Im Vergleich dazu ist es beinahe konventionell, dass die Bewohner ihre Waschmaschine, die Heizung und das Licht fernsteuern können, dass die Thermostate von einer Tochterfirma von Google stammen und es WLAN auch in der Garage gibt.

Der Bauherr tritt im Hochparterre über die Brüstung hinaus aufs Gerüst und fängt an zu steigen. Er klettert Leiter um Leiter, zwängt sich durch die Luken in den Gerüstetagen, stößt sich an einer geschlossenen Klappe den Kopf, klettert weiter, bis er den vierten Stock erreicht. Er schlendert ans Ende des Gerüsts, wo nichts mehr den Blick in Richtung Alster stört, und beginnt zu erzählen, was er in der Immobilienbranche gelernt hat: wie strittig selbst kleine Sachverhalte sind. Dass praktisch aus allem ein Armdrücken, ein Poker wird und wie Probleme oft nur durch Deals gelöst werden können. Dass der krumme Weg ans Ziel führt, nicht der gerade. Er sagt, das habe ihn überrascht, obwohl er zuvor mit Xing ein Unternehmen aufgebaut habe, das heute an die 100 Millionen Euro Umsatz macht und bei dessen Verkauf er an die 50 Millionen Euro erlöste.

Wo einst Wolfgang Joop wohnte, parkt Hinrichs nun sein Elektroauto

Wie von einem Vogelnest kann Hinrichs oben auf dem Gerüst seine neue Wirkungsstätte betrachten, und er ist oft dort oben. Wenn er nicht auf Reisen ist, kommt er fast täglich vorbei.

Hinrichs zeigt auf eine überbaute Durchfahrt zum Mittelweg. Dort sei das Grundbuch nicht eindeutig, sagt er, der Nachbar habe deshalb ein Wegerecht geltend gemacht und damit die Planung, über der Zufahrt zu bauen, verhindern können. Den Verzicht darauf habe er dem Nachbarn abhandeln müssen. Derzeit streiten sie darum, ob er für die Dauer der Bauarbeiten noch 10.000 Euro im Monat bekommt. Quasi als Entschädigung. Obwohl er die Zufahrt schon lange wieder benutzen und über Hinrichs Grundstück in seinen eigenen Hinterhof fahren kann.

Dann dreht sich Hinrichs um. Hinter seiner Baustelle liegt eine Freifläche, und mit der hat er sich einen ziemlichen Skandal eingehandelt. "Da stand mal ein italienisches Restaurant." Die Osteria Due existierte seit Jahrzehnten, sie war in einem früheren Pferdestall untergebracht, der Modedesigner Wolfgang Joop hatte in jungen Jahren darüber seine Wohnung. Der Ort war Kult in Hamburg, und die Betreiberin hatte einen noch lange laufenden Mietvertrag, Hinrichs murmelt etwas von bis zu 20 Jahren, trotzdem sollte sie weichen, und er wusste, er musste sich mit ihr einigen.

Wie diese Auseinandersetzung verlief, wer wann die Unwahrheit gesagt, wer wen unter Druck gesetzt hat, das erzählen beide Seiten unterschiedlich. Es fängt damit an, dass Hinrichs sagt, er habe der Betreiberin nahezu 600.000 Euro geboten und versprochen, vorne, im Neubau an der Rothenbaumchaussee, ein neues Lokal für sie einzurichten. Rechtsanwalt Michael Nesselhauf vertritt die Betreiber der früheren Osteria und sagt, Hinrichs habe sehr viel weniger geboten. Und die Miete im Neubau hätte nahezu doppelt so hoch gelegen wie im Altbau.

Hinrichs sagt weiter, die Betreiberin habe ihrerseits 3,2 Millionen Euro für einen schnellen Auszug gefordert. Wie aus Unterlagen hervorgegangen sei, die er später habe einsehen können, habe die Betreiberin in diese Summe unter anderem eine Party für alle Taxifahrer eingerechnet, die ihr über viele Jahre die Gäste geholt und gebracht hatten. Veranschlagte Kosten dafür: 70.000 Euro. Hinrichs amüsiert sich köstlich, als er sich daran erinnert, und sagt nur, er sei nicht darauf eingegangen.

Im nächsten Schritt hat die Betreiberin ihre prominenten Gäste gebeten, für den Erhalt des Lokals öffentlich einzutreten. Unter ihnen waren der Publizist Roger Willemsen, der Unternehmer Günter Herz (Tchibo) und ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Zusammen mit mehr als 500 Hamburgern unterschrieben sie einen offenen Brief an Bürgermeister Olaf Scholz. Hinrichs wandte sich seinerseits an mehrere Prominente, aber auch um die Fakten in diesem Brief entbrannte ein Streit, und es sei logisch, sagt Hinrichs, dass in dieser Zeit die Presse bei ihm auf der Matte stand: "Was gibt es Besseres. Kult-Wirte gegen jungen Internetmillionär. Das ist nun mal eine gute Geschichte."

Es scheint den Mann noch darin bestärkt zu haben, hart zu bleiben. Zumal sein Anwalt im Mietvertrag "mehrere Klauseln gefunden hat, die nicht korrekt waren. Und wenn eine Klausel nichtig ist, dann ist es der ganze Vertrag." Das war sein Pulver für die gerichtliche Auseinandersetzung, für die sich die Betreiberin ihrerseits eine der teuersten Kanzleien des Landes genommen hatte: Freshfields. Hinrichs kann sich bei dem Gedanken, was das gekostet haben mag, ein Grinsen nicht verkneifen.