Der Sinn der Schöpfung ist Freiheit, politische Freiheit. Das beglaubigen fromme Juden an jedem Freitagabend im häuslichen Segensspruch über den Wein: "Du hast Gefallen an uns. Du lässt uns teilhaben an Deinem heiligen Ruhetag, der daran erinnert, dass Du alles geschaffen hast. Er ist der erste Tag der 'Tage heiliger Versammlung', eine Erinnerung an den Auszug aus Ägypten." Dieser Segen entwickelt ein Gebet weiter, das von Rabbinern in der späten Antike verfasst wurde, ein Gebet, in dem Schöpfung und Bundesschluss in einem Atemzug genannt werden.

Diese im biblischen Buch Exodus geschilderten Vorgänge sah und sieht die religionskritische Aufklärung vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart anders: ging doch dem Bundesschluss Gottes mit den Juden ein dramatischer, von grausamen Plagen begleiteter Aufbruch israelitischer Sklaven ebenso voraus wie die Gabe eines Gesetzes, das ihnen Gehorsam, wenn nicht Unterwerfung abverlangte. In der biblischen Exodusgeschichte mit ihrem Helden Moses drückt sich aus, was der Ägyptologe Jan Assmann als "mosaische Unterscheidung" bezeichnet: die Übertragung der Unterscheidung von Wahr und Falsch in die Religion. Dabei geht es Assmann nicht um eine pauschale Kritik des Monotheismus, sondern "um die historische Analyse seines revolutionären Charakters als einer weltverändernden Innovation". Also nicht um die recht grobe Behauptung, dass der Monotheismus "von Haus aus und notwendigerweise intolerant sei", sondern "um den Aufweis der ihm innewohnenden Kraft zur Negation".

Diese Kraft habe den Glauben an den einen Gott im alten Orient zu einer "Gegenreligion" werden lassen. Gleichwohl betont Assmann, dass der Monotheismus "die Geschichte seiner Durchsetzung als eine Geschichte der Gewalt in einer Serie von Massakern" erzähle. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat diese kritische These in seiner Schrift Im Schatten des Sinai noch verschärft: Er deutet den Exodus als Erzählung von einer angstverstärkten "totalen Herrschaft" und sieht die Entstehung des Judentums durch ein Prinzip der "Autosuizidalität", also durch die Neigung zum Gruppenselbstmord geprägt.

Beide so gegensätzliche Autoren sind sich aber über eines einig: die radikale Neuartigkeit des (israelitischen) Monotheismus. Diese Annahme hat der amerikanische Religionswissenschaftler Robert Bellah in seinem nachgelassenen Werk Religion in Human Revolution bestätigt: Die Geschichte von Moses sei eine welthistorisch neue Konzeption dessen, was ein "Volk" sei – nämlich ein Bund unter Gesetzen. Moses erweise sich daher als "Übergangsobjekt" für Völker, die bisher nur ein monarchisches Gottkönigtum kannten (in der Bibel verkörpert durch die Pharaonen) und sich plötzlich einem transzendenten, gestaltlosen Gott in wechselseitigem Bund verpflichtet sehen.

Tatsächlich: Die ideengeschichtliche Forschung zeigt, dass die Exoduserzählung mit ihrem Helden Moses zur Grundlage des politischen Denkens der westlichen Zivilisation seit der Neuzeit wurde. So setzte sich Spinoza ausführlich mit Moses als Gesetzgeber auseinander, auch Thomas Hobbes, ja schon früher Machiavelli erörterten den Vorbildcharakter der mosaischen Gesetzgebung; und einer der Begründer des Völkerrechts gar, Hugo Grotius, nahm auf Moses Bezug, um die Prinzipien eines universalistischen Völkerrechts zu entfalten.

Für die heutige Interpretation wurde vor allem der amerikanische Philosoph Michael Walzer mit seiner Studie Exodus und Revolution aus dem Jahr 1985 bestimmend. Walzer weist nach, wie sehr die Exodusgeschichte die Wahrnehmung von modernen Befreiungsbewegungen prägt. "Ohne die neuen Ideen der Unterdrückung und Verderbtheit, ohne das Gefühl für Ungerechtigkeit, ohne moralischen Abscheu wären weder Exodus noch Revolution möglich", schreibt Walzer und zeigt, wie die mosaische Dialektik von reformistischer Selbstbefreiung und terroristischem, leninistischem Befreiungsfuror die neuere Geschichte vorantreibt.

Ist das Buch Exodus eine Anweisung zur Revolution? Vor allem trägt es die Idee des (politischen) Bundes in den Okzident. Dieser Bund schafft aus einer herkunftsbezogenen Stammesgesellschaft eine politische Nation – und unterscheidet sich radikal von den griechischen Staatsideen etwa eines Aristoteles, der im politischen Leben eine anthropologische Bestimmung des Menschen sah.

Schließlich wird Moses, der Mann Moses, zu einem widersprüchlichen Befreier. Sigmund Freud deutet ihn als Ägypter, der vom Volk der Hebräer im Widerstand gegen sein eigenes Gesetz ermordet wird – eine Deutung, die Thomas Mann in seiner 1944 verfassten Novelle Das Gesetz wiederholt. Politische Befreiung verlangt Opfer, und manchmal ist das Opfer der Befreier selbst. Es war der Kirchenvater Augustinus, der der Geburt des Neuen folgende Wahrheit attestierte: "Inter faeces et urinam nascimur" – wir werden zwischen Kot und Urin geboren! Wir dürfen uns daher Moses, den Ägypter, als archetypischen Geburtshelfer politischer Freiheit vorstellen.

Von Micha Brumlik erschien soeben in einer Neuauflage: "Vernunft und Offenbarung". Er gehört außerdem zu den namhaften Kontrahenten in dem aktuellen Sammelband: "Die Gewalt des einen Gottes. Die Monotheismusdebatte zwischen Jan Assmann, Micha Brumlik, Rolf Schieder, Peter Sloterdijk und anderen".