Alfons, der Gotteskrieger

Ein Junge mit blonden Haaren. Eine Kindheit mit Sportverein und guten Schulnoten. Ein Tod auf dem Schlachtfeld in Syrien. Wie passt das zusammen?

Es ist ein sonniger Tag im Juni 2014, als Alfons’ Mutter, eine deutsche Akademikerin Mitte 50, an ihre Wohnungstür tritt. Zwei junge Männer haben geklingelt, einer sieht aus, als sei er noch in der Pubertät. Sie überbringen ihr die Botschaft: "Herzlichen Glückwunsch, Ihr Sohn ist jetzt im Paradies."

Alfons hatte gesagt, er fahre in die Türkei, er wolle sich ein neues Leben aufbauen. Und jetzt erzählen diese zwei Männer von seinem Tod. Dass er erschossen wurde in Syrien, als Kämpfer im Heiligen Krieg. Alfons R. aus Hamburg starb wenige Wochen nach seinem 19. Geburtstag.

Ein Gotteskrieger, der Alfons heißt. Wie konnte das passieren? Wie konnte ein großer, schlaksiger deutscher Junge, sensibel und begabt, Sohn einer gebildeten Frau, mitten in Hamburg radikalisiert werden?

Alfons wird am 26. April 1995 geboren, er wächst im Stadtteil Ottensen auf. Ein Viertel mit Spielplätzen, Cafés und Kopfsteinpflastergassen. Seine Mutter ist Linguistin, den Vater sieht er nur alle paar Jahre, eine Bindung zu ihm entsteht nie.

Alfons hat dunkelblonde Haare und braune Augen. In seinem Zeugnis zum Abschluss der siebten Klasse an der Max-Brauer-Schule steht: "Lieber Alfons, du bist ruhig und freundlich. Manchmal lenkst du dich und deine Mitschüler ab. Am Sportunterricht hast du mit Freude teilgenommen." Eine Jedermann-Bewertung.

Am auffälligsten an Alfons ist seine Größe: Mit 16 Jahren ist er fast zwei Meter lang. In seiner Freizeit spielt er Basketball im Sport Club Ottensen. Er ist HSV-Fan und ein guter Schachspieler.

Sensibel und reflektiert – so kommt Alfons den Erwachsenen vor. Nach der mittleren Reife beginnt er eine Ausbildung zum "sozialpädagogischen Assistenten". Drei Tage die Woche lernt er jetzt an der Anna-Warburg-Schule, einer modernen Berufsschule. In seinem Zeugnis stehen fast nur Zweien und Einsen. Zwei Tage die Woche arbeitet er als Praktikant in einer Kita.

Dort wird Alfons gemocht, er kann gut mit Kindern umgehen. In einem Empfehlungsschreiben vom 21. März 2013 steht: "Herr R. war stets pünktlich und zuverlässig. Seine Teamfähigkeit ist hervorragend, insbesondere seine Eigenreflexion, Einsatzbereitschaft u. sein verantwortungsvolles Handeln. Mit dem Erfolg, dass wir Herrn R. sehr gerne nach Abschluss seiner Ausbildung als vollwertigen Kollegen einstellen würden."

Alfons ist 17, und mit seiner Mutter redet er in dieser Zeit kaum. Sie ist, so scheint es, überfordert mit der Erziehung von ihm und seiner jüngeren Halbschwester. Menschen, die die Familie kennen, werden später sagen, dass Alfons zu Hause keine Nestwärme bekam.

Auf dem Schulhof steht er in der Raucherecke, dort philosophieren die Schüler manchmal über die Welt, in die sie geboren sind: voller Krisen und Terror. Wer sind die Bösen, wer die Guten? Für Alfons ergibt diese Welt keinen Sinn. Er will vor allem eines: sich angenommen fühlen, Zuneigung spüren, die er in seiner Familie so schmerzhaft vermisst.

Wie genau Alfons innerhalb weniger Wochen zum Islam findet, lässt sich nicht rekonstruieren, trotz vieler Gespräche mit Verwandten, Lehrern, Ermittlern und Anwälten. Vielleicht lädt ihn ein Mitschüler zum Freitagsgebet ein, vielleicht spricht ihn jemand auf dem Bolzplatz an. Alfons besucht die Ulu-Camii-Moschee hinter dem Altonaer Bahnhof.

In der Moschee lernt er einen jungen Mann kennen, nennen wir ihn Ümit, auch er ist ohne Vater aufgewachsen, seine Mutter ist eine alleinerziehende Türkin. Ümit und Alfons hängen gemeinsam ab, sie nennen sich "Brüder". Ümits Mutter kocht für die beiden, Alfons erscheint ihr höflich und hilfsbereit. Er wäscht sogar nach dem Essen die Teller ab.

Oft verkriechen die Freunde sich stundenlang in Ümits Zimmer und schauen Filme auf YouTube. Wahrscheinlich Propagandavideos des IS, aufgenommen in Syrien, in denen deutsche Kämpfer Sätze wie diese sagen: "Brüder, kommt rüber, es ist schön hier. Wenn ihr hier kämpft, kommt ihr direkt ins Paradies." Aus Ümits Kinderzimmer dringen Kriegsgeräusche.

In der ersten Zeit scheint Alfons der Islam gutzutun: Er trinkt keinen Alkohol mehr, er geht beten, anstatt zu feiern. All die Dinge, die seine Mitschüler tun, sind für Alfons jetzt haram, verboten. Aber je mehr Zeit Alfons mit seinem neuen Bruder verbringt, desto radikaler wird er. Nennt seine Familie kuffar, Ungläubige, und gibt sich auf Facebook den Kampfnamen "Jibril Atta". Jibril ist Arabisch für Erzengel, und atta bedeutet Geschenk.

Die Glaubensbrüder sind jetzt Alfons’ Familie, er findet eine Heimat im Islam. Er, der Suchende, hat einfache Antworten gefunden auf seine komplizierten Fragen: Im Koran steht, was richtig und was falsch ist.

Alfons wird dünn, tiefe Ringe verschatten seine Augen. Immer häufiger fehlt er in der Schule. Stunden, Tage, manchmal eine Woche. Seine Mutter unterschreibt die Entschuldigungen. Als die Schule anruft, um mit ihr über Alfons’ Lebenswandel zu sprechen, weint die Mutter viel. Es sei nur eine Phase, sagt sie.

Die Kita, die Alfons noch vor wenigen Monaten eine Stelle angeboten hat, schickt nun ein Schreiben: "Mit Bedauern müssen wir feststellen, dass Herr R. im letzten Vierteljahr häufig gefehlt hat!! Er hat uns mehrfach belogen, sodass wir mit sofortiger Wirkung das Praktikum vorzeitig beenden. Auch eine Anstellung in unserer Einrichtung ist damit hinfällig!!"

Im April 2013 wird Alfons volljährig. Sieben Tage später schreibt er mit kritzeliger Handschrift auf einen Zettel: "Hiermit trete ich von allen weiteren Prüfungen zurück und breche die Ausbildung ab." Ihm hätten nur wenige Wochen bis zu seinem Abschluss gefehlt.

Er drückt seiner Klassenlehrerin den Zettel in die Hand und sagt: "Ich gehe in die Türkei, um Sozialarbeit zu machen." Seine Lehrerin fleht ihn an, zu bleiben. Er nimmt sie in den Arm und sagt: "Machen Sie sich keine Sorgen."

In Alfons’ Schulakte schreibt die Lehrerin: "Salafisten-Camp?" Sie warnt, wen sie warnen kann, das LKA, Verwandte, die Polizei. Aufhalten kann sie ihren Schüler nicht.

Wenige Tage später sagt Alfons seiner Mutter, er werde mit Ümit in die Türkei fliegen. Das Flugticket kauft er sich vom Geld, das er zum 18. Geburtstag bekommen hat.

Einmal noch kehrt er zurück nach Hamburg, für wenige Wochen, verdient Geld als Nachtwächter, dann reist er wieder ab. Von nun an verlieren sich Alfons’ Spuren. Im Frühjahr ruft er ein letztes Mal an und sagt seiner Mutter, sie könne mit den Sachen in seinem Zimmer machen, was sie wolle.

Im Mai oder Juni 2014, das genaue Datum ist unbekannt, wird Alfons in Syrien getötet. Mit einem Kopfschuss, wie man sich erzählt. In der Salafistenszene ist er jetzt ein Held.

Als die zwei jungen Männer in Hamburg-Ottensen bei Alfons’ Mutter klingeln, überbringen sie ihr einen Koran und eine Gebetskette, die angeblich Alfons gehört haben. Sie lesen ihr aus seinem Abschiedsbrief vor. Alfons teilt darin mit, dass er seine Mutter und seine Schwester geliebt habe. "Ich bin nun im Paradies", schreibt er. "Ich wünsche mir, dass auch Ihr den Weg zum Islam findet."

VON AMRAI COEN UND MARC WIDMANN