Der Berg ruft nicht; er johlt. An einem normalen Freitagabend herrscht am höchsten Punkt von Blankenese eine Stimmung, die man nur als Gaudi bezeichnen kann. Hinter Fensterläden mit eingeschnitzten Herzchen wuchten Buam in Lederhosen Maßkrüge auf große Tische. Dort sitzen Hanseaten Schulter an Schulter, beschwingt nicht zuletzt von der eigenen Zünftigkeit.

Man sollte sich an den Anblick gewöhnen. Alpine Gastlichkeit ist gefragt im wintersportversessenen Hamburg. Auf dem Süllberg wirkt sie nicht einmal deplatziert. Der Blick ins Tal macht etwas her; und der Wind auf dem Gipfel weht so kalt, dass man sich dankbar in die hölzerne Spitzdachhütte flüchtet, die jeden Winter hier aufgebaut wird.

Hinter der Tür kommt der Kulturschock. Braten-Bier-Geruch schlägt einem entgegen, aus den Boxen dröhnt Live is Life. Eine Kellnerin trägt eine Doppelmagnumflasche Obstler wie eine Panzerfaust auf der Schulter. Klingt schrecklich, ist es aber nicht. Man merkt schnell, wie viel Elan jeder hier in den Mummenschanz steckt. Das hat sich offenbar herumgesprochen. "Wir sind eigentlich immer ausgebucht", sagt der Restaurantleiter.

Sein Chef Karlheinz Hauser wurde mit Haute Cuisine bekannt; auch ist er Badener und kein Bayer. Doch man muss nur ein Weilchen auf die Kasse schielen, um zu verstehen, warum er sich den Hüttenzauber auf seinen Süllberg geholt hat. 456 Euro, 917 Euro, 1.192 Euro ... So geht das in einem fort. Dabei sind die Preise für Blankeneser Verhältnisse völlig in Ordnung. Bloß wird hier nicht nach örtlichem Maß konsumiert. Die Leute fühlen sich im Urlaub. Am Nebentisch johlen sie Ja, mir san mit’m Radl da – biedere Männer in Bürokleidung, von denen man nur hoffen kann, dass sie wirklich nicht mit dem Auto da sind. Die Panzerfaust-Kellnerin steuert sie treffsicher an: "Noch eine Runde Schnaps?" Der biederste Büromann schreit: "Jawoll, noch mal Williams-Birne!" Jawoll, denkt vielleicht auch die Kellnerin – wieder 80 Euro mehr auf dem Bon. Nicht dass es an der Grundlage fehlte. Auf fast allen Tischen stehen mächtige Jausenplatten mit Kaminwurzen und Speck.

Dass hier wirklich alpenländisch gekocht wird, ist durchaus erwähnenswert. Hamburg hat auch Kaminstuben, die Sushi servieren. Schon die Flädlesuppe zeigt, dass hier Könner am Herd stehen. So fein schmeckt keine Fertigbrühe. Auch am saftigen Backhendl mit noch saftigerem Kartoffelsalat stört nur die Süßlichkeit der Panade. Wer die Portion geschafft hat, verspürt wirklich Lust auf einen Schnaps. Drüben wird nachgelegt. Aber was soll’s, hier kennt einen ja keiner. Hamburg ist fern, über siebzig Höhenmeter.

Einen Kaiserschmarrn noch vor der Talfahrt. Komisch, die Stücke sind allzu fluffig und aufgebläht wie Marshmallows. Ob das vom geringeren Luftdruck hier oben kommt? Im Saal tanzt man jetzt auf den Stühlen, ausnahmsweise mal nicht zu Stimmungsmusik, sondern zu Reinhard Mey. Den Refrain singen ein paar Dutzend Elbanrainer mit roten Wangen und verrutschten Krawatten mit: "Über den Wolken ..." Da kann der Kiez nicht mithalten. Die Große Freiheit ist heute hier oben.

Almhütte auf dem Süllberg, Süllbergterrasse, Blankenese. Tel.: 86 62 52 33, www.suellberg-hamburg.de/restaurants/almhuette. Geöffnet bis zum 29. März, Mo–Fr 15–23.30 Uhr, Sa–So 12–23.30 Uhr. Hauptgerichte um 20 €.