Der Mann für die Luxus-Flatrate – Seite 1

Von dem Haus, das Lars Hinrichs gekauft hat, um mehrere Millionen Euro sicher anzulegen, steht nur noch die Fassade. Immerhin, es ist eine Gründerzeitfassade am Hamburger Mittelweg, Ecke Badestraße, in bester Lage. Nur hatte sich der Internetunternehmer seine konservative Geldanlage so nicht vorgestellt. "Ich wollte innen modernisieren, eine Etage aufstocken und dann vermieten. Mehr nicht", sagt Hinrichs. Das war vor fünf Jahren, aber dann entdeckte der Hamburger Denkmalschutz ein paar erhaltenswerte Details. Pilze und Ungeziefer besiedelten das Haus, und so schien es, als habe sich Hinrichs übers Ohr hauen lassen. Er, der das Online-Karrierenetzwerk Xing und damit eines der erfolgreichsten deutschen Internetunternehmen gegründet hat, schien in der alten Welt verloren.

Hinrichs, 38, kommt die Badestraße entlang, in seinem typischen Gang, es ist eine Mischung aus bedächtigem Schreiten und Schlurfen. Wenn er einmal losläuft, hört er nicht mehr so schnell auf. Das hat auch dieses Mal geholfen.

Hinzu kam die Cleverness seines Bauleiters: "Er hat irgendwann angefangen, die Wände zu prüfen – und dabei festgestellt, dass viele tragende Wände nur zehn Zentimeter dick waren. Viel zu dünn, um eine Aufstockung zu tragen. Das war unser Durchbruch." Die zusätzliche Etage war bereits genehmigt, also hätten die Wände massiv verstärkt werden müssen. "Da hat sich der Denkmalschutz zurückgezogen, und wir konnten ans Abreißen gehen." Er erzählt das in einem gemächlichen Tonfall, dabei hätte er ohne dieses Detail, die zu dünnen Wände, eine Niederlage eingesteckt, und wie sehr ihm das zugesetzt hat, konnte jeder sehen. Im August 2013 stieg er persönlich in den Bagger und ließ die Abrissbirne im Hinterhaus einschlagen. Videos davon teilte er über Facebook mit Freunden und Bekannten.

Es war allerdings nicht nur ein Moment von Schutt und Asche, es war auch der Moment, in dem Lars Hinrichs begonnen hat, das am stärksten vernetzte Mehrfamilienhaus in Deutschland zu bauen.

Da seine ursprüngliche Kalkulation nicht aufging, tat Hinrichs, was er im Internet gelernt hat: Er nahm sich etwas ziemlich Großes vor, man könnte auch sagen, etwas Großspuriges. Er wollte das traditionelle Geschäftsmodell der Immobilienwirtschaft infrage stellen. Künftige Bewohner bekommen bei ihm keinen Mietvertrag, sondern buchen quasi eine Flatrate "Wohnen". Darin enthalten sind der Zugang zu einer Luxuswohnung für sechs Monate, ein Jahr oder auch drei Jahre und zugleich auch Flatrates für Strom, Wasser, Internet – und jede Menge ultramoderner Haustechnik. Der Forschungsleiter des Lichttechnik-Konzerns Osram, Klaus Streubel, sagt, er kenne kein anderes Projekt, das so ambitioniert sei.

Wohnen sollen dort vom kommenden Herbst an "Manager und ihre Familien, die für einige Jahre in Hamburg leben, unter ihnen viele aus dem Ausland", sagt Hinrichs. "Denen biete ich einen Rundumservice. Sie können einziehen, sofort leben, sofort zu Hause sein und müssen sich um nichts kümmern." In Hamburg umfasse seine Zielgruppe 27. 000 Haushalte, schätzt Hinrichs und glaubt, genug Interessenten für seine 20 Wohnungen im ersten und 17 Wohnungen im zweiten Bauabschnitt zu finden. "Diese Menschen sind so wohlhabend, sie könnten sich überall auf der Welt sofort ein Haus kaufen. Aber sie tun es nicht, weil sie nach ein paar Jahren weiterziehen." Man könnte sie globale Nomaden nennen – oder auch die Creative Class. Der amerikanische Soziologe und Ökonom Richard Florida hat sie in seinem gleichnamigen Bestseller beschrieben: Menschen mit hoher Bildung; Wissensarbeiter, die wegen ihrer Schaffenskraft von Arbeitgebern umworben, von Stadt zu Stadt gelockt werden. Ihre Zahl nimmt laut Florida stetig zu.

Der Briefkasten schickt eine Benachrichtigung, wenn Post da ist

Hinrichs betritt das Haus durch die alte Gründerzeitfassade. Er läuft durch einen Betongang, in dem Pfützen stehen. Noch ist es ein Rohbau, es regnet rein, und eine provisorische Rampe führt ins Hochparterre, wo Ingenieure gerade mit roten Lichtstrahlen, die wie dünne Laserschwerter aussehen, den Raum vermessen.

In diesem Haus installiert Hinrichs, was der technische Fortschritt hergibt, was avantgardistisch ist und den Zeitgeist verkörpert: Der Briefkasten schickt eine Benachrichtigung, wenn Post hineinfällt. Der Fahrstuhl kommt, sobald er das Handy eines Bewohners an der Eingangstür erkennt, und die Wohnungstür öffnet nach demselben Prinzip. In der Wohnung soll eine Maschine auf Wunsch eine frische Seebrise erzeugen, und im Bad steuert eine Software jede Düse des Duschkopfs einzeln an. Erfunden hat das nicht etwa eine Firma aus Kalifornien, sondern Dornbracht, ein Hersteller für Armaturen aus Iserlohn. Dessen Hightech-Dusche kann Tropfen für Tropfen von warm auf kalt umstellen und erzeugt so ein Wechselbad, bei dem man gleichzeitig kalt und heiß duscht.

Streit um ein Kult-Restaurant

Im Vergleich dazu ist es beinahe konventionell, dass die Bewohner ihre Waschmaschine, die Heizung und das Licht fernsteuern können, dass die Thermostate von einer Tochterfirma von Google stammen und es WLAN auch in der Garage gibt.

Der Bauherr tritt im Hochparterre über die Brüstung hinaus aufs Gerüst und fängt an zu steigen. Er klettert Leiter um Leiter, zwängt sich durch die Luken in den Gerüstetagen, stößt sich an einer geschlossenen Klappe den Kopf, klettert weiter, bis er den vierten Stock erreicht. Er schlendert ans Ende des Gerüsts, wo nichts mehr den Blick in Richtung Alster stört, und beginnt zu erzählen, was er in der Immobilienbranche gelernt hat: wie strittig selbst kleine Sachverhalte sind. Dass praktisch aus allem ein Armdrücken, ein Poker wird und wie Probleme oft nur durch Deals gelöst werden können. Dass der krumme Weg ans Ziel führt, nicht der gerade. Er sagt, das habe ihn überrascht, obwohl er zuvor mit Xing ein Unternehmen aufgebaut habe, das heute an die 100 Millionen Euro Umsatz macht und bei dessen Verkauf er an die 50 Millionen Euro erlöste.

Wo einst Wolfgang Joop wohnte, parkt Hinrichs nun sein Elektroauto

Wie von einem Vogelnest kann Hinrichs oben auf dem Gerüst seine neue Wirkungsstätte betrachten, und er ist oft dort oben. Wenn er nicht auf Reisen ist, kommt er fast täglich vorbei.

Hinrichs zeigt auf eine überbaute Durchfahrt zum Mittelweg. Dort sei das Grundbuch nicht eindeutig, sagt er, der Nachbar habe deshalb ein Wegerecht geltend gemacht und damit die Planung, über der Zufahrt zu bauen, verhindern können. Den Verzicht darauf habe er dem Nachbarn abhandeln müssen. Derzeit streiten sie darum, ob er für die Dauer der Bauarbeiten noch 10.000 Euro im Monat bekommt. Quasi als Entschädigung. Obwohl er die Zufahrt schon lange wieder benutzen und über Hinrichs Grundstück in seinen eigenen Hinterhof fahren kann.

Dann dreht sich Hinrichs um. Hinter seiner Baustelle liegt eine Freifläche, und mit der hat er sich einen ziemlichen Skandal eingehandelt. "Da stand mal ein italienisches Restaurant." Die Osteria Due existierte seit Jahrzehnten, sie war in einem früheren Pferdestall untergebracht, der Modedesigner Wolfgang Joop hatte in jungen Jahren darüber seine Wohnung. Der Ort war Kult in Hamburg, und die Betreiberin hatte einen noch lange laufenden Mietvertrag, Hinrichs murmelt etwas von bis zu 20 Jahren, trotzdem sollte sie weichen, und er wusste, er musste sich mit ihr einigen.

Wie diese Auseinandersetzung verlief, wer wann die Unwahrheit gesagt, wer wen unter Druck gesetzt hat, das erzählen beide Seiten unterschiedlich. Es fängt damit an, dass Hinrichs sagt, er habe der Betreiberin nahezu 600.000 Euro geboten und versprochen, vorne, im Neubau an der Rothenbaumchaussee, ein neues Lokal für sie einzurichten. Rechtsanwalt Michael Nesselhauf vertritt die Betreiber der früheren Osteria und sagt, Hinrichs habe sehr viel weniger geboten. Und die Miete im Neubau hätte nahezu doppelt so hoch gelegen wie im Altbau.

Hinrichs sagt weiter, die Betreiberin habe ihrerseits 3,2 Millionen Euro für einen schnellen Auszug gefordert. Wie aus Unterlagen hervorgegangen sei, die er später habe einsehen können, habe die Betreiberin in diese Summe unter anderem eine Party für alle Taxifahrer eingerechnet, die ihr über viele Jahre die Gäste geholt und gebracht hatten. Veranschlagte Kosten dafür: 70.000 Euro. Hinrichs amüsiert sich köstlich, als er sich daran erinnert, und sagt nur, er sei nicht darauf eingegangen.

Im nächsten Schritt hat die Betreiberin ihre prominenten Gäste gebeten, für den Erhalt des Lokals öffentlich einzutreten. Unter ihnen waren der Publizist Roger Willemsen, der Unternehmer Günter Herz (Tchibo) und ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Zusammen mit mehr als 500 Hamburgern unterschrieben sie einen offenen Brief an Bürgermeister Olaf Scholz. Hinrichs wandte sich seinerseits an mehrere Prominente, aber auch um die Fakten in diesem Brief entbrannte ein Streit, und es sei logisch, sagt Hinrichs, dass in dieser Zeit die Presse bei ihm auf der Matte stand: "Was gibt es Besseres. Kult-Wirte gegen jungen Internetmillionär. Das ist nun mal eine gute Geschichte."

Es scheint den Mann noch darin bestärkt zu haben, hart zu bleiben. Zumal sein Anwalt im Mietvertrag "mehrere Klauseln gefunden hat, die nicht korrekt waren. Und wenn eine Klausel nichtig ist, dann ist es der ganze Vertrag." Das war sein Pulver für die gerichtliche Auseinandersetzung, für die sich die Betreiberin ihrerseits eine der teuersten Kanzleien des Landes genommen hatte: Freshfields. Hinrichs kann sich bei dem Gedanken, was das gekostet haben mag, ein Grinsen nicht verkneifen.

"Eine fünfte Kategorie des Wohnens"

Am Ende habe die Richterin einen Vergleich empfohlen: "Sie meinte, beide Parteien seien so streitwillig, das würde Jahre dauern. Und so haben wir uns geeinigt. Ich habe 130.000 Euro bezahlt", sagt er. Jetzt ist die Osteria fort, und an der Stelle parkt an diesem Tag sein schwarzes Luxus-Elektroauto von Tesla.

Hinrichs steigt vom Gerüst, es ist kalt geworden, aber er möchte unbedingt noch erklären, wie er aus diesem aufwendigen Bau ein Geschäft machen will. Er schließt den Baucontainer auf, und weil drinnen dieselben Temperaturen wie draußen herrschen, muss Hinrichs tun, was er den Bewohnern seiner Luxusimmobilie ersparen will: Er geht auf alle viere und kriecht unter einen Tisch. Dort steckt die Elektroheizung.

In einer nun staubigen Baumwollhose setzt er sich danach an einen zweiten Tisch. Ein weißer Hemdkragen ragt unter seinem Pullover hervor. An den Ellenbogen sind hellbraune Ärmelschoner aufgenäht. Hinrichs sagt, er baue nicht bloß ein Haus, er versuche, "eine fünfte Kategorie des Wohnens" zu entwickeln. "Es gibt das Hotel, das Boarding-Haus, die unbefristete Mietwohnung und das Eigentum. Ich möchte genau in die Mitte noch eine fünfte Kategorie setzen." Er nennt sie Apartimentum. "Der Bewohner muss kein Kapital binden, aber er bekommt einen Luxus, wie er ihn normalerweise nur in einem Eigenheim hat."

Eine überdurchschnittliche Rendite will Hinrichs dadurch erreichen, dass er viel Technik zum Energiesparen einbaut. Seine Lieferanten hat er zu "Gerätepartnern" gemacht. Sie bestücken alle Wohnungen und geben Rabatte von bis zu 50 Prozent auf den Normalpreis. "Dafür dürfen die Firmen mit dem Haus werben", sagt Hinrichs. Der Küchenausstatter Miele erklärt, als man von dem Projekt gehört habe, habe man sehr gerne dabei sein wollen.

Bleiben die Kosten für die Bewohner. Die werden je nach Größe zwischen 2.000 und 8.000 Euro im Monat liegen, und damit deutlich über den Vergleichswerten für den nackten Quadratmeter im ohnehin teuren Harvestehude. Hinrichs scheut dafür das Wort "Miete". Er selbst spricht davon, dass er "Kubikmeter Wohnqualität" biete.

Geht seine Rechnung auf, will er sein Apartimentum in anderen Städten vervielfältigen.