagt sie: "Vielleicht hätte sie erst mal mit mir gesprochen, anstatt mich gleich zu verurteilen."

JEANNETTE OTTO