Am Anfang ist der Stern. Fern glimmt er im Schneegestöber über der Hochstraße, tänzelt fort, macht kehrt, irrlichtert durch das Gässchen entlang der Höfe und kommt allmählich näher. Dann lösen sich mit ihm ein paar Gestalten aus dem Grau. 17 Männer in Lodenmänteln, allen voran der alte Brandstätter Simon, der den Stern am hölzernen Stab bald sechzig Jahre durch die Berge trägt. Und ihn an einer Schnur um die eigene Achse dreht. Früher, als der Nachttopf winters unterm Bett gefror, da war das Licht im Stern noch nicht elektrisch, sondern eine Kerze. Vergaß man das Drehen, versengte ihre Flamme das dünne Papier, und man lud großes Unheil auf sich.

Zwölfzackig, bemalt und golden leuchtend, dreht er sich für den ersten Hof der Nacht, vor dem ein Mütterchen mit weißem Haar ergriffen in der Kälte steht. Im Halbkreis um sie die 17, die Sänger vorn, die Bläser hinten und in der Mitte der Brandstätter Simon mit dem großen Stern. Ihre Hände hält die Frau fromm vor dem Körper gefaltet. Vieles hat sich geändert im Laufe ihres langen Lebens, doch die Dreikönigsnacht ist genau wie einst, da sie als kleines Mädchen mit der Urgroßmutter vor der Türe stand.

Ihr Hof liegt in Heiligenblut am Ende des Mölltals. Dahinter thront das Glocknermassiv mit seinem Gletscher. Dort endet das Tal und die Straße und, wie es scheint, auch die Zeit. Jahrhundertelang waren die Bewohner des Kärntner Dorfs auf sich allein gestellt. Sie trotzten der kargen Natur ein Überleben ab und erhielten sich ihre Bräuche.

Das traditionelle Sternsingen war im 16. Jahrhundert weit verbreitet in Österreich und Deutschland. Dabei zogen Männer alljährlich von Haus zu Haus und verkündeten die Geburt Christi – wie einst die drei Weisen aus dem Morgenland, denen der Stern von Bethlehem den Weg gewiesen hatte. So, mit lauter Erwachsenen, machen das heute nur noch die Heiligenblütler. Da ihre Höfe weit verstreut liegen, sind die Männer bis in die frühen Morgenstunden unterwegs. Sie drehen vor jeder Tür den Stern und singen ihr vierzehnstrophiges Lied. Sechzig Mal in dieser Nacht.

Für die gut tausend Dorfbewohner sind neun sogenannte Rotten im Einsatz. Die Hofer Rotte mit dem Brandstätter Simon an der Spitze kümmert sich um den Dorfkern. Ihr erstes Sternlied der Nacht haben sie jetzt gesungen. Das Mütterchen sagt: "Vergelt’s Gott!", die Männer wünschen: "Gut’s neu’s!", und schreiben mit Kreide ihren Segen über die Tür. Das Mütterchen steckt dem Vorsänger einen Schein zu und teilt Schnäpse gegen die Kälte aus. Es ist kurz nach fünf, das Schneetreiben hat sich gelegt, und die Berge verblassen im Dunkel.

Am Apartment Sonne singt die Hofer Rotte für eine überraschte Familie aus Deutschland. Die Gäste waren nicht vorbereitet auf das nächtliche Treiben. Verlegen treten sie von einem Bein aufs andere, während ihnen 17 Männer und ein Stern ausführlich von der Geburt des Heilands künden. Am Ende gibt es auch für sie den Segen und für die Tochter, noch mit Skihelm, ein Zuckerl auf die Hand.

Im Nachbarhof wartet die Frau eines Sängers. Nach dem obligatorischen Sternlied lässt sie die Rotte ein und darf sich dafür eine Zugabe wünschen. "Es ist ein Ros entsprungen – wie jedes Jahr." Die Bauernstube mit der niedrigen Decke ist gut geheizt, und die Wangen der Sänger beginnen bald zu glühen. Nur die Bläser müssen im Kalten warten, für sie ist kein Platz mehr im Inneren. Während die Sänger singen, trägt die Frau des Hauses Bier und Jause auf. Zum Abschied gibt’s noch einen Schnaps gegen die Kälte, dann geht’s weiter zum nächsten Hof. Sie sollen wiederkommen, sagt die Frau, wenn sie fertig sind.

Gut ein Dutzend Mal auf ihrer Runde werden die Sänger eingelassen. Das bedeutet: zwölf Mahlzeiten in einer Nacht. Dazu stets ein Bier. Und mindestens einen Schnaps gegen die Kälte. Dabei wird heuer schon weniger getrunken als früher, als Schnaps noch ein Luxusgut war, das man unmöglich zurückweisen konnte. Aber damals gab es auch kein florierendes Hotelgewerbe im Tal, und die Männer konnten am 6. Januar schlafen, solange sie wollten.

Kaum haben die Hofer zwei weitere Häuser angesungen, sind sie im Senger Hof zu Gast, wo einst Luis Trenker residierte. Und während die Tuba auf dem Wirtshausboden Kondenswasser sammelt, essen der Brandstätter Simon und seine Rotte Schweinsbraten. Dazu ein Bier und natürlich einen Schnaps gegen die Kälte. Draußen jagen Wolkenfetzen über den dunklen Himmel. Aus allen Winkeln erklingt die Melodie des Sternlieds, eines einfachen Hirtenlieds aus dem 16. Jahrhundert.

Ein paar Hundert Meter höher stapft die Untertauer Rotte durch die Serpentinen im Tiefschnee. Die Höfe dort liegen mit schwachem Schein wie verglühende Scheite einsam im Hang. Man hat das Gefühl, die Sänger werden hier noch sehnlicher erwartet. Der Pichler Ernst ist ihr Vorsänger. Seine Rotte ist jünger als die drunten im Dorf, weil ihr Weg beschwerlicher ist. Er führt sie bergab durch dichten Nadelwald, vorbei an Fichten und Lärchen. Dazwischen, selten, die begehrte Zirbe mit ihrem einzigartigen Duft und den Zapfen, die, zum Schnaps gebrannt, in eisiger Nacht neuen Mut versprechen.