Nur kurz gibt die Realität den Ton an. "Wir schätzen, dass jeder Schönwettertag, der vergeht, ein weiterer Schritt in Richtung Katastrophe ist", steht in der Gazette de Lausanne am 26. Juni 1976 zu lesen; so hat sich ein Vertreter des Schweizer Bundesamts für Landwirtschaft über die reale Not in "Europas großer Dürre" geäußert, wie sie alsbald heißen wird. Die Worte sind Roland Butis jüngstem Roman Das Flirren am Horizont wie ein Motto vorangestellt. Aber die Wirklichkeit wird sogleich, wie durch die Gluthitze dieses Jahrhundertsommers, zur Fiktion umgeschmolzen. Und ein Roman beginnt, in dem die Schönwettertage so lange anhalten, bis eine Welt untergegangen ist. Während eine andere entsteht.

Etwas geht zu Ende, etwas Neues beginnt, man lebt zwischendurch auf der Schwelle. Das muss keine Katastrophe sein, doch was in diesem Schweizer Dorf im Sommer 1976 geschieht, ist wohl nichts Gutes. Alles deutet auf Untergangsangst und Sorge um Rettung. "Es war im Juni des Jahres 1976", so beginnt ein junger Mann namens Gus Sutter rückblickend die Erzählung von seiner dörflichen Kindheit. "Es war der Beginn der großen Ferien meines dreizehnten Sommers. Es war das Jahr der Dürre."

Drei knappe Sätze zum Auftakt, und dann nimmt in flirrender Luft, "unter einem Himmel, so gelb wie Maispapier", ein überwältigendes Geschehen seinen Lauf. Der Notstand ist ausgerufen, Tankwagen des Militärs rollen über Land, um aus den Seen Wasser zu pumpen und "an Pflanzen zu retten, was noch zu retten war".

Etwas kosmisch Verrücktes scheint in der Luft zu liegen: Die Menschen im Dorf sagen, die Sonne sei der Erde zu nahe gekommen, andere, die Erdachse habe sich verschoben, nun ziehe die Sonne die Erde an. Butis Sprache wechselt zwischen einer fast biblischen Wucht und einer kaum merklichen Ironie, sie ist so präzise, so bildmächtig, so scharf konturiert und farbenreich, dass man lesend meint, mit Händen greifen zu können, was in der Hitze dieses Sommers Gestalt annimmt: ein epochaler Umbruch in der ländlichen Welt, den gleichermaßen die Tiere, die Menschen, die Pflanzen, die Böden, die Luft zu spüren bekommen. Alles und jeder. Eine Erdachsenverschiebung.

Magisches Denken ist im Spiel: Auch für Gus, den pubertierenden Comic-Leser, muss die Unabweisbarkeit dieser Zäsur irgendeine kosmische Erklärung haben, ein Asteroideneinschlag war’s vielleicht, dessen giftige Dämpfe auch in die Seelen und Körper gedrungen wären: "Wie sonst sollte ich mir die schleichende Veränderung im Charakter meiner Mutter erklären? Wie mir erklären, dass uns im Lauf dieses Sommers unser Leben entglitt und die Welt meiner Kindheit zu Ende ging?"

Roland Buti, ein 50-jähriger Geschichtslehrer aus der französischen Schweiz, hat zuerst als Historiker durch seine Doktorarbeit über die Schweizer extreme Rechte und deren Abwehr der Moderne für Aufsehen gesorgt. Er kennt die dörfliche Welt, die in rasender Eile verschwand. DasFlirren am Horizont ist Butis erster ins Deutsche übersetzte Roman, er wurde für den Prix Médicis nominiert, hat den Schweizer Literaturpreis 2014 gewonnen. Er schildert, wie die ökonomische Modernisierung der Landwirtschaft und des Dorflebens eine Art Naturgewalt entfaltet, wie die meteorologische Natur mit der modernen Menschennatur ein Bündnis eingeht und alles Bekannte unabwehrbar ins Unbekannte transformiert.

Denn dieser Glutsommer scheint überall Feuer zu legen, nicht nur im buchstäblichen Sinne des Versengens von Fauna und Flora: Während die Ernte verdorrt und Insekten vertrocknet zu Boden fallen, während Hühner in einer überhitzten Zuchthalle verenden und der nette Hund Sheriff nur unter der kalten Gießkanne noch zur Besinnung kommt, trägt es die Menschen davon, ins Unkontrollierte. Gus verliert mit einem einfältigen Dorfmädchen in einer zauberhaft sinnlichen Unterwasserumarmung die sogenannte Unschuld, die Mutter entdeckt ihre Liebe zu einer Frau, der Bauernhof gleitet in den Ruin, der Vater wird fast zum Mörder aus Eifersucht, die Familie zerfällt, und ein Gewitter kostet ausgerechnet den Menschen das Leben, der selbstlos mit Retten beschäftigt war – den "Dorftrottel" Rudy. Die Schöpfung, in der doch einmal alles gut gewesen sein soll, verdampft von Tag zu Tag, in einem doppelten Untergang, der alles Hergebrachte zerstört, Natur und Kultur.